Limnio – von Aristoteles zur griechischen Weinrevolution

Aktualisiert: 17. Aug.
Welche griechische Rotweinrebsorte befindet sich wohl in den meisten Flaschen, die ich in meiner Sammlung habe? Nein, nicht Xinomavro – den habe ich überwiegend reinsortig, was seine Anzahl limitiert. Nein, auch nicht Agiorgitiko, der gerne auch mal als Verschnittpartner verwendet wird – dann allerdings eher in Cuvées mit internationalen Rebsorten, meist eher als kleine Beigabe zu Bordeaux-Cuvées mit Cabernet Sauvignon und Merlot. (Wie er reinsortig schmeckt, steht in unserem Agiorgitiko-Guide.) Die Rede ist vielmehr von Limnio (nicht zu verwechseln mit Limniona), einer Rebsorte, die ein weit verbreitetes, aber eher unauffälliges Dasein in vielen Flaschen fristet.
Limnio stammt von der Insel Lemnos in der nordöstlichen Ägäis, wo sie traditionell unter dem Lokalnamen Kalampaki bekannt ist – benannt nach den kargen, trockenen Kuppenlagen, auf denen sie angebaut wurde. Es gibt gute Gründe, in ihr die antike Lemnia-Traube zu sehen – die Rebe, die Aristoteles als Spezialität der Insel Lemnos beschrieb und die damit als älteste heute noch kultivierte Rebsorte überhaupt gelten könnte. Der Wein von Lemnos wurde zwar schon bei Homer und Hesiod gerühmt, doch die Rebsorte selbst benennen diese frühen Quellen nicht – erst Aristoteles fasst die Traube. Das macht Limnio zu einer der kulturhistorisch am stärksten aufgeladenen Rebsorten Griechenlands. Quantitativ sieht es allerdings bescheiden aus: Anfang der 1990er Jahre waren landesweit noch 371 Hektar mit Limnio bestockt, bis 1999 schrumpfte die Fläche auf 122 Hektar. Selbst auf der Heimatinsel ist Limnio heute eine Randerscheinung: Noch 1947 standen dort 7.000 Stremmata Limnio gegenüber 5.000 Stremmata Muscat of Alexandria. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt: 7.000 Stremmata Muscat, nur noch rund 400 Stremmata Limnio. Die Sorte wurde schlicht von der ertragreicheren Muscat verdrängt.
Das Schwergewicht liegt heute in Nordgriechenland. Wichtigste Appellationen sind PDO Limnos (reinsortig) und PDO Slopes of Meliton in Sithonia/Halkidiki, wo der rote PDO-Wein aus 70 % Limnio und 30 % Cabernet Sauvignon bzw. Cabernet Franc besteht. Darüber hinaus findet sich Limnio in den PGI-Gebieten Halkidiki, Mount Athos und Ismaros/Maronia in Thrakien – und eben als Verschnittpartner in zahllosen Cuvées aus Makedonien.
Im Glas ist Limnio gerade nicht der prototypische dunkle, massive Mittelmeer-Rotwein. Die Farbe ist eher mäßig, die Aromatik geprägt von frischen roten Beeren und aromatischen Kräutern, die Tannine seidig, die Säure mittel, der Alkohol eher erhöht. Reinsortig ausgebaut ergibt das oft erstaunlich elegante Weine; in Cuvées bringt Limnio Frische, Kontur und Definition ein.
Bei einer Verkostung vor ziemlich genau einem Jahr, im April 2025, wollten wir dem Limnio in seinen verschiedenen Konstellationen genauer nachschmecken und haben dafür eine Bandbreite an Weinen und Jahrgängen geöffnet.
Der jüngste Wein der Verkostung war der Avaton 2021 vom Ktima Gerovassiliou (PGI Epanomi, 14,5 % vol). Die Cuvée besteht zum größten Teil aus Limnio und zu kleineren Teilen aus Mavrotragano und Mavroudi. Mavrotragano macht ja neuerdings auch jenseits von Santorini Karriere. Mavroudi ist eine wichtige, wenn auch genetisch oft sehr diffuse Rebsorte in Nordgriechenland. Der Stellenwert der Limnio-Rebsorte für Evangelos Gerovassiliou wird deutlich, wenn man bedenkt, dass der Winzer sie als rotes Gegenstück zur von ihm geretteten Malagousia auserkoren hat – auch wenn die gleich geformte Flasche in der Rotwein-Variante eben nicht reinsortig befüllt wird. In der Nase viele dunkle Beeren, aber auch viel Gewürze und Kräuter, dazu etwas Kirsche und eine Spur Kakao. Am Gaumen hat der Wein ein im vorderen Bereich des Mundes eher zurückhaltendes Tannin. Alles spielt sich hinten am Gaumen ab. Dort kommen einige recht grüne Noten hervor und auch eine gewisse Bitterkeit, die momentan noch ziemlich stört. Im Abgang ist der Wein aber dann doch recht delikat – es kommen auch einige ätherische und blumige Aromen durch. 92+ Punkte – aber auf jeden Fall noch einige Jahre liegen lassen. Er erscheint noch zu jung. Wird aus ihm noch mehr?

