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Agiorgitiko-Verkostung

  • Autorenbild: Griechische Weine
    Griechische Weine
  • vor 12 Minuten
  • 19 Min. Lesezeit

Über Agiorgitiko haben wir auf diesem Blog schon ausführlich gesprochen – allerdings als Cuvée-Partner für internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah. Reinsortig? Fehlanzeige. Dabei haben wir der anderen griechischen Rebsorte, die den Anspruch erhebt, König unter den roten Sorten zu sein – Xinomavro –, längst eine eigene Masterclass gewidmet. Agiorgitiko wird hier also etwas stiefmütterlich behandelt, und das ist nicht ganz fair.


Denn nach den offiziellen ELSTAT-Daten für 2020 stand die Sorte auf 31.616 Stremma (3.161,6 Hektar), verteilt auf 4.287 Betriebe (davon ganze rund zwei Drittel bis drei Viertel allein in der PDO Nemea, je nach Quelle). Das machte sie zur meistangebauten roten Rebsorte Griechenlands und – nach Savatiano und Roditis – zur drittgrößten insgesamt. Allerdings hat sie PDO-Status eben nur in Nemea, während Xinomavro sich in gleich mehreren Anbaugebieten diese Ehre verdient hat, ob reinsortig oder im Cuvée.


Gehe ich unsere Verkostungsnotizen vom letzten Jahr durch, fällt mir zudem auf, dass auf dem geteilten vierten Platz ein Agiorgitiko steht – die Rebsorte uns also wohl doch zumindest gelegentlich sehr zu überzeugen weiß. Konkret handelt es sich um den Philos Wines — Apeiro "∞" 2015 (100% Agiorgitiko, Peloponnes, trocken, 14,5%). Ein reinsortiger Agiorgitiko aus alten Reben. Das Weingut sitzt in Dafni, einer der 17 Gemeinden innerhalb der PDO-Zone Nemea, wobei der Apeiro selbst – vermarktet als ungefiltert und aus einer Einzellage – möglicherweise bewusst außerhalb der PDO-Klassifikation steht. Das war mein allererster Schluck von diesem Wein (die Einstiegs-Abfüllung von Philos hatte ich noch nie in der Hand). Die Nase ist schlicht umwerfend – vielleicht das komplexeste Bouquet, das ich letztes Jahr bei einem griechischen Roten hatte: Schwarzkirschlikör, Veilchen, Graphit, Meeresbrise. Am Gaumen sind die einzelnen Teile noch nicht ganz ineinander verzahnt; die Mitte wirkt eine Spur lose, aber die salzumrandete Frucht und ein minutenlanger Abgang treiben ihn trotzdem auf 95+ Punkte. Kaum zu glauben, dass er zehn Jahre alt ist. Ein Tipp: den Wein durch verschiedene Temperaturen wandern lassen – wärmer heißt mehr Kirsch-Pflaumen-Tiefe, die Eiche schmilzt ein, und das Alter schimmert durch. 2015 war wirklich ein magischer Jahrgang für Agiorgitiko; der Ktima Biblia Chora Areti 2015 hat das erst kürzlich bewiesen. Der Apeiro ist einer der besten Agiorgitiko-Weine, die mir je untergekommen sind – genauer gesagt der beste Geheimtipp-Vertreter dieser Rebsorte, den ich je hatte. In Deutschland sind die Weine über Wine and Nature erhältlich. Der Preis ist absolut fair, also kein „Schnäppchen-Kracher“, aber das hier ist ernsthafte Qualität.

Philos Wines — Apeiro „∞“ 2015

Und schaut man sich die Verkostungen älterer Jahrgänge an, fällt auf, dass es wiederum ein Agiorgitiko ist, der aus den 1970ern am meisten überzeugt hat: der Nemea 1978 von Cavino (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, Peloponnes, trocken). Er bekam immerhin 90 Punkte – bei Xinomavro hatte ich das vor den 1990ern noch nicht. Der Wein wurde 2023 im Rahmen einer kleinen Verkostung zum 45. Geburtstag geöffnet, zusammen mit mehreren gereiften Weinen desselben Jahrgangs, darunter ein Château Mouton Rothschild 1978 und ein Château Margaux 1978. Cavino, 1958 gegründet – also genau zwanzig Jahre vor diesem Wein – ist heute wohl eher dafür bekannt, griechische Weine zu produzieren, die weltweit bei Discountern zu finden sind. Die Erwartungen waren also nicht besonders hoch. Doch der Wein entpuppte sich als echte Offenbarung. In der Nase verführerische Blaubeeraromen, am Gaumen für sein Alter bemerkenswert geschmeidig, mit einem langen, nachhallenden Abgang, geprägt von Sanddorn und faszinierenden blutigen Noten. Aus 100% Agiorgitiko gekeltert, wie es die PDO Nemea vorschreibt, schlug diese Flasche sowohl den Mouton Rothschild 1978 (der leider keinen Genuss bot, vermutlich wegen einer schlechten Flasche und nicht wegen der tatsächlichen Weinqualität) als auch den Château Margaux 1978, der zwar eine betörende pfeffrige, von Cassis geprägte Nase zeigte, am Gaumen aber ziemlich rau blieb. Natürlich gilt in diesem Alter: Es gibt nur gute Flaschen, keine guten Weine – aber der Eindruck, den dieser Nemea hinterließ, war unbestreitbar.

