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Drei Gläser Kir-Yianni und eine verdiente Blamage

Autorenbild: Griechische Weine
Griechische Weine
vor 6 Stunden
6 Min. Lesezeit

Wenn man viele Verkostungen für andere organisiert und ihnen dann zuschaut, wie sie sich blind abmühen, während man selbst längst weiß, was im Glas ist, stellt sich mit der Zeit ein falsches Gefühl von Sicherheit ein. Das musste ich kürzlich wieder recht schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Wir waren bei Freunden eingeladen, die sich sehr gut mit griechischem Wein auskennen, und ich wollte etwas Wein zum Spieleabend mitbringen. Beim Blick ins Regal mit den noch zu verkostenden Flaschen fielen mir drei Xinomavro von Kir-Yianni ins Auge: drei Weine, drei Preisklassen, drei Jahrgänge. Um es wenigstens für mich selbst ein bisschen spannend zu halten, habe ich die Flaschen durcheinandergewürfelt, bevor ich sie vertütet habe.

Kir-Yianni Naoussa Cuvée Villages 2022, Ramnista 2021 und Diaporos 2020 nebeneinander im Garten

Drei Flaschen, drei Preisklassen, drei Jahrgänge

Zum Gut nur kurz: Ktima Kir-Yianni wurde 1997 von Yiannis Boutaris gegründet, die Weinberge rund um Giannakochori in Naoussa reichen bis 1970 zurück, heute führt Stellios Boutaris das Haus. Ein zweites Standbein liegt in Amyntaio.

In den Säckchen steckten an diesem Abend: der Einstiegswein, die Naoussa Cuvée Villages 2022 (Verkostungsnotiz), reinsortiger Xinomavro mit PDO Naoussa, rund 12 Euro in Griechenland, in Deutschland ebenfalls rund 12 Euro. Ein Jahr älter der Traditionswein des Hauses, der Ramnista 2021 (Verkostungsnotiz), auch er ein PDO Naoussa, rund 22 Euro in Griechenland, in Deutschland rund 21 Euro. Und schließlich der Diaporos 2020 (Verkostungsnotiz), der neben Xinomavro auch 13 Prozent Syrah enthält und deshalb kein PDO-Naoussa-Etikett trägt, sondern als PGI Imathia läuft (die Ursprungsbezeichnung verlangt reinsortigen Xinomavro). Rund 45 Euro in Griechenland, in Deutschland ebenfalls rund 45 Euro.


Im Glas

Der erste Wein verriet die Rebsorte sofort. In der Nase sehr viel getrocknete Tomate, ein wenig Erde und viel Erdbeere. Farblich waren allerdings schon deutliche Alterungsnoten zu sehen, und auch am Gaumen zeigte sich zu einem feinen, aber dichten Tannin ein recht oxidativer, rosiniger Abgang. Auf Xinomavro zu kommen war also nicht schwer. Im richtigen Jahrgangsspektrum zu landen dagegen schon: Die meisten am Tisch gingen mindestens fünf Jahre weiter in die Vergangenheit, als das angesichts der Kandidaten möglich war. Ich hatte meine eigene Vermutung, dazu später mehr.

Der zweite Wein: deutlich weniger blickdicht, violette Reflexe. In der Nase ein breiteres Spektrum an Beerenfrüchten, weniger Tomate, noch gut als Xinomavro erkennbar, aber auch ein wenig schwarze Johannisbeere, ein Hauch Cassis, was einen beim Blindraten durchaus rausbringen kann. Das verspricht eigentlich einen interessanten Wein. Am Gaumen dann aber recht unausgegoren, sperrig, die Säure nicht gut integriert, zu aufgeregt. Auch im Nachhall vegetabil und kantig.

Der dritte Wein schließlich dichter als die beiden vorangegangenen, schon in der Farbe. In der Nase Brombeere und Himbeere. Am Gaumen packendes Tannin, sehr gut im Konzert mit der Säure, guter Zug, langer pfeffriger Nachhall.