Generell bin ich bei den jungen Avaton-Jahrgängen etwas unsicher. Mir scheint, dass hier eine Tendenz vorliegen könnte, wie ich sie sonst von den Syrahs bzw. Syrah-basierten Weinen von Gerovassiliou kenne: zu viele kantige grüne Noten, die viel Reife erfordern und es schwer machen, den perfekten Zeitpunkt zu erwischen. Teils überschreiten die Weine ihren Höhepunkt, ehe sie ihre ungestüme Jugendlichkeit ablegen.
Ein weiterer Datenpunkt: Bei einer separaten Verkostung im Dezember 2025 hatte ich den Avaton 2020 im Glas (14 % vol), der sich sehr leicht trinkt und von viel Nougat geprägt war – aromatisch runder als der 2021er, aber ebenfalls noch bei „nur“ 92+ Punkten, weil das Tannin noch sehr vordergründig ist.

Eher gegen die These, dass aus dem 2021er noch viel wird, spricht der Avaton 2017 (ebenfalls 14,5 % vol) als Fallstudie. Wir hatten ihn zuletzt 2021 verkostet und dort, im zarten Alter von nur vier Jahren, bereits mit 94 Punkten ausgezeichnet. Damals zeigte er sich mit wunderbar klarer roter Frucht in der Nase, unterlegt von dezenten Salbeinoten. Am Gaumen kam deutlich Nougat dazu, eingebettet in wunderbar feine Tannine, die weder ins übertrieben Seidige noch ins Pampige abdrifteten. Ein Wein, der sich fantastisch trinken ließ – nur im Abgang dominierte der Alkohol dann doch eine Spur zu sehr. Vier Jahre später, bei der Verkostung im Frühjahr 2025, hatte sich der Wein erstaunlich stark verändert. Von den damals so attraktiven Nougat-Noten hat sich sehr viel aufgelöst. Die Nase ist jetzt deutlich enger auf rote Früchte fokussiert, dazu etwas vegetabile Noten wie Rote Bete und leicht bittere Anklänge von Orangenzeste oder Kumquat. Am Gaumen fällt eine extreme Konzentration an Eukalyptus-Aromen auf, wie ich sie bei griechischen Weinen selten erlebt habe – man würde da am ehesten noch an einen Cabernet aus Australien denken. Insgesamt deutlich weniger aggressiv als der 2021er, allerdings auch nicht mehr ganz so filigran wie bei der Erstbegegnung. Der Alkohol bleibt relativ spürbar. Letztlich 92 Punkte – der Wein hat sich nicht in die erhoffte Richtung weiterentwickelt.

Allerdings: Einige Tage nach der Verkostung habe ich nochmal nachprobiert, um zu sehen, wie sich die Weine mit Sauerstoff entwickeln. Beim 2017er kommt mit viel Luft das Nougat tatsächlich wieder zurück. Aber er zeigt schnell oxidative Noten und wird zügig zur schlechteren Wahl – rutscht auf 90 Punkte ab. Der Avaton 2021 hingegen ist jetzt nicht mehr ganz so streng und fordernd. Er zeigt seinen Wacholder, seine Brombeere, seine gute Struktur. Es gibt also durchaus Grund zur Hoffnung, dass er in einigen Jahren noch auf 93 oder 94 Punkte klettern wird.
Der Ktima Gerovassiliou Red 2019 (PGI Epanomi, 14,5 % vol) ist der Hauswein des Guts – und hier von Syrah dominiert. Limnio stellt neben Merlot mit je rund 20 % nur einen kleineren Anteil. Treffen wir hier jetzt auf das eben monierte Problem gleich in doppelter Weise? Aber – was für eine wunderbare, filigrane Nase. Filigran und gleichzeitig sehr dicht belegt mit verschiedensten Früchten, auch etwas Erdbeere, ein wenig Aromen von getrockneten Hagebuttenblüten. Aber alles noch sehr frisch. Am Gaumen umschmeichelt einen zunächst der weiche Merlot, ehe der Syrah übernimmt und den Wein recht weit prägt. 91+ Punkte – ich bin ziemlich begeistert von diesem Jahrgang und bin mir sicher, dass er in fünf Jahren ein ganz hervorragend gereifter Wein bei 93 Punkten sein wird. Zuversichtlich stimmt mich dabei auch, dass ich den 2008er Jahrgang (damals noch eine Cuvée ausschließlich aus Merlot und Syrah) mit 15 Jahren auf dem Buckel verkostet habe und er sich da noch klar bei 90 Punkten präsentierte – für einen solchen Einstiegswein schon enorm.

