Agiorgitiko: Griechenlands meistgepflanzter Rotwein

Aktualisiert: 16. Aug.

Steckbrief
Farbe: Rot – dazu Rosé, vom Perlwein bis knochentrocken
Name: griechisch Αγιωργίτικο, „das vom Heiligen Georg" – nach dem alten Namen des Dorfs Nemea
Herkunft: wahrscheinlich Argolida und Korinthia im Osten der Peloponnes
Appellation: eine einzige: PDO Nemea, seit 1971 – reinsortig, ohne Ausnahme
Rebfläche: rund 3.160 Hektar (ELSTAT 2020), zwei Drittel bis drei Viertel davon in Nemea
Typisch: Kirsche, Erdbeere, rote Johannisbeere – Kräuter, schwarzer Pfeffer, weiche Tannine
Beere: dünnschalig – empfindlich für Hitzestress im Tal und Fäulnis im Herbst
Reifestufen: Reserve: mind. 2 Jahre Reife (12 Monate Fass, 6 Monate Flasche) · Grande Reserve: mind. 4 Jahre (18 Monate Fass, 18 Monate Flasche)
Neue Qualitätsstufe: „Nemea Lions" – strenger als die PDO, erkennbar am Löwensiegel auf der Flasche
Vergleich: die griechische Antwort auf Merlot: rund und zugänglich, mit würziger Kante
Alle Punktzahlen auf dieser Seite stammen aus unseren eigenen Verkostungen; wir verkaufen
keinen Wein. Wo wir eine Zahl wie „aus 39 eigenen Verkostungen" nennen, zählen wir Weine,
die sortenrein sind oder mindestens zur Hälfte aus Agiorgitiko bestehen – Cuvées mit kleinem
Anteil bleiben draußen.
Was ist Agiorgitiko?
Agiorgitiko ist die meistgepflanzte rote Qualitätsrebsorte Griechenlands – nach den weißen
Massenträgern Savatiano und Roditis die drittgrößte Sorte des Landes überhaupt. Wir haben sie
in 45 Flaschen aus fünf Jahrzehnten verkostet, von 1978 bis 2025, vom 6,80-Euro-Wein ab
Hof bis zum Icon Wine – kaum eine griechische Sorte lässt sich so breit erleben, und keine
verzeiht dem Käufer so wenig Gleichgültigkeit bei der Auswahl.
Ihre Heimat ist der Osten der Peloponnes: Als wahrscheinlicher Ursprung gelten **Argolida und
Korinthia**, und dort liegt auch das Zentrum ihres Anbaus. Die Statistikbehörde ELSTAT wies
für 2020 rund 31.616 Stremma aus, also etwa 3.160 Hektar auf 4.287 Betriebe; zwei Drittel bis
drei Viertel davon stehen in der Ursprungsbezeichnung PDO Nemea, die seit der ersten
OPAP-Ratifizierung 1971 besteht. Der Name führt zum Heiligen Georg: Das Dorf Nemea hieß über
Jahrhunderte Agios Georgios, und „Agiorgitiko" heißt schlicht „das von dort".
Die Sorte selbst ist zugänglicher als ihr großer nordgriechischer Rivale, aber nicht
anspruchslos: Die dünnschalige Beere verträgt Hitzestress in der Talsohle schlecht und ist
bei Herbstregen fäulnisgefährdet – ein Detail, das die Höhenlage des Weinbergs zur wichtigsten
Angabe auf dem Etikett macht, die dort nie steht (dazu unten mehr). Und der Mythos gehört
dazu: Nemea ist der Ort, an dem Herakles den Nemeischen Löwen erlegte; der tiefrote Wein der
Region trägt deshalb den Beinamen „Blut des Herakles". Der Löwe steht auf Etiketten
– etwa beim
(89+), der als PGI Peloponnes läuft, weil das Weingut bei Korinth außerhalb der PDO liegt,
stilistisch aber sehr nah am klassischen Nemea ist. Ein strukturelles Detail unterscheidet
Agiorgitiko von Xinomavro: Er hat PDO-Status nur in Nemea, während sich Xinomavro diese
Ehre in mehreren Anbaugebieten verdient hat.
