Oinotropai: Endlich vor Ort, nach vier Jahren im Glas
- Griechische Weine

- vor 8 Stunden
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Messenien liegt mir am Herzen, und ich bin oft in der Gegend. Ein Gut habe ich dabei über Jahre verfolgt, ohne je dort gewesen zu sein: das Ktima Oinotropai in Zevgolatio, ein paar Kilometer außerhalb von Kalamata. Vasilis und Maria Kapopoulos keltern dort rund dreißigtausend Flaschen im Jahr, in der messenischen Ebene, die kaum jemand mit großem Wein verbindet.
Angefangen hat meine Beschäftigung mit dem Gut 2022, mit der ersten Flasche im Glas. Der Roditis 2019 stand bei 93 Punkten - für eine Sorte, die man in Griechenland meist als Massenträger abtut, eine Ansage. Im selben Jahr kamen zum Roditis zwei Jahrgänge Chardonnay desselben Guts hinzu: 2018 mit 93 Punkten, klare Frucht, Bratapfel, ein langer Kokos-Karamell-Nachhall, und 2019 mit 92, expressiver, aber eine Spur harscher. Dazu zwei Jahrgänge Merlot-Rosé, 2020 und 2022, beide bei 90 Punkten.
Der Wein, der mich seither beschäftigt, kam im Dezember 2022 ins Glas: ein Carignan von alten Reben, Jahrgang 2018. Carignan aus Griechenland - das gibt es sonst nicht, jedenfalls nicht als Rotwein. Ich habe ihn damals direkt neben einen chilenischen Kult-Carignan gestellt und bin bei 94 Punkten gelandet. Später kamen der Tempranillo 2017 mit 92 Punkten dazu und, Ende 2025, der Carignan 2021 mit erneut 94.
Neun Weine also, über vier Jahre, keiner unter 90 Punkten. Anfang Juni war ich endlich selbst dort.
Der Besuch
Wir haben lange gesprochen, im Weinberg, mit dem Glas in der Hand, und dabei zwei Weine verkostet - den aktuellen Chardonnay und den aktuellen Carignan. Dazu gleich mehr. Das Bemerkenswerteste des Vormittags stand aber im Weinberg selbst.
Dort wachsen Carignan und Tempranillo direkt nebeneinander, beide vor Jahrzehnten gepflanzt. Gleiche Ebene, gleicher Boden, gleiche Sonne, gleiche Pflege - und zwei völlig verschiedene Reaktionen. Man sieht es am Wuchs, an den Blättern, an der Art, wie die Stöcke mit der Trockenheit umgehen. Wer zwischen den Reihen steht, sieht, wie unterschiedlich zwei Sorten mit ein und demselben Standort umgehen.

Für Griechenland ist das doppelt ungewöhnlich. Beide Sorten sind hier Fremdkörper: Carignan kennt man aus dem Languedoc und Katalonien, Tempranillo aus der Rioja. Dass sie hier seit Jahrzehnten nebeneinander stehen, alt genug, um etwas über den Ort zu erzählen, wird einem sonst nirgends im Land begegnen.
Auf die übliche Frage - biologisch oder konventionell - bekam ich eine bessere Antwort, als die Frage verdient. Es geht den Kapopoulos' nicht um ein Etikett, sondern darum, was an diesem Ort trägt. Das Gras zwischen den Reihen bleibt stehen, weil es Feuchtigkeit im Boden hält. Bewässert wird nicht, gedüngt auch nicht. Der alte Carignan steht auf eigenen, ungepfropften Wurzeln, rund vierzig Jahre alt, und kommt so durch einen peloponnesischen Sommer. Wer nicht bewässert, zwingt die Wurzeln nach unten.

Ein Wort zu den Namen
Wer die älteren Weine sucht, wird stutzen: Früher hießen sie alle Roes - der Chardonnay, der Merlot-Rosé, der Tempranillo, der Carignan. Inzwischen bekommt jeder Wein seinen eigenen Namen. Aus dem Roes Chardonnay wurde Nomade, aus dem Merlot-Rosé Ombre, aus dem Carignan Red Monk. Der Gedanke dahinter: Jeder Wein soll für sich stehen, statt unter einer Dachmarke zu verschwinden.
Nomade Chardonnay 2025

Der erste Wein des Vormittags, gerade erst auf dem Markt. Die Reben stehen auf Tonboden, es gibt eine ausgeprägte Tag-Nacht-Amplitude und die kühlende ionische Brise. Sechs Monate Fass.
In der Nase viel Banane, dazu frische exotische Früchte. Am Gaumen belebend, mit noch reichlich Kohlensäure, sehr guter Säure und exzellentem Grip. Ein Kuss vom Holz, aber keine Spur von Schwere. Genau diese Machart schätze ich bei griechischen Chardonnays: die, die aufs Holz nicht verzichten und trotzdem keine Brummer werden. Ein halbes Jahr würde ich ihm noch geben, bis sich die jugendliche Unruhe legt. 92+ Punkte, bei rund 15 Euro.
Red Monk 2024

Dann der Carignan. Sein Block misst vier Zehntel Hektar, mehr ist es nicht. Er trägt 13,3 Prozent Alkohol - und das ist die Zahl, über die ich an diesem Vormittag am längsten nachgedacht habe.
2024 war auf dem Peloponnes das heißeste und trockenste Jahr der jüngeren Reihe. Eine Hitzeglocke im Juli brachte an zwölf Tagen über vierzig Grad, gelesen wurde so früh wie nie, um dem davoneilenden Zucker zuvorzukommen. Vielerorts entstanden daraus wuchtige, tanninstarke Weine, die Kellerzeit brauchen. Im Vorteil waren tief wurzelnde Altreben - und genau das ist dieser Block.
Der Wein davor, der 2018er, stand bei 15,5 Prozent. Der 2021er bei 14. Jetzt 13,3, im heißesten Jahr von allen.
Im Glas ein Bouquet, dem man erst einmal nur nachriechen möchte, ein ganzer Strauß Früchte mit kräutrigen Noten darunter. Am Gaumen faszinierende Säure und solides Tannin, das noch etwas weicher werden darf und dann mehr Platz für die Aromen im Nachhall lässt. Schön ist auch, was fehlt: die Schokoladigkeit, die schwerere griechische Rote dieser Machart oft mitbringen. 93+ Punkte, rund 16 Euro. Trinkbar ist er jetzt schon, in voller Blüte dürfte er ab 2029 stehen.
Was bleibt
Neun Weine über vier Jahre, keiner unter 90 Punkten: Das ist beharrliche, unaufgeregte Arbeit an der Qualität, Jahrgang für Jahrgang. Die eigentliche Leistung aber liegt im Weinberg. Dort stehen Carignan und Tempranillo, vor Jahrzehnten gepflanzt, zwei fremde Sorten nebeneinander, an denen man ablesen kann, wie unterschiedlich sie mit ein und demselben Standort umgehen. Dass diese alten Reben heute in dieser Qualität in die Flasche kommen, ist das, was von diesem Vormittag bleibt. Dass das Gut seine Weine umbenennt und nicht an festen Alkohol-Zahlen klebt, ist Ausdruck derselben Haltung: Hier wird stetig und unaufgeregt weitergearbeitet, verändert wird, was verändert gehört.
Dass ich das nun auch gesehen habe, statt es nur zu schmecken, hat vier Jahre gedauert. Es hat sich gelohnt.



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