Nachdem wir des Direktvergleichs wegen kurz von 2021 ins Jahr 2017 gesprungen und dann zurück zu 2019 gekehrt waren, kommen wir jetzt ganz regulär in absteigender Reihenfolge zum Jahrgang 2017 – und wechseln dabei den Schauplatz. Vom maritimen Epanomi geht es auf die Athos-Halbinsel. Die Geschichte der Tsantali-Weine von dort ist zu schön, um sie nicht kurz zu erzählen: 1969 entdeckte Evangelos Tsantalis bei einem Sturm die verwilderten Weinberge beim Kloster Agios Panteleimon. Gemeinsam mit den Mönchen begann er 1973 mit der Wiederbelebung, und seit 1981 werden die Weine als „Regional Wines of Mount Athos“ vermarktet. Die rund 80 Hektar Reben auf 220–250 m Höhe werden überwiegend biologisch bewirtschaftet. Aus dieser Lage hatten wir an diesem Abend gleich drei Weine im Glas – alle Cuvées aus Limnio und Cabernet Sauvignon, aber mit unterschiedlicher Gewichtung, unterschiedlichem Ausbau und sehr unterschiedlichem Alter.
Der Metochi Chromitsa 2017 (PGI Agion Oros Athos, 14 % vol) setzt mit 65 % Cabernet und 35 % Limnio stärker auf den internationalen Partner, mit längerer Maischestandzeit und mehr Zeit im Fass. In der Nase deutlich stalliger als die bisherigen Weine, viel Leder. Am Gaumen noch sehr grobes Tannin. Im Abgang ein wenig Schwarztee. Kein schlechter Wein, aber etwas sehr gemacht. Ein Wein, der in einigen Jahren sicherlich noch auf hohem Niveau mitspielen wird, der jetzt aber nicht zu berauschen vermag. 87+ Punkte.

Der kleine Bruder, der Agathon 2017 (PGI Agion Oros Athos, 13 % vol), teilt die Sorten je 50/50 auf und reift rund 8 Monate in französischen Barriques – 2–3 Monate weniger als der Metochi. Richtig Kirsche in der Nase, ein kleines bisschen griechischer Bergtee. Am Gaumen ist das Kräuterige tatsächlich doch recht ausgeprägt, was im Vergleich zu den vorhergehenden Weinen auffällt. Im Abgang allerdings recht unspektakulär. Positiv festzuhalten ist, dass es auf jeden Fall kein klassischer Cabernet ist – Limnio kommt hier doch zum Zug. 87 Punkte.

Und wieder ein Sprung, der die Chronologie durcheinanderwirbelt – diesmal ein größerer, direkt ins Jahr 2006, aus dem ich auch noch einen Agathon 2006 im Keller hatte (14,5 % vol, ebenfalls 50/50 Limnio und Cabernet Sauvignon). Deutlich reifer in der Nase, aber wenig Pilziges, dafür viel Kräuter. Auch am Gaumen viel Tee. Erstaunliche Säure für 14,5 % Alkohol – tatsächlich zu stark, als dass man hier filigrane Tertiäraromen wahrnehmen könnte. Lediglich 85 Punkte, aber auch kein Anlass zur Annahme, dass dieser Wein in den nächsten fünf Jahren kippen sollte.