Wie schmeckt Agiorgitiko?
Das Leitmotiv ist rote Frucht: Kirsche, Sauerkirsche, Erdbeere, Himbeere, rote
Johannisbeere, Cranberry. Dazu kommt fast immer eine kräutrige Ader, oft eine ordentliche
Portion schwarzer Pfeffer. Bei einem holzlos ausgebauten Agiorgitiko haben wir sogar
Feuerstein und „frisch angefeuchtetes Flussbett" notiert – die Sorte kann
mineralisch-eigenwillig sein, nicht nur fruchtig. Dabei gibt es einen belegbaren
Nord-Süd-Kontrast: Auf der Peloponnes dominiert die rote Frucht, in Nordgriechenland
(PGI Drama, PGI Pangeon) verschiebt sich das Bild ins Dunkle – Heidelbeere und Schwarzkirsche,
dazu samtigere Tannine.

Das Tannin ist keine feste Sorteneigenschaft, sondern eine Frage des Ausbaus: vom
samtig-ausbalancierten Alltagswein bis zum Barrique-Wein, bei dem es den ganzen Mund
ausfüllt. Auch der Alkohol spannt sich weit, von 11,5 Prozent bei alten Massenmarkt-Nemea
bis 15 Prozent bei modernen Ambitions-Weinen.
Eine Grenze hat die Sorte: Große Aromaverschachtelungen sind die Ausnahme. Agiorgitiko ist
animierend genug, um eine ganze Mahlzeit hindurch zu begleiten – aber ein mittelmäßiger
Vertreter fällt schon am zweiten Tag mit oxidativen Noten auf, während ein schlecht gemachter
Xinomavro immerhin noch mit Tomate, Erdbeere und guter Säure überzeugt.
Nemea – die Heimat
Die PDO Nemea schreibt 100 Prozent Agiorgitiko vor – reinsortig, ohne Ausnahme. Die Zone
umfasst 17 Gemeinden von Aidonia und Archaia Nemea über Koutsi, Gymno und Psari bis
Asprokambos, und sie ist topographisch so stark gegliedert wie kaum eine zweite griechische
Appellation: Die Weinberge liegen zwischen 230 und über 1.000 Metern Höhe.

Wie unterschiedlich Nemea in der Praxis schmeckt – von 78 bis 95+ Punkten – zeigt unsere
17 Weine in einer Reihe, gerahmt von zwei Ausnahmeflaschen. Dort steht auch die unbequeme
Bilanz: In diesem Segment ist die Qualität durchwachsen, man muss genau hinschauen. Der
wichtigste Schlüssel zum genauen Hinschauen ist die Höhe – deshalb bekommt sie hier ihren
eigenen Abschnitt.
Die drei Höhen von Nemea – der Schlüssel zur Appellation
Nemea gliedert sich in drei Höhenstufen, und sie erklären mehr über den Wein im Glas als
jedes Rückenetikett:
Die Talsohle (230 bis 450 Meter) trägt schwere rote Ton- und Schwemmböden. Hier reifen
die Trauben schnell, die Erträge sind hoch, Zucker kommt früher als Aromareife – das Ergebnis
sind die weichen, warmen, kommerziellen Nemea, die den Ruf der Appellation tragen und
zugleich belasten. In heißen Jahren trifft der Hitzestress die dünnschalige Beere genau hier.
Der Mittelhang (450 bis 650 Meter) gilt vielen Erzeugern als die beste Balance der
Appellation: genug Wärme für die volle rote Frucht, genug Höhe für Säure und Struktur. Das
berühmteste Dorf dieser Lagen ist Koutsi – karge Kalkböden, steile Hänge, von Natur aus
kleine Erträge und eine langsame, gleichmäßige Reife. Von dort kommt der
(90) aus 50 Jahre alten Reben auf 380 Metern; auch
(90) bewirtschaftet ton-kalkige Parzellen zwischen 300 und 550 Metern, vom oberen Tal bis in
den Mittelhang.
