Der Schweizer hat nie gezahlt: La Tour Melas gegen Saint-Émilion
- Griechische Weine

- vor 3 Stunden
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So erzählt man es bei La Tour Melas: Bei einem Abendessen in Zürich, irgendwann um die Jahrtausendwende, wettete Kyros Melas mit einem Schweizer Bankkollegen. Melas, Geschäftsmann und Liebhaber von Château Lafleur, behauptete, er könne in Griechenland einen Wein erzeugen, der es mit dem Pomerol-Star aufnimmt. Ab 2000 pflanzte er in Achinos in der Fthiotida französische Reben - in einer Gegend ohne jede Weinbautradition.
Gezahlt hat der Schweizer bis heute nicht - sein Argument: Französische Weine altern besser. Das ist keine alte Anekdote, die niemand mehr prüfen kann; noch im Oktober 2025 hielt der britische Weinjournalist Jamie Goode nach einem Essen mit dem Gut fest, die Wette sei weiterhin unbezahlt, aus genau diesem Grund.
Zwei Flaschenpaare später lässt sich sagen, wie weit Melas gekommen ist. Wir haben den La Tour Melas zweimal gegen Saint-Émilion gestellt: 2024 den 2019er gegen Château La Gaffelière, im Juli 2026 den 2020er gegen Château Trotte Vieille. Beide Franzosen sind Premier Grand Cru Classé, beide Duelle wurden Seite an Seite verkostet.
Erstes Duell: 2019 gegen La Gaffelière
Die beiden Weine sind fast ein Spiegelbild voneinander. La Tour Melas 2019 besteht zu 65 Prozent aus Cabernet Franc und zu 35 Prozent aus Merlot; La Gaffelière kehrt das Verhältnis um und setzt 60 Prozent Merlot gegen 40 Prozent Cabernet Franc. Zwei Häuser, dieselben zwei Sorten, umgekehrte Gewichtung - und beide bei rund hundert Euro.

Der Franzose war der ernstere von beiden. Schwarze Kirsche und Marzipan in der Nase, am Gaumen polierte Tannine und kräuterige Noten, die zum Verkostungszeitpunkt noch reichlich Raum einnahmen. Ein Wein, der sich zurückhält und einem sagt, dass man zu früh gekommen ist. Er stand bei 93+ Punkten, mit der Erwartung, in fünf Jahren bei 95 oder 96 zu landen.
Der Grieche ging den anderen Weg. Rote Frucht statt schwarzer, Himbeere und süße Kirsche, dazu Zartbitterschokolade, die Tiefe gibt, ohne die Frische zuzudecken. Das Holz fügte sich ein, ohne sich vorzudrängen. Im Abgang fehlte ihm etwas von der Länge des Franzosen, dafür war er harmonisch und sofort zugänglich. 94 Punkte.
Damit lag der Grieche vorn - allerdings mit einem Vorbehalt, der sich nicht wegdiskutieren lässt: Der La Gaffelière war zum selben Zeitpunkt noch nicht bei sich. Wer heute vergleicht, vergleicht einen fertigen mit einem werdenden Wein.
Zweites Duell: 2020 gegen Trotte Vieille
Zwei Jahre später der zweite Anlauf, diesmal gegen ein Gut, das seit der ersten Klassifikation von Saint-Émilion 1955 Premier Grand Cru Classé ist und diesen Rang durch jede Revision gehalten hat. Zwölf Hektar auf dem Kalkplateau, dreißig bis vierzig Zentimeter Ton über massivem Fels, ein durchschnittliches Rebalter von sechzig Jahren, darunter eine wurzelechte Cabernet-Franc-Parzelle von 1868.
Der Trotte Vieille 2020 ist ein Wein, über den sich die Kritik nicht einigen kann, und das in einem Ausmaß, das man selten sieht. Suckling und Dunnuck gaben je 98 Punkte, Leve 97, Anson 96, Galloni 95. Auf der anderen Seite blieb Neal Martin in einer Blindverkostung bei 93, William Kelley vom Wine Advocate bei 92 - er nennt den Ausbau den Schwachpunkt des Guts, zu viel cremiges Neuholz, fassgeprägte Tannine.