Ebenfalls vom Athos, aber aus ganz anderer Hand, stammen die Weine des Metochi Mylopotamos – der kleinen Bio-Kellerei der Heiligen Zelle des hl. Eustathios, einer Dependance der Megisti Lavra, des ältesten Klosters auf dem Heiligen Berg. Die Weinbautradition reicht hier bis vor 973 n. Chr. zurück. Nach langer Verfallsphase trieb Mönch Epiphanios ab 1990 die Wiederbelebung der Weinberge voran; heute umfasst die Rebfläche rund 5 Hektar, biologisch bewirtschaftet. Der Metochi Mylopotamos Red 2017 (PGI Agion Oros Athos, 14 % vol) ist eine Cuvée aus Limnio, Merlot und Cabernet Sauvignon. In der Nase geradezu betörend süßer Duft nach Blüten und süßen roten Früchten. Am Gaumen erfreulich gute Säure, die diesem Eindruck Balance verschafft und für genügend Frische sorgt. Der Abgang ist dann allerdings doch ziemlich kurz und enttäuschend. 88 Punkte.

Aus demselben Kloster, aber eine andere Liga: der Mylopotamos Epifanis 2016 (PGI Agion Oros Athos, 14,8 % vol) – das Spitzenprodukt des Klosters und nach den besten jahrgangsspezifischen Quellen wahrscheinlich 100 % Limnio. Absolut faszinierende Nase von Pflaume mit einigen erdigen Untertönen. Am Gaumen hervorragende, den Wein sehr weit tragende Säure. Sehr feines, aber präsentes, im ganzen Mund ausgleitendes Tannin. Dazu eine gute Salzigkeit. Langer, kräutriger Nachhall. Eine hervorragende Einführung in die Stärken der Rebsorte. 93 Punkte.

Jetzt springen wir wieder. Noch weiter, und diesmal dauerhaft. Ins alte Jahrtausend – zu einem der bedeutendsten Rotweine der neueren griechischen Weingeschichte, dem Château Carras, der mich in den neueren Ausgaben allerdings öfter mal enttäuscht hat. (Zuletzt hatte ich etwa den Château Carras 2012 im November 2024 in einem Restaurant in San Diego im Glas. Das war ein starkes Tanningerüst mit zu wenig Aromatik. Zugegebenermaßen dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass es recht schlechtes griechisches Essen im Meze Greek Fusion und eine herablassende Präsentation des Sommeliers dazu gab. Schlägt man daher einen Extrapunkt auf, komme ich auf 91 Punkte. Zu wenig für einen solchen Wein. Aber ich werde mir bald mal wieder eine Flasche besorgen und hier berichten.)

Domaine Porto Carras in Neos Marmaras auf Sithonia war eines der ambitioniertesten Weinprojekte des modernen Griechenlands. Der Reeder Giannis Carras ließ ab Mitte der 1960er Jahre an den Hängen des Mount Meliton einen Weinberg anlegen, der heute rund 475 Hektar umfasst und als größter organischer Weinberg Griechenlands gilt. Den Stil prägte niemand Geringeres als Émile Peynaud, der neben der Vinifikation auch die Sortenwahl mitbestimmte und die frühe Etablierung internationaler Sorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot in Griechenland maßgeblich prägte – Porto Carras war eines der ersten Güter, auf denen diese Sorten angebaut wurden. Ab 1976 arbeitete Vangelis Gerovassiliou als Önologe bei Domaine Porto Carras – ja, derselbe Gerovassiliou, dessen Avaton und Hauswein wir eben verkostet hatten. Bis Anfang 1999 blieb er auf Porto Carras, ehe er sich ganz seinem eigenen Gut in Epanomi widmete.
1982 wurde die PDO Slopes of Meliton anerkannt – die erste griechische Herkunftsbezeichnung, die internationale Rebsorten in der Cuvée zuließ. Die Vorschrift für den roten PDO-Wein lautet: 70 % Limnio, 30 % Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Diese Formel kodifizierte dabei sehr wahrscheinlich einen Hausstil, der auf Porto Carras schon seit den 1970er Jahren praktiziert wurde. In der Praxis ist die Geschichte allerdings etwas komplizierter. Unter dem Etikett Château Carras enthielt bereits der 1981er neben Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc auch Limnio und Merlot – also einen Viererblend, der sich von der PDO-Formel unterscheidet. Für den 1984er fehlen vergleichbar belastbare Jahrgangsbelege zur genauen Zusammensetzung. Die parallel existierende Prestige-Abfüllung Porphyrogenitos dagegen folgte nachweislich schon ab 1975 der Dreier-Cuvée aus Limnio, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc – der 70/30-Rahmen ist für 1975 sehr wahrscheinlich, aber nicht direkt mit Prozentangaben belegt.
Der Château Carras 1997 (Côtes de Meliton V.Q.P.R.D., 13 % vol) liegt zeitlich klar in der Phase, in der die PDO-Formel etabliert war. Gegas listet in seinen Metadaten Cabernet Sauvignon und Limnio; die genaue Zusammensetzung lässt sich ohne Etikett oder Datenblatt nicht abschließend klären. Die Hoffnungen bei diesem Wein waren recht hoch, schreibt doch der griechische Kritiker Pavlos Gegas 2016 in geradezu hymnischem Ton von dem Jahrgang: sous bois, geräucherter Speck, Salzigkeit, rote Kirschen und Brombeeren, Pflaume, trockener Teer – dazu makellose Tannine, hervorragende Säure und ein tiefes, lineares Finish. 93+ Punkte. In der Nase reife Noten von Unterholz, aber auch speckige Aromen. Auf keinen Fall ein Wein, den man farblich in die 1990er Jahre datieren würde – noch erstaunlich frisch. Am Gaumen Pflaume, Brombeeren, eine exzellente Frische. Wir haben es hier mit nur 13 % Alkohol zu tun, und das tut diesem Wein sehr gut, gerade im Vergleich zu den anderen verkosteten Weinen. Auch die Säure ist spot on. Dazu kommt aber auch eine schlicht nicht enden wollende Salzigkeit. Beispiellos für einen von mir bisher verkosteten griechischen Wein. 94 Punkte.