Cavino — Nemea 1978

Diese beiden Datenpunkte scheinen also doch das Potenzial der Rebsorte zu unterstreichen. Die Sache ist nur die: Das Bild zwischen diesen Extremen ist sehr durchmischt. Gerade aber, weil man auch diese Eindrücke braucht, um mehr als Schlaglichter zu haben, will ich jetzt noch von einer Verkostung berichten, die wir schon im Juli 2024 durchführten, die aber nach wie vor instruktive Eindrücke bereithält. Es war eine Verkostung ohne große Blockbuster, mit Weinen aus Nemea und darüber hinaus. Dazu gab es Wildschwein-Auberginen-Gulasch, der zur Aromatik von Agiorgitiko sehr gut passt. Manche Weine überzeugten – aber man sieht eben auch, dass in diesem Segment die Qualität griechischer Weine durchwachsen ist und man genau hinschauen muss, ehe man im Regal (wo man das Label auch in Deutschland natürlich oft sieht) zugreift. Wir beginnen mit dem jüngsten Wein und arbeiten uns dann immer weiter in die Vergangenheit zurück.


Der Agiorgitiko 2021 der Dionysos Winery (PGI Peloponnese, 100% Agiorgitiko, 12–12,5%) beginnt unsere Verkostung. Dionysos Winery, 1936 in Athen gegründet und mit über 11 Millionen Litern Jahresproduktion einer der größeren Weinproduzenten Griechenlands, bezieht die Trauben aus dem Corinthos-Weinbezirk auf dem Peloponnes. Der Wein läuft als PGI und ist nicht mit dem separat geführten PDO Nemea des Hauses zu verwechseln, der mit Barrique-Ausbau daherkommt. In Griechenland liegt der Preis bei rund 4 Euro – klar das Einstiegssegment. Das ist der beste Wein der Dionysos Winery, den ich bisher im Glas hatte. Rotbeerige Nase. Am Gaumen noch frisch. Griffiges Tannin. Gute Balance aus Säure und Alkohol. Lediglich im Abgang etwas enttäuschend. Gerade im zweiten Nachhall noch etwas unsaubere Töne. Leicht mussig. 86 Punkte.

Dionysos Winery — Agiorgitiko 2021

Der Idea Nemea 2021 von der Barafakas Winery (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, 13–13,5%) ist unser erster PDO-Wein in dieser Verkostung. Barafakas ist ein Familienbetrieb in Nemea mit Weinbaugeschichte seit den 1920er Jahren; das moderne Weingut wurde 2002 von Christos Barafakas gegründet. Die Weinberge liegen auf 200 bis 815 Metern Höhe innerhalb der topographisch stark gegliederten Nemea-Zone. Der Idea wird im Edelstahltank vinifiziert – fünf Tage präfermentative Extraktion, Gärung bei 24–26 °C, danach vier Monate Tanklager – und kommt ohne Holzausbau aus. In Griechenland liegt er bei rund 7–8 Euro; ein UK-Händler empfiehlt ihn Leuten, die jungen Rioja mögen. Es gibt relativ viel Gewürze in der Nase. Am Gaumen noch recht strenges Tannin. Dann eine kurze, fruchtige Welle, jedoch recht kurzer Abgang. Leicht metallischer Nachgeschmack. 86 Punkte.

Barafakas Winery — Idea Nemea 2021

Soweit haben wir im Jahrgang 2021 also einen eher enttäuschenden Nemea und einen zumindest nicht begeisternden Agiorgitiko ohne diese strenge Herkunftsbezeichnung kennen gelernt. Im Jahr 2020 wird es besser, was beide Vertreter angeht. Wir beginnen mit dem Nemea.


Der Nemea Agiorgitiko 2020 von Acra Winery (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, 14,5%) stammt aus der Debütphase eines sehr jungen Nemea-Projekts. Acra wurde 2021 von Spiros Papandreou (Chemiker und Önologe) und Dimitris Papandreou (Maschinenbauingenieur) gegründet; die Weinberge wurden bereits 2020 übernommen. Rund 4 Hektar auf ton-kalkigen Böden zwischen 300 und 550 Metern Höhe, also im unteren bis mittleren Höhenband der Appellation. Auffällig ist die Lyra-Erziehung – ein geteiltes, offenes Laubwandsystem, das gute Belichtung und Durchlüftung bietet, aber wegen des hohen Aufwands eher selten eingesetzt wird. Der Betrieb war 2020 noch in der Bio-Umstellungsphase. Im Keller wurde der Wein 10–11 Monate in französischer Eiche ausgebaut, überwiegend gebraucht, teils neu, in 225-Liter-Fässern, gefolgt von rund 6 Monaten Flaschenreife. Falstaff vergab für den 2020er 90 Punkte. Ein Wein mit sehr viel Nougat, schon in der Nase und im Abgang, und er zeichnet sich durch sehr geschliffenes Tannin aus. Gute Mineralität. Leichte Sanddornnoten, die unter den roten und schwarzen Beeren hervorkommen. Ein insgesamt sehr rundes Niveau. 90 Punkte.