Das Raten und die Auflösung

Welcher der jüngste Wein war, stand für alle fest: Glas zwei. Dass es die Cuvée Villages sein musste, ergab sich angesichts dieser Dreierauswahl für mich als Wissenden von selbst. Und das enttäuschte mich etwas, denn den Jahrgang 2019 hatte ich deutlich besser in Erinnerung. In unserer großen Xinomavro-Masterclass hatte die Cuvée Villages 2019 mit 90 Punkten sogar knapp den Ramnista 2019 mit 88 hinter sich gelassen.

Und Glas eins? Alle anderen am Tisch waren sich sicher, dass hier der älteste Wein stand. Woran sie nicht dachten, nachdem ich irgendwann erwähnt hatte, dass alle drei Weine vom selben Gut stammen: In so einem Fall ist davon auszugehen, dass der hochwertigste Wein die längste Flaschenreife hinter sich hat. Ich war mir sicher, der Diaporos konnte es nicht sein.

Denn mit dem Ramnista verbindet mich eine gewisse Hassliebe. Früher, als ich mich noch nicht viel für Wein interessierte, hatte ich oft Ramnista im Glas und habe ihn genossen, ohne mir die Jahrgänge zu merken. Seit ich mich professioneller mit griechischem Wein beschäftige, hatte ich dagegen keinen Jahrgang mehr vor mir, der mich restlos überzeugt hätte:

  • Ramnista 2006, 86 Punkte (verkostet 2024): hatte zu viel Primärfrucht verloren, „wie verhext".

  • Ramnista 2010, 88 Punkte (Mai 2026): „mal wieder ein Ramnista, der mich nicht wirklich überzeugt hat".

  • Ramnista 2017, 90 Punkte (2024): zu wenig für den Namen und den Jahrgang.

  • Ramnista 2018, 90 Punkte (2024): leicht korkbehaftet.

  • Ramnista 2019, 88 Punkte (2024): überraschend gealtert, eine Konterflasche wäre gut gewesen.

Von daher war ich mir sicher: Das ist mal wieder ein Ramnista, der mich nicht überzeugt, einer, der, obwohl ein Jahr jünger, schon ein paar Jahre älter wirkt. Großspurig verkündete ich also beim Öffnen, Glas drei sei natürlich der Diaporos, die pfeffrige Note unverkennbar, ich meinte wirklich, ihn wiederzuerkennen. Wer bis hierher gelesen hat, kann es sich denken: Die Blamage war groß. Der Ramnista steckte in Säckchen Nummer drei. Und ja, wenn man es erst einmal weiß, kommen einem beim Nippen am ersten Glas plötzlich wieder Tabak und Leder in den Sinn.


Die Weine im Einzelnen

Vom Diaporos 2020 bin ich ein bisschen enttäuscht. Der Xinomavro dafür stammt aus Block 5, gepflanzt 1972, der Syrah aus zwei Blöcken von 1987; beide werden getrennt vinifiziert, der Xinomavro reift rund 16 Monate in Barriques erster und zweiter Belegung, am Ende stehen 15 Prozent Alkohol. Der Name verweist übrigens auf die kleine Insel Diaporos vor Sithonia, den Rückzugsort der Familie Boutaris; die Trauben wachsen trotzdem brav in Naoussa. Den Diaporos 2018 hatte ich 2024, ebenfalls mit sechs Jahren, in der Masterclass mit 94 Punkten bewertet: die zweitbeste Wertung unter 53 Weinen und der beste Kir-Yianni der Masterclass, höher lag nur der Vrana Petra 2017 von Thymiopoulos mit 99+. Ein feiner Wein ist der Diaporos durchaus, einer, der den Xinomavro vom ersten Schnüffeln an ins Zentrum stellt und, wenn man länger daran sitzt, filigran ist und zum Nachdenken gibt. Im direkten Vergleich überzeugte an diesem Abend aber der Ramnista deutlich mehr. Der 2020er wirkt zudem weiter in seiner Entwicklung, als der Jahrgang vermuten ließe: 2020 steht für rote Naoussa bei 8,0 auf unserer Jahrgangsskala (der langjährige griechische Median liegt bei 6,5), trocken-warm, aber mit erhaltenem Unterschied zwischen Tag und Nacht, was dem spätreifenden Xinomavro half; die gefürchtete Herbstfäulnis blieb aus. Das Gut selbst beschrieb für die Diaporos-Parzellen allerdings eine verzögerte, ungleichmäßige Reife. Die Kritik sieht den Wein deutlich höher als ich: Wine Advocate gab im Juni 2026 94 Punkte (Monica Larner), beim Concours Mondial de Bruxelles 2026 gab es Grand Gold. Für mich sind es 91 Punkte, mit dem oxidativen Zug im Abgang nicht mehr.