Das Hochplateau (650 bis über 1.000 Meter) um Asprokambos ist die kühle Reserve der
Appellation: dünne, kieshaltige Kalkböden mit wenig organischer Substanz, große
Tag-Nacht-Spannen, die aromatischsten und langlebigsten Weine mit der höchsten Säure. Wer
einen Nemea sucht, der eher an kühles Klima erinnert als an den warmen Süden, sucht hier.
Diese Spreizung ist der Grund, warum die Debatte über eine stärkere Binnendifferenzierung
der Terroirs – für die Yiannis Karakasis seit Jahren argumentiert – keine akademische ist:
Ein Tal-Nemea und ein Plateau-Nemea aus demselben Jahr sind zwei verschiedene Weine unter
demselben Namen.
Neben der Höhe kennt die Appellation eine zweite, gesetzlich geregelte Achse: die
Reifestufen. Ein Nemea Reserve muss mindestens zwei Jahre reifen, davon zwölf Monate
im Fass und sechs in der Flasche; die Grande Reserve verdoppelt das auf vier Jahre mit
je achtzehn Monaten Fass und Flasche. Auf dem Etikett taucht die Stufe auch griechisch auf –
„Epilegmenos" für die Reserve, wie beim
(84) aus unserem Reife-Kapitel. Wie viel die Stufe im Glas bedeutet, hängt am Erzeuger: Der
(90) füllt sie mit Substanz.
Nemea Lions – der Löwe kehrt zurück, diesmal als Qualitätssiegel
Auf diese Debatte gibt es inzwischen eine Antwort aus der Appellation selbst: **„Nemea
Lions"**, die 2024 angekündigte Qualitätsstufe der Winzervereinigung von Nemea, entwickelt
nach dem Vorbild großer Weinregionen wie der Toskana und der Rioja. Sie ist ein
freiwilliger Zertifizierungsstandard des Verbands, keine Änderung des PDO-Rechts – und
ihre Anforderungen sind konkret: **Single-Vineyard-Weine aus mindestens zehn Jahre alten
Reben, höchstens 800 Kilogramm Ertrag je Stremma, mindestens 13 Prozent Alkohol, mindestens
24 Monate Gesamtreife und eine sensorische Freigabe.** Kenntlich macht sich die Stufe auf
der Flasche mit einem Siegel, das den Nemeischen Löwen trägt. Der Verbandspräsident Nikos
Vlachos brachte den Anspruch auf den Punkt: Man habe eine vierzig Jahre alte Akte gehabt,
die alles in der Zone regelte – und sich nun auf etwas geeinigt, „das die Architektur der
Region verändert".
Gespannt sein darf man – und zugleich genau hinschauen, denn die bisher bekannt gewordenen
Kandidaten überraschen teilweise. Unter den ersten Löwen-Anwärtern soll der **Apocalypsis
der Barafakas Winery** sein, mit dem Jahrgang 2017; denselben Wein kennen wir aus dem
Jahrgang
– den 2017er selbst hatten wir noch nicht im Glas. Für ein Siegel mit GG-Anspruch wären
Weine unter 90 Punkten ein schiefer Start. Sobald die erste Flasche mit dem Löwen in
unserem Glas landet, steht sie auf dieser Seite – die ausführliche Einordnung samt unserem
ersten Vorbehalt steht in der
Der Kreis schließt sich damit auf hübsche Weise: Der Löwe, den Herakles im Mythos erlegte,
kehrt als Maßstab zurück – nicht mehr als Etiketten-Schmuck, sondern als Versprechen.
Hoffen wir, dass er überzeugend brüllt.
Welche Jahrgänge?
Nemea belohnt den Blick auf das Erntejahr mehr, als sein Ruf als verlässlicher Alltagswein
vermuten lässt – und die Höhenstufen von oben lesen bei jedem Jahrgang mit.
