Kechris „Tear of the Pine“ 2022 und 2024 im Vergleich

Im Juni 2026 standen zwei Flaschen desselben Weins nebeneinander auf dem Tisch. Die eine ist der erste Retsina, der es bei den Decanter World Wine Awards je zu Best in Show gebracht hat: 2024, mit 97 Punkten, als einer von 50 aus 18.143 eingereichten Weinen. Die andere kennt außerhalb Griechenlands kaum jemand.
Am Ende des Abends stand der berühmte Jahrgang bei 91 Punkten, der unbekannte bei 93. Das ist keine Provokation und kein Kategorien-Streit. Es ist das Ergebnis eines direkten Vergleichs, und es läuft ausgerechnet der Jahrgangserwartung entgegen: Der 2024er kommt aus dem heißesten Jahr, das Makedonien je gemessen hat.
Warum Retsina normalerweise anders funktioniert
Kaum eine Weinkategorie hat einen so festgefahrenen Ruf. Harzwein, Taverne, Urlaubskaraffe, dahinter die Annahme, dass hier billiger Wein durch Kiefernharz trinkbar gemacht wird. Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Der Lidl Retsina zeigt das Prinzip in Reinform: 11 % Alkohol, eine Säure, die erkennbar von unreifen Trauben stammt und nicht von ausgewogener Reife, und ein Harz, das das Fehlen von Aromen wirkungsvoll überdeckt. 82 Punkte, trinkbar für das, was er ist, aber eben ein Beleg dafür, warum das Verfahren einmal so beliebt war.
Die Retsinas, die wir bislang bewertet haben, liegen zwischen diesen 82 und 93 Punkten. Elf Punkte Abstand innerhalb einer Kategorie, die viele für einen einzigen Geschmack halten. Der Kechris ist nur das bekannteste Beispiel dafür.
Harz wie Holz
Kechris ist ein Familienweingut aus Thessaloniki mit Wurzeln bis 1911, die Kellerei in Kalochori besteht seit 1954. Unter Stelios Kechris, der in Dijon Önologie studierte, und seinen Töchtern Eleni, Maria und Zoe hat das Haus die Rehabilitierung des Retsina vorangetrieben. Der erste „Tear of the Pine“ stammt aus 2005 oder 2006; die Quellen sind sich beim Jahr nicht einig.
Der konzeptionelle Kern stammt von Eleni Kechri, und er ist in einem Satz erzählt: Das Harz ist kein Konservierungsmittel, sondern ein aromatisch-strukturelles Element wie Holz. Die Machart folgt dieser Idee konsequent: präfermentative Kaltmazeration, Gärung in Eichenfässern verschiedener Herkunft, Harzzugabe während der Gärung bei rund 15 Grad und damit wärmer als bei Weißwein üblich, danach sechs Monate auf der Feinhefe mit regelmäßiger Bâtonnage. Das ist Weißwein-Handwerk auf Premiumniveau, in das die Harzgabe eingebaut ist wie ein Fassausbau. So verstanden muss das Harz nichts kaschieren. Es darf sich zeigen.
Dazu eine rechtliche Kuriosität, die zur Sache gehört: Der Wein läuft als Retsina „Appellation by Tradition“, nicht als PDO. Die Trauben stammen aus Goumenissa im Kilkis, doch die PDO Goumenissa ist eine rote Appellation für Xinomavro und Negoska; ein weißer Assyrtiko-Retsina kann dort schlicht nicht laufen. Auch der Code „LN22“ auf dem Etikett ist kein Jahrgang, sondern ein Release-Code, weil Retsina rechtlich nicht klassisch jahrgangsetikettiert wird. Gemeint ist das Erntejahr 2022, gelesen am 1. September.
Der 2022er: 91 Punkte

In der Nase zeigt der 2022er das Harz vielschichtig, nach hinten hin dominierend, darunter süße Blüten. Am Gaumen meldet sich der Assyrtiko mit guter Säure, hat aromatisch dann aber recht wenig beizusteuern. Der Nachhall ist gut und zweistufig: erst darf der Assyrtiko dominieren, dann meldet sich das Harz noch einmal. Den Ton gibt vor allem die Säure an.
Für jemanden, der viele Assyrtiko-Retsinas verkostet hat, ist das kein umwerfender, sondern ein sehr ordentlicher Wein. Uns fehlt ein wenig Textur, ein wenig Cremigkeit, ein wenig Frucht. Der Wein droht zwischen Säure und Harz ins Wässrige zu kippen.
Eine Einschränkung gehört an diese Stelle und nicht ans Ende: Wir haben den 2022er im Sommer 2026 probiert, also fast vier Jahre nach der Ernte. Pavlos Gegas sah den Wein bei 92 bis 93(+) und setzte sein Trinkfenster auf 2026 bis 2033; nach dieser Lesart hätten wir ihn eher zu früh als zu spät erwischt. Peter Moser gab ihm im Falstaff 93 Punkte. Wann die beiden verkostet haben, ist allerdings nicht ausgewiesen; der Einwand mit dem Flaschenalter lässt sich also nicht allein an uns richten. Wir kommen auf 91, und wir kommen dorthin nicht gegen die Kritik, sondern neben ihr: Julia Harding MW, die den Wein für JancisRobinson.com über Jahre begleitet, hat ausgerechnet diesem Jahrgang ihre niedrigste Bewertung zwischen 2018 und 2025 gegeben (2019 und 2021 hat sie nicht verkostet). Zwei unabhängige Verkostungen, die beim selben Jahrgang nach unten zeigen, sind noch kein Beweis, aber sie sind mehr als ein Ausrutscher.
Und „nur“ 91 ist bei einem Wein, der in Deutschland für 15 bis 18 Euro über die Theke geht, ohnehin die falsche Formulierung. Zum Vergleich im eigenen Haus: Der einfache Kechribari kostet in der halben Flasche unter fünf Euro.
Der 2024er: 93 Punkte