In der Nase ist er eine Wucht, so dicht, dass man beinahe dagegen antrinkt. Am Gaumen dann eher dicht als komplex, eher fordernd als eröffnend. Die Kritik am Holz halte ich für falsch adressiert; das eigentliche Problem sind oxidative Noten, mehr davon, als dem Wein guttun. Deshalb glaube ich auch nicht an die zwanzig, dreißig Jahre Zukunft, die manche ihm zuschreiben. Ein sehr guter Wein, dem etwas mehr Merlot gutgetan hätte. 95 Punkte.
Der La Tour Melas 2020 wächst auf Terrassen in zweihundert Metern Höhe, zwei Kilometer vom Golf von Euböa entfernt, wo der Abendwind kühlt und die Säure hält. Sechzig Prozent Cabernet Franc, vierzig Merlot, Wildhefen, zweiundzwanzig Monate überwiegend neue Barriques, ungeschönt und unfiltriert. Der Jahrgang gilt in Mittelgriechenland als herausragend frisch; Panos Zoumboulis nennt ihn einen Jahrgang vollkommener Harmonie.
Die Nase ist betörend, blumig und fruchtig, mit Brombeere, deutlich über dem 2019er. Am Gaumen zupackendes Tannin, das etwas zu schnell abbricht und im letzten Drittel eine flache Stelle hinterlässt. Der Nachhall fängt das wieder auf, mit rauchigen Noten und Schlehe. 95 Punkte.
Das Duell endet unentschieden.
Was der Alkohol verrät
Ein Klischee hält sich hartnäckig: Der Süden liefert die wuchtigen, alkoholstarken Weine, Bordeaux die zurückhaltenden. Die Zahlen sagen das Gegenteil.
In Saint-Émilion lag der Median 2020 bei 14,5 Prozent, die Spanne reichte bis 15,5. Griechische Rotweine desselben Jahrgangs kommen in unserer Datenbank auf einen Median von 13,7 Prozent, und aus Mittelgriechenland überschreitet kein einziger die Marke von 14,5 - für die Region ist das die Obergrenze, nicht der Normalfall. Beide Weine dieses Duells liegen an ihrem jeweiligen oberen Rand; der Grieche erreicht dort gerade das, was in Saint-Émilion der Durchschnitt ist.
Der Unterschied liegt also nicht zwischen diesen zwei Flaschen, sondern zwischen den beiden Verteilungen, aus denen sie stammen. Wer beim Griechen den schweren Süd-Wein erwartet, hat sie genau falsch herum im Kopf.
Preis und Seltenheit
Hier gewinnt der Franzose, und zwar deutlich. Der Trotte Vieille kostet neunzig bis hundertacht Euro und ist für einen Premier Grand Cru Classé auffallend zugänglich bepreist; bei der En-primeur-Freigabe war der 2020er sogar günstiger als jeder gehandelte Jahrgang zurück bis 2013. Der La Tour Melas liegt in Deutschland bei 119 Euro. Für das, was im Glas steht, ist das viel - einen griechischen Cabernet Sauvignon vergleichbarer Güte findet man für die Hälfte.
Ganz fair ist dieser Vergleich allerdings nicht. Vom Trotte Vieille 2020 wurden rund 29.000 Flaschen des Grand Vin gefüllt, vom La Tour Melas 4.700, nicht einmal ein Sechstel. Aber diese Zahlen messen zwei Situationen, die wenig miteinander zu tun haben. Der Trotte Vieille ist eine Größe unter Giganten: ein klassifiziertes Gut in einer Region, in der seit Jahrhunderten Markt und Handelswege existieren und in der solche Stückzahlen niemanden überraschen. Der La Tour Melas ist etwas anderes, nämlich ein noch immer recht seltenes Experiment aus einer Gegend, die keine solche Tradition hinter sich hat. Ich finde, man darf ihm diese Seltenheit nicht nur als logistischen Nachteil anrechnen. Sie ist auch Teil dessen, was diesen Wein ausmacht, und als solche darf sie ihren Wert haben.