Das Referenzjahr ist 2020 (9 von 10 in unserer Jahrgangsdatenbank, der beste Wert
der Reihe): ein milder Sommer, dann ein kühler, sonniger, trockener September ohne
nennenswerte Ernteregen, kleine Erträge, kerngesundes Lesegut. Christos Aivalis vom Aivalis
Estate nannte es „das beste Jahr der letzten 30 Jahre", George Palivos vom Palivou Estate
hob das phenolische Potenzial bei frischer Säure hervor. Wie nah Licht und Schatten
beieinanderliegen, zeigt das Jahr danach: 2021 (6) gilt als „Jahr des Önologen" –
eine Hitzewelle mit 45 bis 47 Grad brachte kleine, dickschalige Beeren mit viel Farbe und
Konzentration, aber niedriger Säure und hohen pH-Werten. Ein Jahr Abstand, drei Punkte
Unterschied.
2018 (6) ist der Lagenjahrgang der Reihe – und der beste Beleg dafür, warum die
Höhenstufen kein akademisches Thema sind: Sommerregen und Falscher Mehltau trafen den
Talkessel und verwässerten die Weine, während Koutsi und die anderen Höhenlagen bei **7 bis
8 landeten, die Talweine bei 4 bis 5**. Tselepos sprach von exzellenten Trauben im
Koutsi-Untergebiet, Skouras war „anfangs entmutigt, mit dem Gesamtergebnis zufrieden" –
derselbe Jahrgang, zwei Welten, getrennt durch ein paar hundert Höhenmeter und eine
dünnschalige Beere.
2019 (7) brachte späte, gesunde Reife mit ausgeprägt hoher Säure – ein gutes, kein
großes Jahr, das im Landesschnitt besser dastand als in Nemea selbst. 2022 (8)
wurde nach Spätfrösten und Hagel Ende März harmonisch-klassisch: im Talboden generös, in
den Höhenparzellen präziser. 2023 (6) ist der ehrliche Schwachpunkt unter den
Roten: Regen im Mai und Juni brachte Peronospora, die feuchte Septemberluft zwang zu
hastiger Lese aus Botrytisangst – bei den straffer extrahierten Weinen lohnt die Vorsicht
vor grünen Tanninen. 2024 und 2025 stehen beide bei 7, aus entgegengesetzten
Gründen: 2024 legte sich eine Hitzeglocke mit zwölf Tagen über 40 Grad über die Zone,
blockierte die Reife und kostete je nach Lage 10 bis 40 Prozent Ertrag; 2025 begann mit
Frost und Hagel Ende März, wurde aber von einem Sommer ohne Hitzewellen im kritischen
Reifefenster und Nordwinden ab Mitte August gerettet – ausgewogene Weine bei 25 bis 50
Prozent weniger Menge.
Für die Praxis: Beim Talwein entscheidet das Jahr stärker als beim Höhenwein – 2018 hat es
vorgeführt. Wer gezielt kauft, nimmt 2020 und 2022; beim 2023er lohnt der Blick auf den
Erzeuger doppelt.
Die Stile
Jung & fruchtig
Der Stil mit dem meisten Trinkfluss – und unser heimlicher Favorit. Ohne Holz, kurze
Maischestandzeit, Edelstahl. Der
(89) beweist, dass Agiorgitiko ganz ohne Fass Spaß macht: Sauerkirsche, schwarzer Pfeffer,
Butterkaramell in der Nase. Der
liefert für unter 10 Euro eine vibrierende Fruchtaromatik, die einen sämtliche
internationalen Rebsorten vergessen lässt – 90 Punkte. Dazu Barafakas'
(86) mit nur vier Monaten Tanklager und der
(87) für rund 8 Euro. Leicht gekühlt trinken – so funktioniert dieser Stil am besten.
Reserve & Holz
Das Gegensatzpaar lässt sich an zwei Weinen ablesen. Der
sieht laut Julia Harding MW nur fünf Monate zweitbelegte Eiche und kommt mit 12,5 Prozent
Alkohol aus: erfrischend und zugleich elegant, 92 Punkte für rund 10 Euro. Der
geht den Gegenweg – zwölf Monate französische Barriques zu 70 Prozent neu, 14 Prozent
Alkohol, 90 Punkte. Dazwischen liegen
mit überwiegend gebrauchter Eiche und
(89) mit mindestens zwei Jahren Flasche vor der Freigabe.