Und noch einmal dreizehn Jahre weiter zurück. Der Château Carras 1984 (Côtes de Meliton, 12,5 % vol) stammt aus der ganz frühen PDO-Phase, noch unter Gerovassiliou als Önologe, nur zwei Jahre nach Anerkennung der Appellation. Ob hier bereits die 70/30-Limnio-Formel galt oder noch ein anderes Verhältnis – möglicherweise mit Merlot wie beim 1981er –, lässt sich aus den öffentlichen Quellen nicht sauber klären. Was ist im Vergleich zum 1997er der Fall? Am Anfang ganz leicht muffig, aber das verfliegt schnell. Dann eine sehr jodige Nase. Schlehe, Sanddorn. Am Gaumen auch wieder diese tolle Salzigkeit – aber hier wirklich von noch erstaunlicherer Frucht getragen. Rote Beeren, Rote Bete, etwas Blutiges. Langer Nachhall. Gute Säure. Ein wirklich erfrischender Wein, den man nicht zu warm trinken darf, mit seinen nur 12,5 % Alkohol. Und ein faszinierendes Tannin: nicht wirklich geschliffen, immer noch zu beißend, stark – aber platzmachend für die Aromatik. Ein faszinierender Wein. 95 Punkte.

Das klingt nach einem echten Highlight – besser geht es eigentlich nicht mehr, oder? Nun ja, einen Wein hätte ich dann noch in meinem Keller, der sich hier als krönender Abschluss angeboten hätte: den Domaine Porto Carras Porphyrogenitos 1975, die Ikone des griechischen Weinbaus schlechthin. Eine Cuvée aus Limnio, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc – der 70/30-Rahmen der PDO dürfte auch hier gelten, ist aber für den 1975er nicht direkt mit Prozentangaben belegt. Anders als beim Château Carras ist Merlot beim Porphyrogenitos für keinen dokumentierten Jahrgang belegt. Porphyrogenitos war nie ein jedes-Jahr-Wein, sondern eine selektive Prestigeabfüllung: bekannte Jahrgänge sind 1975, 1977, 1993 und 2001. Der Wein reifte 24 Monate in französischer Eiche und dann etwa 15 Jahre im Flaschenkeller, ehe er überhaupt auf den Markt kam – der 1975er erschien erst 1990. Bei einer Vertikalprobe 2014 beschrieb Yiannis Karakasis MW den 1975er als „wirklich überwältigend“, mit Aromen von Erde, Trüffel und Pilzen, aber zugleich noch mit Frische, Frucht und hoher Komplexität. Jancis Robinson verkostete ihn im Dezember 2015 separat. Eigentlich hatte ich ihn zu seinem 50. Geburtstag öffnen wollen. Ganz getraut habe ich mich dann aber doch nicht. Vielleicht dieses Jahr?


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