Die Cuvée Villages 2022, der Plural kommt von den Trauben aus jüngeren Gutsparzellen und von kleinen Erzeugern aus mehreren Dörfern der Zone, gibt es seit dem Jahrgang 2017. Rund ein Jahr Holz, überwiegend französische Eiche, ein Jahr Flaschenreife, 14 Prozent. Auch hier taugt der Jahrgang nicht als Ausrede: 2022 war mit 8,0 ein gutes Jahr für rote Naoussa. Bei den Fremdwertungen geht die Schere weit auseinander: Die Decanter World Wine Awards 2025 vergaben Gold mit 95 Punkten, Vinous 91, JancisRobinson.com 16,5 von 20, der FNL Guide von Simos Georgopoulos 8 von 10. Meine 89 Punkte (allenfalls 90) liegen damit eher am unteren Rand des Spektrums. Die 95 passen für mich so gar nicht, bei allem Respekt vor der Jury.

Bleibt der Ramnista 2021, mein Wein des Abends. Der Name bedeutet im örtlichen Sprachgebrauch „königlicher Hügel", 2002 wurde gar kein Ramnista abgefüllt. „Single Vineyard" heißt hier: ausgewählte Parzellen des Ramnista-Weinbergs, 2021 waren es neun, die meisten 1970 bis 1973 gepflanzt. Jede Parzelle wird getrennt vinifiziert, danach 14 Monate französische Eiche in 225- und 500-Liter-Fässern, 14,5 Prozent, Lesebeginn war der 21. September 2021. 2021 steht für Naoussa nur bei 7,0, ein kühl-eleganter Jahrgang mit hoher Säure, bei dem viel vom Lesezeitpunkt und von der Selektion abhing. Landesweit lag 2021 sogar nur bei 5,5, gedrückt von der Hitzewelle ab Ende Juli und den Bränden in Nord-Euböa, Nord-Attika und auf dem Peloponnes. In Naoussa verzögerte ein kalter März den Austrieb, und die Kühle schob auch die späte Xinomavro-Lese hinaus, die sich bis zum 10. Oktober zog. Nach den Jahrgangszahlen hätten also 2020 und 2022 vorn liegen müssen. Gewonnen hat der Wein aus dem schwächsten der drei Jahre. Mit dem Wine Advocate treffe ich mich hier übrigens exakt: Monica Larner gab im Juni 2026 ebenfalls 93 Punkte. Für mich sind es 93 Punkte, und eigentlich stünde da ein Plus dahinter, hätte ich mit gereiften Ramnistas nicht schon so oft Pech gehabt, was freilich auch an der Lagerung gelegen haben kann. Es ist jedenfalls mein bislang am höchsten bewerteter Ramnista.


Empfehlungen und ein Schlusswort

Wer Ramnista probieren möchte, soll es von einem Ramnista-Skeptiker hören: Kauft den 2021er. Das ist wirklich großes Kino für diesen Preis. Beim Diaporos würde ich dagegen zu einem anderen Jahrgang greifen, es sei denn, man will einfach auf eine bessere Flasche hoffen. Und die Cuvée Villages kann mehr, als sie im Jahrgang 2022 gezeigt hat, der 2019er hat es bewiesen.

Zwei von drei Weinen blieben an diesem Abend also hinter den Erwartungen zurück. Ein enttäuschender Abend? Ganz und gar nicht. Genau diese Vielgestalt des Weins, seine Abhängigkeit vom Jahrgang, die manchmal unerwartete Entwicklung in der Flasche, all das gehört dazu und macht die Sache erst spannend. Und umso größer ist die Freude, wenn einer wie der Ramnista 2021 plötzlich so auftrumpft. Drei Weine lagen an diesem Abend nebeneinander. Daneben lag nur der Verkoster.

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