Ungeplantes Duell: Cyrus One 2020 gegen La Gaffelière 2017
Wer weniger Geld ausgeben will, kann es mit dem Cyrus One 2020 versuchen, dem Zweitwein des Hauses. Der kostet beim selben Händler 33 bis 44 Euro, während für den Grand Vin 188 bis 220 aufgerufen werden. Und man verzichtet dabei auf deutlich weniger, als dieser Abstand vermuten lässt.

Der Cyrus One verdankt seine Existenz einem Verzicht. 2009, elf Jahrgänge vor dem hier verkosteten, füllte La Tour Melas keinen Grand Vin ab; rund sechzig Fässer, die es nicht in die Spitzencuvée geschafft hatten, mussten trotzdem irgendwohin, und daraus wurde der allererste Jahrgang dieses Weins. Er ist also kein am Reißbrett geplantes Einstiegsprodukt, sondern das Kind einer strengen Selektion, und diese Herkunft hört man ihm heute nicht mehr an.
Ungewöhnlich ist schon die Traubenherkunft. Merlot und Cabernet Franc stammen aus Achinos in Fthiotida, wo das Gut auf terrassierten Hängen bis etwa 200 Meter Höhe rund zehn Hektar bewirtschaftet; der Agiorgitiko kommt aus Nemea auf der Peloponnes. Kyros Melas spricht von der Vermählung zweier Terroirs, zweier Welten: hier das alte Nemea mit seinen Schluff- und Kalkböden, dort das jüngere, vom Meer begrenzte Terroir von Achinos mit seinem Kalkstein. Für die Erwartung an den Jahrgang 2020 braucht man deshalb zwei Werte, und beide sprechen für diese Flasche: Nemea steht 2020 für Rot bei 9,0 von 10, ein Spitzenwert bei einem griechischen Median von 6,5, das benachbarte Lokris für Zentralgriechenland bei 8,0.
Der interessanteste Punkt ist aber die Gewichtung der Cuvée. Sie liegt beim 2020er bei 60 Prozent Merlot, 25 Prozent Cabernet Franc und 15 Prozent Agiorgitiko, während der Grand Vin 2020 mit 60 Prozent Cabernet Franc und 40 Prozent Merlot genau umgekehrt gebaut ist. Der Cyrus One ist damit kein verdünnter Erstwein, sondern ein anders konstruierter: Merlot-geführt, wo der große Bruder auf Cabernet Franc setzt. Im Keller wurden die drei Sorten getrennt und mit weinbergseigenen Hefen vinifiziert, danach 13 Monate in Fässern von 225 bis 400 Litern ausgebaut, ungeschönt und unfiltriert abgefüllt. Handlese, rund 6.000 Flaschen, Erträge von 40 hl/ha bei Merlot und Cabernet Franc und 55 hl/ha beim Agiorgitiko, durchschnittliches Rebalter 25 Jahre.
Im Glas steht der 2020er sechs Jahre nach der Ernte erstaunlich vital, mit einer leichten Trübung, die zur Machart passt. Die Nase ist rassig und lebendig, mit einer ganz sachten stalligen Note und einem blutig-eisenhaltigen Zug. Am Gaumen zeigt sich wenig grobes Tannin, dafür sehr viel Frucht: Kirsche und Pflaume stehen im Vordergrund, etwas Lorbeer setzt einen würzigen Gegenpol, und eine schöne Fruchtsüße bleibt stets diesseits jeder Süßlichkeit. Der Nachhall ist feurig und pfeffrig, ohne alkoholisch zu wirken, was bei 14 Prozent eine Leistung ist, und lässt eine leichte Kaffeenote zurück. Der Agiorgitiko meldet sich vor allem über die Pflaume zu Wort, sachte, ohne die Grundstruktur aus Merlot und Cabernet Franc zu überdecken. Es ist der kleinste Anteil der Cuvée und trotzdem der, an dem man die Herkunft erkennt.
