Ein Rosé, der redet, und einer, der schweigt

Die Rotweine von La Tour Melas aus Achinos bei Stylida in Fthiotida bewerte ich seit Jahren durchweg mit 94 bis 95+ Punkten. Dass das Haus auch seine Rosés nicht nebenbei macht, zeigt schon die Staffelung: unten der Nautilus, in der Mitte die Idylle d'Achinos, an der Spitze der Silphium, eine nach Angaben des Guts sehr limitierte Cuvée. Im Oktober 2026 habe ich die beiden oberen Weine des Jahrgangs 2025 gemeinsam verkostet, beide als Muster des Weinguts. Ein aufschlussreicheres Paar hätte man kaum zusammenstellen können: Der eine ist in der Nase unglaublich expressiv und bedient am Gaumen sehr viele Register, der andere gibt sich in der Nase verhalten und ist am Gaumen eine Wucht. Und beide stehen auf dem höchsten Stand, den ich bei diesen Weinen bisher erlebt habe.
Idylle d'Achinos 2025

Die Idylle d'Achinos 2025 ist ein Verschnitt aus 44 Prozent Grenache Noir, 38 Prozent Syrah und 18 Prozent Agiorgitiko, so hat es das Weingut bestätigt. Das ist eine deutliche Verschiebung gegenüber dem 2021er, der noch bei 50 Prozent Grenache Noir, 30 Prozent Agiorgitiko und 20 Prozent Syrah lag: Der Syrah-Anteil hat sich fast verdoppelt, der Agiorgitiko wurde deutlich zurückgefahren. Auch die Einstufung hat gewechselt, der 2025er läuft als „Wine of Greece", während der 2021er noch die PGI Fthiotida trug. Im Keller ist das die gleiche Arbeit wie beim Nautilus: je nach Sorte und Parzelle Saignée oder Direktpressung, mit oder ohne Schalenkontakt, 13 bis 20 Tage kalte Gärung, danach vier Monate auf der Feinhefe, bei einem Ertrag von durchschnittlich 50 Hektolitern je Hektar. Idylle und Nautilus unterscheiden sich damit offenbar im Blend, nicht in der Kellerarbeit. Der Alkohol liegt mit 12,7 Prozent praktisch auf dem Niveau des 2021ers (12,8 Prozent).
Rund um Achinos sahen die Sommermonate 2025 so aus: Von Juli bis Mitte September lagen die Tagesmaxima im Schnitt bei 30,0 °C, wo sonst 28,8 üblich sind, und mit 39,3 Millimetern fiel deutlich weniger Regen als die gewohnten 59,9. Zwischen Tag und Nacht lagen 8,5 Grad, der größte Unterschied seit 2000, gegenüber üblichen 7,7.
In der Nase ist dieser Wein unglaublich expressiv: sehr viel rote Frucht, dazu eher untypische Kirsche und Himbeere. Am Gaumen kommt viel Zitrus, getragen von einer guten Säure, die vor allem im Antrunk auftaucht und den Zug nicht beeinträchtigt; im Abgang steht Birne. Fantastisch komplex ist er in dem Sinne, dass er tatsächlich von allem etwas hat, dass ihm nichts fehlt und er sehr viele Register bedient. Obendrein hat er viel Sauerstoff vertragen und war auch Tage nach dem Öffnen noch gut.
Notiert hatte ich von der Idylle bisher nur den 2021er, den ich im September 2023, rund zwei Jahre nach der Ernte, bei 91 Punkten sah (Verkostungsnotiz). Der 2025er, den ich etwa ein Jahr nach der Lese probiert habe, ist für mich mit Abstand der beste Jahrgang dieses Weins. Erst wollte ich ihm 92+ geben, aber eigentlich verdient er 93, und bei rund 16 Euro in Griechenland (in Deutschland rund 19 Euro) ist das hervorragend. Für mich sind das 93 Punkte.
Silphium 2025

Der Silphium ist der Spitzen-Rosé des Hauses und liegt mit rund 40 Euro in Griechenland bei mehr als dem Doppelten der Idylle; einen deutschen Preis für den 2025er habe ich nicht gefunden. Seine Rezeptur wechselt von Jahrgang zu Jahrgang, und 2025 ist sie wieder eine andere. Geführt wird er von Fokiano aus wurzelechten Reben auf Naxos, dazu kommen Grenache und Syrah sowie, nach Auskunft des Guts in diesem Jahr in geringerem Anteil, Aspro Potamisi; Prozente nennt das Haus nicht. Die Fokiano-Führung samt Grenache und Aspro Potamisi teilt der 2025er mit dem 2021er, neu ist der Syrah. Der Alkohol liegt bei 13,4 Prozent.
In der Nase ist er etwas verhalten. Granatapfel kommt durch, ein kleines wenig Rosenblütenwasser, ein bisschen Orangenzeste. Am Gaumen ist er dann eine Wucht: unglaublich dicht, so dicht, dass man ihn eigentlich kaum komplex nennen kann, in dieser Dichte aber unglaublich präsent und überzeugend. Bei nur 13,4 Prozent wirkt er sehr viel öliger, aber nie schwer süß; vielmehr prägen ihn eine unglaubliche Speckigkeit und Rauchigkeit. Wäre die Nase noch ein bisschen animierender, wäre das sogar noch mehr.
Zur Einordnung: Den 2021er hatte ich im September 2023 mit rund zwei Jahren bei 93+ (Verkostungsnotiz); Yannis Athanasakopoulos gab ihm bei WineVein 90 Punkte, das sah ich also höher. Den 2023er hatte ich im September 2024 mit rund einem Jahr bei 94 (Verkostungsnotiz) und hielt ihn damals für lagerfähig. Der 2025er ist mit etwa einem Jahr genauso alt wie seinerzeit der 2023er, und er ist rassiger als alle Jahrgänge, die ich bisher im Glas hatte. Eine Fremdwertung zum 2025er ist mir nicht bekannt. Das ist ein ganz fantastischer Jahrgang, und für mich sind das 95 Punkte.
Welcher für wen
Es bleibt eine hübsche Pointe, dass ausgerechnet der günstigere der beiden Weine der komplexere ist: Die Idylle hat von allem etwas, der Silphium ist so dicht, dass die Frage nach Komplexität fast müßig wird. Die Empfehlung fällt deshalb leicht. Wer für unter 20 Euro einen expressiven, kompletten Rosé sucht, der auch nach Tagen am Sauerstoff noch Freude macht, greift zur Idylle d'Achinos. Der Silphium ist dagegen etwas für alle, die Rosé als ernsthafte Weinkategorie betrachten und bereit sind, dafür 40 Euro anzulegen: speckig, rauchig, dicht und bei moderatem Alkohol erstaunlich präsent. Ein Sommerwein für den Pool ist er eher nicht. Das war vermutlich auch nie der Plan.
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