Acra Winery — Nemea Agiorgitiko 2020

Auch in diesem Jahrgang überzeugte die Traditionsregion allerdings nicht durchgehend auf so hohem Niveau. Der Agiorgitiko Nemea 2020 von Nikolaou Estate (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, bio, 13,5–14%) erreichte 87 Punkte. Nikolaou ist ein Familienweingut in Nemea mit Wurzeln in den 1930er Jahren; Gründer Giannis Nikolaou hat in Bordeaux studiert, seit 1999 wird biologisch bewirtschaftet. Der Wein stammt aus einer Einzellage in Koutsi auf rund 350 Metern Höhe, kalkhaltiger Boden, südwestliche Ausrichtung, etwa 15 Jahre alte Reben. Die Handlese erfolgt Ende September, vergoren wird mit indigenen Hefen im Edelstahl, danach reift der Wein bis zu 18 Monate in 300- bis 600-Liter-Fässern aus französischer Eiche, gefolgt von weiterer Flaschenreife. Bei nur rund 4.000 Flaschen ist das klar die ambitionierte Estate-Abfüllung des Hauses. Eine solide Einführung in einen Mineralwein für unter 10 Euro, der biologisch angebaut wurde, wild fermentiert, handverlesen, gut ausbalanciert, sehr gute Konzentration. Im Abgang etwas kurz, jedoch deutlich mehr Potenzial. Momentan eher bei 87 Punkten.

Nikolaou Estate — Agiorgitiko Nemea 2020

Außerhalb der PDO sah es 2020 dagegen ausgezeichnet aus. Der Kokotos Agiorgitiko "Three Hills" 2020 von Ktima Kokotos (PGI Peloponnese, 100% Agiorgitiko, 12,5%) kommt von einem Weingut in Stamata in Attika, nordöstlich von Athen. Die eigenen Estate-Weinberge dort liegen auf rund 450 Metern Höhe, sind biologisch zertifiziert und stehen auf Kalk- und Schieferuntergrund. Für den Three Hills bezieht Kokotos das Lesegut allerdings aus Partnerweinbergen in Nemea – der Wein ist also kein Estate-Wein im engeren Sinne. Dass er als PGI Peloponnese und nicht als PDO Nemea läuft, obwohl die Trauben aus der PDO-Zone stammen, unterstreicht, dass es sich eher um eine regional stilisierte Kokotos-Interpretation von Nemea-Frucht handelt als um einen klassischen PDO-Typwein. Interessant ist auch die Sortenhistorie: Ältere Jahrgänge (2016, 2018) enthielten noch 10% Cabernet Sauvignon; die Umstellung auf 100% Agiorgitiko scheint ab 2019 erfolgt zu sein. Die Trauben werden handgelesen und nachts gekühlt, dann entrappt. Die Extraktion dauert 8–10 Tage, die Gärung rund 15 Tage im Edelstahl bei 20–22 °C. Danach ging der 2020er laut Julia Harding MW fünf Monate in zweitbelegte Eiche – ganz auf frühe Zugänglichkeit getrimmt. Die Produktion liegt bei 10.000 Flaschen. Sehr intensive Nase. Rotfruchtig, aber auch Pflaumen. Am Gaumen erfrischend, sich langsam aufbauend, guter Nachhall. Rauchig, trotz nur kurzer Lagerung von wenigen Monaten im gebrauchten Holz. Ein erfrischender und zugleich eleganter Wein bei 12,5% Alkohol. Agiorgitiko, wie ich ihn gern häufiger sehen würde. Leichtgekühlt trinken. 92 Punkte – großartige Qualität für nur 10 Euro.

Ktima Kokotos — Three Hills Agiorgitiko 2020

Und dann dürfen wir hier noch auf einen Wein zu sprechen kommen, der das Scheinwerferlicht gleichsam von Nemea weglenkt – noch weiter in der Tat, wobei das angesichts des Preises (rund 235 Euro) auch definitiv so sein muss. Der Palies Rizes 2020 von La Tour Melas (100% Agiorgitiko, 14,5%) – der Name bedeutet „alte Wurzeln“ – basiert auf einem über 100 Jahre alten, wurzelechten, also präphylloxerischen Agiorgitiko-Weinberg in Floiountas bei Nemea, den Panos Zoumboulis 2013 wiederentdeckte. Das Weingut La Tour Melas selbst sitzt allerdings in Achinos in Fthiotida, Zentralgriechenland, wo Kyros Melas im Jahr 2000 mit dem erklärten Ziel antrat, einen griechischen Wein auf „1st Growth“-Niveau zu erzeugen. Die Herkunftsbezeichnung ist je nach Verkaufskanal variabel – von „Wine of Greece“ über PGI Sterea Ellada bis PDO Nemea findet man alles. Die Bewirtschaftung ist organisch mit biodynamischen Elementen, die Erträge mit 15 hl/ha extrem niedrig. Im Keller wird mit wilden Hefen vergoren, die Vinifikation und malolaktische Gärung laufen zu 80% im Edelstahl und 20% im Holz, danach reift der Wein 15 Monate in 400-Liter-Fässern aus österreichischer Eiche. Keine Schönung. La Tour Melas ist Mitglied der internationalen Francs de Pied Association; der 2020er wurde bei einer offiziellen Francs-de-Pied-Verkostung im Londoner 67 Pall Mall ausgeschenkt. Julia Harding MW zählt ihn zu den Top-3-Weinen des Produzenten. Expressive Nase, mit viel dunkler Frucht, darunter auch Wacholderbeere. Sehr, sehr fein geschliffenes Tannin, bereits sehr gut trinkbar. Gute Mineralität. Sehr langer Nachhall. Ein sehr, sehr guter Wein. 94 Punkte. Als Griechenland-Fan muss man ihn vielleicht doch mal irgendwann probiert haben. Wer einen angemesseneren Preis will, sollte aber wohl doch eher zum Apeiro "∞" 2015 (55,55 Euro bei Wine and Nature) greifen.