Und dann ist da noch eine Geschichte, die so nicht geplant war. Ich hatte kurz überlegt, Château La Gaffelière als Vergleichswein zum Cyrus One heranzuziehen, die Idee dann aber verworfen. Ein Premier Grand Cru Classé aus Saint-Émilion gegen einen Zweitwein zu stellen, wäre ein schiefer Vergleich gewesen, zumal La Gaffelière hier bereits als Referenz für den Erstwein von La Tour Melas gedient hatte. Irgendwann entstünde sonst der Verdacht, dem Griechen solle absichtlich ein möglichst prominenter Gegner vorgeführt werden. Nun standen aber zufällig Château La Gaffelière 2017 und Cyrus One 2020 gleichzeitig offen. Also doch der Vergleich, und das Ergebnis war erstaunlich: Es fiel zugunsten des Griechen aus, und zwar nicht knapp. Der La Gaffelière zeigte an diesem Abend noch viel Tannin, wirkte dahinter aber flach und bereits recht deutlich oxidativ; mehr als 93 bis 94 Punkte hätte ich dieser Flasche nicht gegeben.
Fairerweise muss man dazu einiges sagen. 2017 war in Bordeaux ein schwieriges, vom Frost geprägtes Jahr; La Gaffelière verlor rund 35 Prozent der Produktion, und nur etwa 15 der 22 klassifizierten Hektar gingen überhaupt in den Grand Vin. Die Kritik ist bei diesem Wein zudem extrem gespalten, von Jeb Dunnucks 91 Punkten bis zu dreimal vergebenen 97. Der oxidative Eindruck stammt aus einer einzigen Flasche, und einen Beleg dafür, dass der Jahrgang ein systematisches Oxidationsproblem hätte, gibt es nicht. Und trotz der flachen Wirkung besaß der Franzose eine gute Salzigkeit, die man ihm zugutehalten muss.
Der tragende Punkt bleibt dennoch bestehen: Der Cyrus One 2020 zeigt sechs Jahre nach der Ernte keinerlei oxidative Müdigkeit. Die Frucht steht, das Tannin trägt, der Nachhall hat Energie, während der drei Jahre ältere klassifizierte Bordeaux an diesem Abend schon deutlich müder wirkte. Bei mir kommt der Cyrus One 2020 auf 95 Punkte, dieselbe Wertung, die hier auch der Grand Vin desselben Guts aus demselben Jahrgang erhalten hat. Was im Umkehrschluss heißt, dass ich beim Erstwein bei der nächsten Begegnung vielleicht etwas großzügiger sein sollte. Aus dem Jahrgang 2020 liegt zudem der Palies Rizes bei 94 Punkten, ein reinsortiger Agiorgitiko von über hundert Jahre alten, wurzelechten Reben. La Tour Melas hatte 2020 offensichtlich einen sehr guten Lauf.
Die Wette, zwanzig Jahre später
Zweimal angetreten, einmal knapp gewonnen, einmal unentschieden. Ein Wein aus einer Gegend ohne Weinbautradition steht auf Augenhöhe mit zwei Premiers Grands Crus Classés - das war der Inhalt der Wette, und in diesem Punkt hat Kyros Melas geliefert.
Der Einwand des Schweizers ist damit trotzdem nicht erledigt. Ob französische Weine besser altern, lässt sich mit zwei Duellen an jungen Flaschen nicht beantworten; dazu müsste man dieselben Weine in zwanzig Jahren wieder nebeneinanderstellen. Der La Gaffelière hat seine Entwicklung noch vor sich, beim Trotte Vieille zweifle ich, dass sie so weit reicht, wie behauptet wird. Und der La Tour Melas 2020 braucht keine Geduld mehr - man kann ihn jetzt trinken.
Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Wette: Das Gut hat bewiesen, dass es kann. Die Anlagen für 96, 97, vielleicht 98 Punkte sind sichtbar. Was noch aussteht, ist der Beweis über die Zeit, und den kann niemand abkürzen.



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