Der 2024er glänzt in der Nase mit ätherischem, aber nicht schwerem Harz, das an das helle Grün frisch ausgetriebener Kieferntriebe erinnert. Zugleich ist der Assyrtiko aromatisch präsent, mit viel Frucht. Dieses Wechselspiel setzt sich am Gaumen fort: Mal tritt die Säure des Assyrtiko in den Vordergrund, mal macht das Harz mit Minze auf sich aufmerksam.
Entscheidend ist aber nicht der Wechsel, sondern die Textur. Harz und Wein ergänzen sich hier körperlich, sie liegen auf derselben Ebene. Genau das fehlte uns beim 2022er, wo beide nebeneinanderher laufen. 93 Punkte.
Die Thessaloniki Wine & Spirits Trophy 2026 hat den 2024er mit Gold, 96 Punkten und dem Kategoriesieg als „Best Retsina“ ausgezeichnet. Das ist nicht die Decanter-Ehrung, die galt dem 2022er. Im Handel geraten die beiden regelmäßig durcheinander, und wer nach den 97 Punkten greift, bekommt nicht den Wein, den wir hier vorne sehen.
Warum das gegen die Erwartung läuft
Wer den gefeierten Decanter-Star niedriger bewertet als seinen unbekannten Nachfolger, hätte den Jahrgang gern auf seiner Seite: Vielleicht war 2024 einfach noch besser als 2022? Diese Erklärung trägt hier leider nicht, sie zeigt sogar in die Gegenrichtung. Unsere Jahrgangsdaten weisen 2024 für Makedonien als Extremjahr aus: das wärmste, mit der härtesten Dürre und der frühesten Lese überhaupt. Gerade die Weißweine hatten es schwer, weil die Hitze Säure und Frische unter Druck setzte; landesweit sind die Weißen 2024 die Verlierer. 2022 dagegen gilt als einer der stärksten Jahrgänge der jüngeren Dekade. Der Sprung von 91 auf 93 läuft dieser Erwartung frontal entgegen. Aber genau so war unser klarer und einhelliger Eindruck, und entsprechend transparent und nachdrücklich wollen wir ihn auch äußern.
Die Zahl, an der sich das festmachen lässt, steht in der Analytik: Der 2024er hält 7,5 g/l Gesamtsäure, gegenüber 6,80 g/l im 2022er und 6,5 g/l im 2023er. In einem Hitzejahr, in dem die sehr frühe Lese der dokumentierte Qualitätshebel war, kommt so ein Wert nicht von allein. Hier hat jemand auf den Jahrgang reagiert, und die zusätzliche Säure ist genau das Gerüst, an dem das Harz im 2024er Halt findet und im 2022er keinen fand.
Damit ist die Frage beantwortet, mit der wir angetreten sind: Der berühmtere Jahrgang ist nicht der bessere. Er ist der ausgezeichnete.
Welche Flasche wir kaufen würden
Unsere Empfehlung gilt zuerst dem 2024er. Er ist der stimmigere, texturell vollständigere Wein, und er kostet nicht mehr als sein berühmter Vorgänger. Schön ist es trotzdem, ein paar Flaschen des legendären 2022ers im Keller zu haben, schon um den Vergleich in ein paar Jahren selbst nachvollziehen zu können. Den gibt es noch: Wine and Nature führt ihn mit ausgewiesenem Erntejahr 2022, lieferbar, für 17,49 Euro je 0,75-l-Flasche. Den Preis ist der Wein allemal wert.
Wer einen Retsina gleicher Güte, aber aus einer anderen Rebsorte sucht, wird beim Andreou „Pithos Retsina“ fündig: ein reinsortiger Savatiano aus Attika, ebenfalls 93 Punkte, dessen Fässer zusätzlich in einen Tee aus 42 Bergkräutern eingelegt werden. Und wer es insgesamt leiser mag, greift zum Mylonas Retsina, dem zurückgenommenen unter unseren verkosteten Retsinas, 89 Punkte.
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