La Tour Melas — Palies Rizes 2020

Wir überspringen das Jahr 2019 und landen direkt bei zwei Weinen aus 2018. Wir bleiben in Nemea, aber diesmal zum ersten Mal mit einer Reserve. Der Reserve Agiorgitiko 2018 von Ktima Driopi (PDO Nemea Reserve, 100% Agiorgitiko, 14%) stammt von Yiannis Tselepos, der vor allem aus Mantineia bekannt ist, aber mit dem kleinen Weingut Ktima Driopi auch Nemea-Weine macht. Tselepos hat in Dijon Önologie studiert und danach zwei Jahre in burgundischen Weingütern gearbeitet – der burgundische Einschlag ist kein Zufall. Das Weingut liegt in Koutsi auf 380 Metern Höhe, ton-kalkige Lehmböden, steile Hänge, 50 Jahre alte Reben bei nur 7 Tonnen pro Hektar Ertrag. Nach 25 Tagen Extraktion mit Kaltmazeration reift der Wein 12 Monate in französischen Barriques (70% neu, 30% Zweitbelegung) und weitere 6 Monate in der Flasche. Die Produktion liegt bei 20.000 Flaschen; der 2013er bekam 93 Punkte bei Parkers Wine Advocate. Schon die Konzentration des Weines ist im Glas an der deutlich dunkleren Färbung zu sehen. In der Nase eine Mischung aus Brombeere und Oliven-Tapenade – man könnte an eine Bordeaux-Cuvée aus einem sehr warmen Jahrgang denken. Am Gaumen dafür aber dann doch zu wenig komplex. Ein Wein, der in manchen Jahrgängen sehr gut abschneidet, in anderen auch schlechter. Hier bleibt ein leicht adstringierender Eindruck. Tannin ist da, aber nicht auf einem Niveau, das es mit einem großen Steak mithalten könnte. Gerade so 90 Punkte.

Ktima Driopi — Reserve Agiorgitiko 2018

Man merkt den Anspruch also durchaus, der mit der Reserve-Auszeichnung einhergeht. Aber tatsächlich überzeugte uns in dieser Verkostung im selben Jahrgang ein anderer Wein mehr – einer, der gar nicht aus Nemea kommt und in einer ähnlichen Preisklasse liegt (beide um die 17–20 Euro). Der Emphasis Agiorgitiko Single Vineyard 2018 von Ktima Pavlidis (PGI Drama, 100% Agiorgitiko, 15%) stammt aus der nordgriechischen Binnenregion Drama in Makedonien – weit weg von der Stammheimat der Rebsorte. Ktima Pavlidis wurde 1998 von Christoforos Pavlidis gegründet und arbeitet klar terroir-orientiert: eigene Weinberge, manuelle Nachtlese, parzellenweise Vinifikation, unterirdische Keller. Die Einzellage Perichora liegt an den Hängen des Menoikio auf rund 400 Metern, südöstlich exponiert, auf Terra-rossa-Tonböden mit Kalkstein und Mergel – eine 2025 publizierte Studie zu PGI Drama bestätigt, dass der Standort dort die Weinqualität signifikant beeinflusst. Der 2018er reifte 14 Monate in französischer Eiche, gefolgt von 12 Monaten Flaschenreife. Die Produktion ist limitiert. Falstaff vergab 92 Punkte; bei Mundus Vini holte der 2018er Gold und die Sonderauszeichnung „Best of Show Greece Red“. Mit 15% Alkohol sind wir hier auf keinen Fall mehr beim leichten Sommerwein wie beim Kokotos bei 12,5% – bei Pavlidis in Drama sind wir bei den ernsthaften Rotweinen, wie wir sie dort auch von Syrah und Tempranillo her kennen. Trotz des hohen Alkohols überraschte er mit guter Frische am Gaumen. Leider war meine Flasche in der Nase nicht mehr intakt, weshalb ich hier auf eine Beschreibung des Bouquets verzichten muss – Falstaff nennt Kräuterwürze, Nougat, reife Pflaumen und Tabak. Auf Basis des Gaumenprofils und der externen Referenzen: 91+ Punkte. (Das Resultat ist eine gewisse Rehabilitierung des Weinguts, wo wir doch dem 2016er fünf Jahre nach der Ernte nur 87+ Punkte gegeben haben, wobei wir da auch ein paar Restzweifel an der Flasche hatten.) Ein sehr gutes Beispiel dafür, wie überzeugend Agiorgitiko außerhalb von Nemea funktionieren kann.

Ktima Pavlidis — Emphasis Agiorgitiko 2018

Für das Jahr 2017 haben wir nur einen Vertreter. Der Faré Rebels Agiorgitiko 2017 von Astir X Winery (PGI Peloponnese, 100% Agiorgitiko, 12,5%) kommt aus Kalamata in Messinien – die Familiengeschichte des Betriebs reicht bis 1930 zurück, heute arbeitet Astir X mit 88 lokalen Weinbauern und rund 80 Hektar Rebfläche. Der Name „Faré“ verweist wohl auf das antike Farai, den früheren Namen Kalamatas, und die dort begonnene griechische Revolution von 1821. Der Wein kommt ohne Holzausbau aus und ist klar auf Frucht und frühe Zugänglichkeit getrimmt. Der Produzent beschreibt ihn als „full-bodied“, was bei 12,5% Alkohol wie ein Widerspruch klingt – und es ist auch einer. In der Nase noch recht ansprechend, mit vegetalen Noten. Am Gaumen im Antrunk zupackend, auch mit guter Säure, dann aber sehr schnell verblassend. Nicht unangenehm im Abgang, einfach zu kurz. 84 Punkte.