Ganz oben stehen die Ikonen. Der
aus der PGI Pangeon holt 94 Punkte; laut Weingut war der Areti der erste Agiorgitiko, der
je außerhalb Nemeas erzeugt wurde. Der
stammt aus einem über 100 Jahre alten, wurzelechten Weinberg bei Nemea – wilde Hefen,
15 Hektoliter je Hektar, sehr fein geschliffenes Tannin, 94 Punkte. Und der
hat mit 95+ die höchste Bewertung, die wir je an einen reinsortigen Agiorgitiko vergeben
haben: Schwarzkirschlikör, Veilchen, Graphit, Meeresbrise.
Gereift
Die Grundregel zuerst: Gereifter Agiorgitiko wird oft spröde wie trockenes Holz – es gibt
sogar ein wiederkehrendes Fehlbild, das wir „die Schärfe von überlagertem Agiorgitiko"
nennen: brandig, metallisch, bitter.
Und doch überraschen ausgerechnet die ganz alten Flaschen. Der
zum 45. Geburtstag geöffnet, war bemerkenswert geschmeidig – 90 Punkte. Der
eine schlichte Standardabfüllung mit 11,5 Prozent Alkohol, kommt ebenfalls auf 90, der
nach 34 Jahren noch auf 89.
Zwei Muster fallen auf. Erstens verläuft die Reifung nicht entlang des Preises: Die
schlechteste alte Flasche ist ausgerechnet die exportstärkste Marke der drei großen Häuser,
der
mit 78 – zwölf Punkte unter der schlichten Boutari-Abfüllung. Zweitens sind die
eigentlichen Verlierer die *mittelalten* Weine:
landete nach elf Jahren bei 82,
nach dreizehn Jahren bei 83.
Konserviert hat die alten Nemea nicht der Alkohol, sondern die tragende Säure.
Reifepotenzial ist real, aber die Ausnahme – es hängt an der Flasche und der Lagerung, nicht
am Preissegment. Die volle Beweisführung steht in unserer
Agiorgitiko-Rosé
Der Rosé ist die am meisten unterschätzte Spielart – und in der Praxis immer ein Verschnitt:
Unter den neun Agiorgitiko-Rosés unserer Datenbank ist kein einziger reinsortig; der höchste
ausgewiesene Anteil sind 80 Prozent.
Der überzeugendste Vertreter ist das
80 Prozent Agiorgitiko, lieblich mit 18 Gramm Restzucker, 2,4 bar Perlage und nur 11 Prozent
Alkohol – für uns der beste liebliche Roséwein Griechenlands seines Jahrgangs, 91 Punkte.
Trockener und mit ordentlich Grip kommt das
daher, halb Grenache Rouge, halb Agiorgitiko, 88 Punkte.
Nach unten ist die Spanne groß: Der
kommt auf 79, der
wegen oxidativer Noten nur auf 70. Hier lohnt der Blick auf den Erzeuger besonders.
Agiorgitiko als Cuvée-Partner
Anders als Xinomavro, das mit der PDO Rapsani eine Verschnitt-Tradition besitzt, hat
Agiorgitiko im Blend keine eigene Herkunftsbezeichnung: **Weil die PDO Nemea ausschließlich
für reinsortigen Agiorgitiko gilt, muss jede Cuvée in die PGI ausweichen** – auch die
berühmteste.
Genau das ist die Geschichte des
80 Prozent Agiorgitiko, 20 Prozent Cabernet Sauvignon, 18 Monate in neuen französischen
Barriques – und deshalb PGI Peloponnes. George Skouras brachte burgundisches Know-how auf
die Peloponnes; sein Megas Oenos gilt als inoffizieller Botschafter des griechischen Weins
und lag bei uns blind gegen fünf 2019er Bordeaux punktgleich an der Spitze: 94. Der
kleine Bruder
kommt auf 87.