Astir X Winery — Faré Rebels Agiorgitiko 2017

Auch für das Jahr 2016 haben wir nur einen Vertreter – diesmal geht es aber nach Nordgriechenland, und der Wein ist weitaus bekannter. Der Areti Red 2016 von Ktima Biblia Chora (PGI Pangeon, 100% Agiorgitiko, bio, 14%) ist eigentlich einer meiner Lieblings-Agiorgitikos außerhalb von Nemea. Das Weingut wurde von Vassilis Tsaktsarlis und Vangelis Gerovassiliou gegründet, beide in Bordeaux ausgebildete Önologen – Gerovassiliou ist zudem die Schlüsselfigur bei der Wiederbelebung der Rebsorte Malagousia. Die Weinberge liegen auf rund 380 Metern in den Hügeln des Pangeon-Gebirges bei Kavala, auf kieselig-kalkig-lehmigen Böden, von Ägäis-Brisen gepuffert. Laut Biblia Chora ist der Areti der erste Wein aus Agiorgitiko, der je außerhalb der traditionellen Heimatregion Nemea erzeugt wurde – ein bewusstes Pionierprojekt. Der Wein durchläuft eine Kaltmazeration bei 6 °C, wird klassisch vinifiziert und reift 12 Monate in französischer Eiche. Die Produktion liegt bei 10.000 Flaschen. Dem 2013er hatten wir 2021 begeistert 94 Punkte gegeben – ein schlicht großartiger Wein mit wunderbar frischen Fruchtaromen, leicht blutiger Mineralik, weichem Tannin und dem für die Rebsorte typischen Trinkfluss, der dort nicht auf Kosten eines langen Abgangs ging. Dem 2016er gaben wir fünf Jahre nach der Ernte, also ebenfalls 2021, 94 Punkte. Umso gespannter war ich, wie er sich acht Jahre nach der Ernte schlagen würde. Die Antwort: Der Jahrgang hat mich ein kleines bisschen enttäuscht. In der Nase sehr viel Wacholder. Am Gaumen ebenfalls viel Wacholder, dazu aber auch leicht grünliche Noten, die etwas irritieren. Man hat das Gefühl, den kleinsten gemeinsamen Nenner des Holzes sämtlicher Rotweine von Biblia Chora zu schmecken. Rauchiger Nachhall, der aber wenig begeistert. Das klingt sehr negativ, vor allem aber, weil ich schon deutlich bessere Jahrgänge dieses Weinguts im Glas hatte. Im zweiten Nachhall berappelt er sich. Der Wein bleibt sicherlich noch fünf Jahre auf diesem Niveau. Keine Frage, ein sehr guter Wein. 91 Punkte.

Ktima Biblia Chora — Areti 2016

Für 2015 kehren wir wieder ins Kernland des Agiorgitiko zurück. Der Apocalypsis Agiorgitiko 2015 von der Barafakas Winery (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, 13,5%) ist die Premium-Abfüllung desselben Weinguts, von dem wir weiter oben schon den leichteren Idea Nemea 2021 hatten. Für den Apocalypsis wurden nach rund zehn Jahren Beobachtung und Experimentieren die besten Nemea-Parzellen an den Hängen des Agios Ilias auf 380–400 Metern Höhe selektiert. Der Wein wurde im Edelstahl vergoren und reifte dann zwölf bis fünfzehn Monate in französischer Eiche (225- und 300-Liter-Fässer), gefolgt von mindestens zwei Jahren Flaschenreife vor der Freigabe. WineTaster vergab 2022 91 Punkte und beschrieb den 2015er als eher fein und kräuterig denn bloß reif und holzbetont. Die Nase ist relativ verhalten. Am Gaumen interessante Mineralität, die sich beim weiteren Verkosten auch in der Nase zeigt, als leicht chlorige Note. Der Wein ist vielschichtig. Zunächst recht explosiv im Antrunk, geht dann in dunklere, olivige, hölzerne, erdige Noten über – und versickert dann recht schnell in diesem griechischen Erdboden. Deswegen nur 89 Punkte momentan. Ich glaube nicht, dass er sich gerade in einem aromatischen Tal befindet, aus dem er sich noch befreien könnte. Den Wein darf man jetzt trinken, wenn man ihn hat.

Barafakas Winery — Apocalypsis Nemea 2015

Wir kommen nun in einen Bereich, in dem es in meinem Weinkeller immer fragmentarischer wird, was Weine aus Griechenland angeht. Wir springen also über 2014 ins Jahr 2013 – also jetzt bei Weinen von über einem Jahrzehnt, und leider damit auch in einen Bereich, in dem die Weine, die im Folgenden kommen, alle schon ihren Höhepunkt hinter sich haben. Entschuldigung für den Spoiler, ein richtiges Highlight kommt nicht mehr. Aber es wird in den 1990ern nochmal spannend, versprochen. Das gilt leider auch für den Anemos Agiorgitiko 2013 von Palivou Vineyards (PGI Peloponnese, 100% Agiorgitiko, 12,5%). Palivou ist ein Familienweingut in Ancient Nemea, gegründet 1995, das über 50 Hektar organisch und mit biodynamischen Prinzipien bewirtschaftet. Die Weinberge für den Anemos liegen an den Hängen von Giugiza auf rund 420–460 Metern, tiefer toniger Boden. Der Anemos ist die Einstiegslinie des Hauses – fruchtbetont, kurze Maischestandzeit von nur sechs bis sieben Tagen, auf frühe Zugänglichkeit ausgelegt. Darüber stehen der PDO Nemea mit zwölf Monaten Eiche und der Ammos Terra Leone mit vierzehn Monaten in neuer französischer Eiche und Amphoren. Für einen Einstiegswein für unter 10 Euro kann man nach über einem Jahrzehnt nicht allzu viel erwarten. (Der Nemea Reserve des Weinguts ist etwas ganz anderes – der 2018er bekam von uns vor fünf Jahren als die Quintessenz der Region ins Glas bringender Wein 91 Punkte – und kostete damals tatsächlich ebenfalls um die 10 Euro.) Er hat ordentliches Extrakt, das ihm bei nur 12,5% Alkohol sehr gut tut, ohne dass er überextrahiert wirkt. Aber letztlich ist einfach zu viel der Frucht schon in den Hintergrund getreten, zu viele oxidative Noten hinzugekommen. Gereifter Agiorgitiko wird in vielen Fällen spröde, wie trockenes Holz. Und genau das passiert auch mit diesem Wein, weswegen wir hier leider nur noch bei 82 Punkten sind.

Palivou Vineyards — Anemos Agiorgitiko 2013

Und noch einmal hüpfen wir in die Vergangenheit, ins Jahr 2011. Der Agiorgitiko 2011 von Nicolas Repanis (PGI Peloponnese, 100% Agiorgitiko, 13,5%) kommt aus Xerokampos bei Nemea. Die Familie Repanis stieg 1986 ins Weingeschäft ein und baute das Weingut im Jahr 2000 mitten in den Weinbergen mit Blick auf die historische Stadt Nemea. Der Agiorgitiko ist die einfache PGI-Linie des Hauses, auf Frucht und frühe Zugänglichkeit ausgelegt, mit einer offiziellen Trinkempfehlung von drei bis fünf Jahren. Darüber stehen im Sortiment die PDO-Nemea-Weine mit sechs bzw. zwölf Monaten Barrique-Ausbau. Der Jahrgang 2011 war in Nemea kühl und sonnig, mit höheren Säuren und geringerer Tanninakkumulation als üblich – an sich kein schlechtes Profil für frisch zu trinkenden Agiorgitiko. Fünfzehn Jahre später sieht die Sache naturgemäß anders aus. In der Nase eine interessante Mischung aus leichten Pilznoten und etwas Curry. Am Gaumen der typische Geschmack von Agiorgitiko, der den Zenit überschritten hat. Ein im Antrunk starkes Aufbäumen, den Mund mit astringierender Tanninsäure und Sandelholznoten auskleidend – ein Eindruck, der dann sofort verpufft. Der Wein ist etwas besser als der Anemos zuvor, daher 83 Punkte.

Nicolas Repanis — Agiorgitiko 2011

Für die letzten vier Weine springen wir nun ganz ans andere Ende der Zeitachse – in die 1990er Jahre, und damit zu den drei großen Häusern, die den griechischen Weinexport dieser Ära prägten: Boutari, Tsantali und Kourtakis. Den Anfang macht der Boutari Nemea 1998 (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, 11,5%). Boutari ist eines der traditionsreichsten Weinhäuser Griechenlands, 1879 in Naoussa gegründet, erste Exporte ab 1935. In den 1980er Jahren expandierte das Haus nach Nemea, und der Agiorgitiko Boutari wurde Teil des Kernportfolios – eine Standardabfüllung, kein Reserve-Wein, damals in Irland für knapp 10 Euro zu haben. Die Hoffnungen für eine über ein Vierteljahrhundert alte Standardflasche waren naturgemäß nicht sehr hoch. Allerdings machten wir uns, zugegebenermaßen, doch ein wenig Hoffnung. Denn 2022 hatte Pavlos Gegas dem nur fünf Jahre jüngeren Boutari Nemea 2003 immerhin 91 Punkte gegeben – und das bei einer Flasche, die nicht einmal aus idealer Lagerung stammte. Gegas beschrieb einen Wein mit echtem tertiärem Reichtum: Johannisbrot, Kastanie, Espresso, gereifte Schokolade, glasierte Pflaumen- und Kirschfrucht, dazu Leder, gerösteter Knoblauch, getrocknete Kräuter und Anklänge an Fine Tawny Port. Entscheidend: trotz der Reife noch erstaunliche Energie dank voll integrierter hoher Säure und niedrigem pH, vollständig aufgelöste Tannine, langer Nachhall. Sein Fazit: Der Wein lasse „das verborgene Potenzial des großen Agiorgitiko erahnen.“


Allerdings waren 1998 und 2003 auch ganz unterschiedliche Jahrgänge. 2003 war das europäische Hitzejahr, das auch Griechenland voll traf – mit sehr konzentrierten, strukturreichen Trauben und entsprechendem Lagerpotenzial. 1998 war laut einer wissenschaftlichen Studie zu Agiorgitiko in Nemea (Koundouras et al.) ebenfalls sehr heiß und ohne Sommerniederschlag, mit Wasserstress, beschleunigter Zuckerreife und phenolisch konzentrierteren Trauben auf den gestressten Parzellen. Umso rätselhafter sind die nur 11,5% Alkohol auf unserer Flasche – bei einem heißen, trockenen Jahr müsste man eigentlich mehr erwarten. Vermutlich spiegelt das eher die Weinbaupraxis eines großen Hauses in den späten 1990ern wider, als Konzentration bei einer Standardabfüllung noch kein vorrangiges Ziel war. Zum Vergleich: Auch der so viel besser bewertete 2003er kam nur auf 13% – auch nicht gerade üppig für ein Hitzejahr.