Der zweite große Partner ist Syrah: Der
ist international vielleicht die bekannteste Agiorgitiko-Cuvée überhaupt (90+), noch
besser gefiel uns der
halb Agiorgitiko, halb Syrah (91+). Für die rassigeren Weine halten wir allerdings
Cabernet Sauvignon für die bessere Wahl. Mit Merlot funktioniert Agiorgitiko nach
dem Prinzip „gleich und gleich gesellt sich gern", vor allem bei den unkomplizierteren
Weinen – etwa
(90+) und
(85+).
Die größte Überraschung war ein Wein ganz außerhalb dieser Schemata: der
eine Cuvée aus Agiorgitiko, Mavrodaphne und Cabernet Sauvignon – ein 40 Jahre alter „Vin de
Table" mit 93 Punkten. In unserer Bestenliste steht er trotzdem nicht: Achaia Clauss hat
das Verhältnis der drei Sorten nie genannt, wir wissen also nicht, ob Agiorgitiko hier
wirklich die Hauptrolle spielt.
Was Agiorgitiko im Blend beisteuert: Frucht und Zugänglichkeit in der Jugend, eine erkennbar
florale Aromatik, Filigranität, bei den frischeren Vertretern moderaten Alkohol. Was er
in der Regel nicht liefert: Tanningerüst, Struktur, Alterungsreserve – der Cava Clauss ist
genau deshalb die Ausnahme, die auffällt.
In diesen Weinen ist Agiorgitiko Minderheits- oder gleichrangiger Partner – sie sind
keine Agiorgitiko-Weine im engeren Sinn, aber lohnend:
Die ganze Cuvée-Landschaft – von den Bordeaux-Trios über Mavrodaphne bis zu den offenen
Fäden wie einer Agiorgitiko-Xinomavro-Cuvée – haben wir im Artikel
durchgespielt.
Wozu passt Agiorgitiko?
Agiorgitiko bringt mit, was am Tisch zählt: weiches Tannin, saftige rote Frucht, kräutrige
Würze und moderaten Alkohol.

Aus unserer Verkostungspraxis stammt eine sehr konkrete Empfehlung:
Wildschwein-Auberginen-Gulasch passt hervorragend zur Aromatik von Agiorgitiko. Von dort
lässt sich das Feld aufspannen – aus Kräuterwürze und roter Frucht ergeben sich naheliegend
Lamm, gegrilltes Fleisch vom Holzkohlegrill und die klassische Moussaka, denn
Aubergine und Agiorgitiko sind ein belegtes Paar. Die moderate Säure der frischeren
Vertreter macht Tomatengerichte unproblematisch, an denen sich tanninlastige Rotweine
sonst reiben. Zu würzigem Hartkäse wie Kefalotyri braucht es dagegen die holzgereifte
Reserve mit mehr Griff.

Faustregel: Je jünger und holzloser der Wein, desto leichter gekühlt und desto flexibler am
Tisch.
Agiorgitiko als Alternative zu …
Wer weiche, fruchtige Rotweine mag, ist bei Agiorgitiko richtig – zu Preisen, die es in
bekannteren Regionen so nicht mehr gibt: Mehrere Weine mit 90 und mehr Punkten liegen
bei uns unter 10 Euro, der
kostete ab Hof 6,80 Euro.
Statt Merlot: Die Verwandtschaft ist so eng, dass beide Sorten sogar miteinander
verschnitten werden – sanft trifft sanft. Wer Merlot wegen seiner runden Zugänglichkeit
trinkt, findet bei Agiorgitiko dieselbe Weichheit plus eine kräutrig-pfeffrige Kante.
Statt jungem Chianti: Auch bei Sangiovese wird man mit Kirsche verwöhnt – aber nach ein
paar Schlucken würde man doch gerne den Korken einer ganz anderen Flasche ziehen. Bei
Agiorgitiko ist das nicht der Fall: zehn Mal lieber Agiorgitiko als Sangiovese.