So viel zur Theorie. Was sagt nun die Realität im Glas? In der Nase überrascht der Wein und nimmt die karamellbraune Färbung auf die bestmögliche Weise aromatisch fort: sehr viel Toffee. Am Gaumen tut dem Wein dann gut, dass er bei nur 11,5% Alkohol eine ordentliche Säure mitbringt, die ihn durchgehend trägt, nirgends Schwächen aufkommen lässt und auch im Abgang noch kleinere Schwächen kaschiert. Überraschend, erfreulich: noch 90 Punkte – aber bitte kein Grund, einen solchen Wein noch weiter zu lagern.

Boutari — Nemea 1998

Weiter geht es mit dem zweiten der drei Häuser. Der Tsantali Nemea Reserve Epilegmenos 1993 (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, ca. 12%) stammt von einem der prägendsten Namen des modernen griechischen Weinbaus – einem, der im Januar 2026 für bankrott erklärt wurde. Das Öffnen einer über dreißig Jahre alten Tsantali-Flasche hat damit auch etwas Wehmütiges. Die „Epilegmenos“-Bezeichnung (Reserve) bedeutete nach den damaligen griechischen Regeln mindestens drei Jahre Gesamtreife, davon mindestens sechs Monate im Holz und sechs in der Flasche – also kein Marketingbegriff, sondern ein regulatorisches Versprechen. Alte Tsantali-Weine haben uns auf diesem Blog schon öfter überrascht: Der Reserve Naoussa 1992 kam 2024 auf 92 Punkte, und bei Rapsani haben wir gesehen, dass Reserve und Grande Reserve bei Tsantali wirklich einen enormen Unterschied machen können. Würde es beim Agiorgitiko nun also auch so sein? Hinzu kommt: Pavlos Gegas gab dem Evangelos Tsantalis Agiorgitiko Nemea 2000 – einem nur sieben Jahre jüngeren Wein aus demselben Haus – 2022 stolze 94 Punkte und beschrieb Waldboden, Trüffel, alte Kaffee- und Schokoladennoten bei erstaunlich heller Säure und vollständig aufgelösten Tanninen. Von daher durchaus hohe Erwartungen – und in der Tat ist der Wein auch deutlich dichter als der Boutari, mit erheblich mehr Extrakt. In der Nase relativ gut erhalten: eingekochtes Obst, eingekochte Pflaumen. Am Gaumen nicht ganz die klassische Schärfe von überlagertem Agiorgitiko, die einen sonst gleich anspringt, sondern etwas mehr verteilt, was das Ganze angenehmer macht. Allerdings kommt eine ganz leichte Bitternote hinzu, die dem Wein leider schadet, und ganz am Schluss auch eine kleine Pappigkeit im Nachhall. Es sind diese vielen kleinen Schwächen, die jeweils zu Punktabzug führen: In manchen Phasen des Genusses könnte der Wein durchaus bei 90 Punkten liegen, aber er zeigt in jeder dieser Phasen beim Verkosten dann eben doch die entsprechenden kleinen Schwächen. Deswegen leider nur 84 Punkte. Ein Wein, dem man mehr wünschen würde. Wer eine besser gelagerte Flasche hat, hat vielleicht mehr Glück. Vielleicht haben wir auch einfach den optimalen Trinkzeitpunkt verpasst – der lag, wenn man sich an Gegas' 94 Punkten für den 2000er nach 22 Jahren orientiert, womöglich irgendwann um 2015.

Tsantali — Nemea Reserve Epilegmenos 1993

Und dann noch ein Jahr weiter zurück, zum dritten der großen Häuser: Kourtakis. Der Kouros Nemea 1992 (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, 12%) ist die etwas ambitioniertere Nemea-Linie des 1895 gegründeten Hauses, das ab 2000 als Greek Wine Cellars firmierte. Kouros Nemea war eine breit vermarktete, zugängliche Standardlinie – die Washington Post beschrieb den 1989er schon 1994 als reif, weich und mittelkräftig, damals für 8 Dollar. Farblich hält sich der 1992er noch ganz gut. Aber in der Nase schlägt die für mich so typische Schärfe von überlagertem Agiorgitiko sofort durch. Das Ganze wirkt brandig, auch am Gaumen. Dazu leichte metallische Noten, Bitterkeit. Im Abgang lang störend. Dabei zeigen sich tatsächlich immer noch einige dunklere Fruchtnoten, vor allem Pflaume. 78 Punkte.

Kourtakis — Kouros Nemea 1992

Den wirklich letzten Schluck dieser Verkostung bildet ein noch älterer Wein desselben Hauses: der Kourtaki Nemea 1990 (PDO Nemea, 100% Agiorgitiko, 11,5%). Während Kouros mit kurzem Barrique-Ausbau noch etwas Anspruch hatte, ist der schlichte „Kourtaki Nemea“ die reine Basisabfüllung – der Wein, mit dem Kourtakis zum laut Wines of Greece führenden privaten griechischen Erzeuger bei Agiorgitiko-Rotweinen wurde, bei rund 30 Millionen Flaschen Jahresproduktion. Wir sind hier also endgültig im Massenmarkt der frühen griechischen Weinmoderne angekommen, und die 11,5% Alkohol – nochmal einen halben Prozentpunkt weniger als der Kouros – unterstreichen das. Wenn man gereifte Weine aus Griechenland bekommen möchte, zumal in Deutschland, kommt man an solchen Weingütern eben nicht vorbei. Aber manchmal gibt es große Überraschungen. Was ist also mit diesem Wein aus meinem Geburtsjahr? Die Farbe tatsächlich wieder relativ gut. Wir befinden uns hier eindeutig in einem Aufwärtstrend. Die Nase auch relativ ansprechend – nicht so viel Karamell wie vorher beim Boutari, eher Kaffee-Espresso. Am Gaumen diesmal nichts von der von mir heute so oft gescholtenen Agiorgitiko-Überlagerungsschärfe. Eher ein bisschen wässrig, der niedrige Alkohol ist spürbar. Zugleich aber viel Extrakt. Erstaunlich dann vor allem, dass hier keine Fehltöne durchkommen. Der Wein überzeugt immer noch mit einer stabilen, belebenden Säure. Geradezu trinkanimierend. Es fehlt ein kleines bisschen Komplexität im Abgang – da liegt der Boutari vorne. Viele würden diesen Wein aber wahrscheinlich genüsslicher trinken können. Ich selbst bewerte ihn aufgrund der etwas geringeren Komplexität mit 89 Punkten. Das ist nicht ohne für einen solchen Wein! Und man kann nüchtern prognostizieren, dass er wahrscheinlich auch in fünf Jahren noch recht gut trinkbar sein wird. Das Trinkfenster schließt sich also vermutlich wirklich erst 2029. Ganz schön verrückt für eine 35 Jahre alte Massenmarkt-Flasche.

Kourtakis — Kourtaki Nemea 1990

Fazit

Ein wirklich versöhnliches Ende für diese Verkostung, wie ich finde. Und ich hoffe, die Lektüre hat sich auch für Euch gelohnt und es war bis zum Schluss genug Spannendes dabei. Auch bei mir ist die Spannung übrigens noch recht hoch – denn zwar habe ich jetzt meine alten Agiorgitiko-Flaschen geöffnet, aber in der Zwischenzeit ist noch ein Nemea 1993 von der Cooperative Winery of Nemea dazugekommen … ich werde berichten!


Was also lässt sich am Schluss sagen? Im Grunde war es dem Agiorgitiko gegenüber wohl unfair, so lange über diese Verkostung zu schweigen, so als hätte sie Fürchterliches zu Tage gebracht. Im Gegenteil: Es waren einige hervorragende Weine über 90 Punkte dabei, gerade außerhalb von Nemea auch zu einem wirklich guten Preis-Leistungs-Verhältnis (wenn man den Icon Wine von La Tour Melas weglässt). Und was die Lagerfähigkeit angeht, muss man eigentlich doch positiv überrascht sein.


Irgendwie hatten mich die dann doch immer wieder nach unten tendierenden Ausreißer etwas unbefriedigt auf die Verkostung zurückblicken lassen. Ein schlecht gemachter Xinomavro überzeugt doch immerhin noch mit sortentypischen Aromen von Tomate und Erdbeere und bringt eine gute Säure mit. Ein mittelmäßiger Agiorgitiko fällt gleich, vor allem am zweiten Tag, mit unangenehmen oxidativen Noten auf.


Was braucht Agiorgitiko für die Zukunft, um als König griechischer Rotweine auftreten zu können? Ob die stärkere Binnendifferenzierung der Terroirs der PDO Nemea zielführend ist, für welche Yiannis Karakasis argumentiert? Das Herausschälen eines Premium-Segments durch eine klarere Kennzeichnung scheint mir persönlich für Nemea der Schritt mit noch mehr Potenzial in der nahen Zukunft. Und tatsächlich wurde 2024 die Auszeichnung „Nemea Lion“ angekündigt: Single-Vineyard-Weine mit strengeren Anforderungen, etwa mindestens 10 Jahre alte Reben, maximal 800 kg pro Stremma, mindestens 13% Alkohol, mindestens 24 Monate Gesamt-Reifezeit und sensorische Freigabe. Die ersten so ausgezeichneten Weine sollten bald auf den Markt kommen und wir werden sie uns dann anschauen. Man darf also gespannt sein – wobei mich die bisher bekannten Vertreter teilweise überraschen. Auch der Apocalypsis der Barafakas Winery soll (mit Jahrgang 2017) darunter sein … Wenn ein GG unter 90 Punkte bekommt, dann ist etwas deutlich schief gelaufen. Hoffen wir, dass der Nemea Lion überzeugend brüllen wird.


Und in der Zwischenzeit: Jenseits von Nemea findet man ja doch bereits sehr gute Agiorgitikos, ohne nach der Nadel im Heuhaufen suchen zu müssen – da ihn nur produziert, wer vom eigenen Terroir für diese Rebe wirklich überzeugt ist.

 
 
 

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