Statt Côtes du Rhône: Wer dort die Mischung aus roter Frucht, schwarzem Pfeffer und
Kräuterwürze schätzt, findet sie beim Agiorgitiko wieder, oft bei niedrigerem Alkohol.
Die besten Agiorgitiko-Weine unserer Verkostungen
*Eine Zeile je Wein und Jahrgang; wo ein Wein zweimal verkostet wurde, zählt die spätere Verkostung. Sortiert nach Punkten.*
95+ – Philos Wines Apeiro „∞" 2015 (PGI Korinth)
94 – Domaine Skouras Megas Oenos 2019 (PGI Peloponnes)
94 – Ktima Biblia Chora Areti rot 2013 (PGI Pangeon)
94 – La Tour Melas Palies Rizes 2020 (PGI Fthiotida)
92 – Domaine Costa Lazaridi Château Julia Agiorgitiko 2020 (PGI Drama)
92 – Kokotos Estate Agiorgitiko 2020 (PGI Peloponnes)
91+ – Ktima Dyio Ipsi Dialogos rot 2019 (PGI Ilia)
91+ – Ktima Pavlidis Emphasis Agiorgitiko 2018 (PGI Drama)
91 – Barafakas Winery Treis Magisses 2021 (PDO Nemea (Rosé-Ausnahme: 80 %))
91 – Ktima Biblia Chora Areti rot 2016 (PGI Pangeon)
91 – Palivou Estate Nemea 2018 (PDO Nemea)
90+ – Ktima Pavlidis Thema rot 2017 (PGI Drama)
90+ – Olympia Land Estate Pheidias 2016 (PGI Ilia)
90 – Acra Winery Nemea Agiorgitiko 2020 (PDO Nemea)
90 – Ktima Driopi Reserve Agiorgitiko 2018 (PDO Nemea (Koutsi))
90 – Nemea Winery Nemea 2019 (PDO Nemea)
90 – Panagiotopoulos Wines Agiorgitiko Cube 2015 (PGI Trifilia)
90 – Cavino Nemea 1978 (PDO Nemea)
90 – Boutari Nemea 1998 (PDO Nemea)
*Hinweis zur Skala: Unsere älteren Artikel nutzen noch die 20-Punkte-Skala (18,5/20
entspricht ungefähr 95/100). Alle Punktzahlen auf dieser Seite sind auf die 100-Punkte-Skala
umgerechnet.*
Was jetzt ins Glas?
In einem Satz: Agiorgitiko ist Griechenlands weicher, fruchtiger Rotwein mit
kräutrig-pfeffriger Kante – am besten jung und leicht gekühlt getrunken, zu Preisen, die es
in bekannteren Regionen so nicht mehr gibt.
Wer die Sorte noch nicht kennt, fängt am einfachsten beim
an: rund 8 Euro, 87 Punkte, unkompliziert und sortentypisch. Wer wissen will, wie weit
die Sorte nach oben reicht, nimmt eine Flasche aus der Bestenliste.
Ein Hinweis dazu: Die ältesten Flaschen dieser Seite, der Cavino Nemea 1978 und der
Boutari Nemea 1998, sind Archivweine aus unserem eigenen Keller. Sie stehen hier als
Beleg dafür, dass Agiorgitiko reifen kann – nicht als Einkaufstipp. Im Handel wird man sie
nicht mehr finden.
Alle Agiorgitiko-Notizen
Hier sind alle Weine unserer Datenbank, in denen Agiorgitiko die Hauptrolle spielt –
Jahrgänge von 1978 bis 2025, Bewertungen von 70 bis 95+ Punkten. Fast alle sind reinsortig
oder haben einen ausgewiesenen Agiorgitiko-Anteil von mindestens der Hälfte. Dazu kommen
zwei Zwei-Sorten-Cuvées, bei denen der Erzeuger den Anteil nicht angibt – Agiorgitiko steht
dort jeweils an erster Stelle, und in der Verkostung trägt er den Wein hörbar.
Philos Wines Apeiro „∞" 2015 (95+), Domaine Skouras Megas Oenos 2019 (94), Ktima Biblia Chora Areti rot 2013 (94), La Tour Melas Palies Rizes 2020 (94), Domaine Costa Lazaridi Château Julia Agiorgitiko 2020 (92), Kokotos Estate Agiorgitiko 2020 (92), Ktima Dyio Ipsi Dialogos rot 2019 (91+), Ktima Pavlidis Emphasis Agiorgitiko 2018 (91+), Barafakas Winery Treis Magisses 2021 (91), Ktima Biblia Chora Areti rot 2016 (91), Palivou Estate Nemea 2018 (91), Ktima Pavlidis Thema rot 2017 (90+), Olympia Land Estate Pheidias 2016 (90+), Acra Winery Nemea Agiorgitiko 2020 (90), Boutari Nemea 1998 (90), Cavino Nemea 1978 (90), Ktima Driopi Reserve Agiorgitiko 2018 (90), Nemea Winery Nemea 2019 (90), Panagiotopoulos Wines Agiorgitiko Cube 2015 (90), Giannikos Winery The Lion 2018 (89+), Barafakas Winery Apocalypsis 2015 (89), Kourtakis Nemea 1990 (89), Lafazanis Winery Geometria Agiorgitiko 2020 (89), Barafakas Winery Saint Modesto 2021 (88), Lafazanis Winery Geometria Agiorgitiko 2023 (88), Lafazanis Winery Geometria Agiorgitiko 2024 (88), Ktima Pavlidis Emphasis Agiorgitiko 2016 (87+), Nikolaou Estate Nemea Agiorgitiko 2020 (87+), Domaine Skouras Akres 2025 (87), Barafakas Winery Idea rot 2021 (86), Dionysos Winery Agiorgitiko 2021 (86), Domaine Spiropoulos Porfyros 1996 (86), Fteri Vinum Winery Viale die Parioli 44 2020 (85+), Astir X Winery Fare Rebels rot 2017 (84), Semeli Estate Oneiros Helios 2019 (84), Tsantali Nemea Reserve Epilegmenos 1993 (84), Nicolas Repanis Agiorgitiko 2011 (83), Palivou Estate Anemos 2013 (82), Loukas Winery Ariston 2021 (80), Semeli Estate Charisma 2021 (80), Dionysos Winery Agiorgitiko Moschofilero 2021 (79), Kourtakis Kouros Nemea 1992 (78), Cavino Pandora 2021 (70), Dionysos Winery Orizontes rosé 2021 (70).
Weiterlesen: unsere Agiorgitiko-Deep-Dives
Diese Seite gibt den Überblick – die Tiefe steht in unseren vier großen
Agiorgitiko-Artikeln:
die Vertikale von 1978 bis 2021, mit allen Reifedaten, der Geschichte der großen
Export-Häuser der 1990er und dem Vergleich einer alten Nemea mit zwei berühmten Bordeaux
desselben Jahrgangs.
das Stilspektrum von holzlos bis Single Vineyard, mit den ausführlichen
Verkostungsnotizen zu Geometria, Palivou Nemea, Cube und Emphasis.
wie sich die Sorte 750 Kilometer nördlich von Nemea schlägt, und warum die Frucht dort
dunkler ausfällt.
**Agiorgitiko-Cuvées** –
die komplette Partner-Landkarte: Cabernet, Merlot, Syrah, Mavrodaphne, Pinot Noir,
Grenache und Moschofilero.
Bleib auf dem Laufenden
Wir verkosten laufend neue Agiorgitikos – von der 8-Euro-Flasche bis zum Icon Wine – und
schreiben jede Notiz selbst. Wenn du keine verpassen willst:
Kostenlos, jederzeit abbestellbar.
Bildnachweise
Landschafts- und Rebfotos via Wikimedia Commons: ulrichstill – Nemea Wine-Olives Corinthia Peloponnese (CC BY-SA 3.0 DE) · Zde – Vine tree near Archeological site of Nemea (CC BY-SA 4.0) · Elisavetch – Agiorgitiko (gemeinfrei). Die beiden Flaschenfotos stammen aus unseren eigenen Verkostungen.



Kommentare