Kechris Winery – Tear of the Pine 2022
Retsina Traditional Appellation
100% Assyrtiko
Makedonien, Griechenland
Weißwein | trocken
13,5%
Kaum ein Wein hat der Kategorie Retsina in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit verschafft wie dieser: Beim Decanter World Wine Awards 2024 holte der Kechris „Tear of the Pine" 97 Punkte und wurde als „Best in Show" ausgezeichnet – als erster Retsina überhaupt, der es in diese Spitze schaffte (50 von 18.143 Weinen). Dass so eine Auszeichnung auf einen Wein fällt, der in Deutschland für rund 17 Euro über die Theke geht, ist schon allerhand. Und natürlich fragt man sich dann: Lag es am Wein selbst, oder war einfach mal „Retsina dran"? Die naheliegende These ist, dass die Decanter-Jury überrascht wurde, weil man dort einen Retsina auf Basis von Assyrtiko schlicht nicht kannte und eher Savatiano als Basissorte erwartete – hier stehen 100 % Assyrtiko in der Flasche.
„Tear of the Pine", die Träne der Pinie, gehört zur Retsina „Appellation by Tradition" und läuft damit nicht als PDO. Das hat einen kuriosen Grund – die Trauben stammen aus Goumenissa im Kilkis, doch die PDO Goumenissa ist eine rote Appellation für Xinomavro und Negoska, weshalb ein weißer Assyrtiko-Retsina zwangsläufig als traditioneller Retsina-Stil geführt wird. Auch der Code „LN22" auf dem Etikett ist kein klassischer Jahrgang, sondern ein Release-Code, weil Retsina rechtlich nicht klassisch jahrgangsetikettiert wird. Gemeint ist das Erntejahr 2022, gelesen am 1. September. Kechris, ein Familienweingut aus Thessaloniki mit Wurzeln bis 1911 und der Kellerei in Kalochori seit 1954, hat unter Stelios Kechris (Dijon-Önologie) und seinen Töchtern Eleni, Maria und Zoe genau diese Rehabilitierung von Retsina vorangetrieben – weg vom Tavernen- und Touristenklischee. Der erste „Tear of the Pine" stammt aus 2005/2006. Die Machart ist bewusst weinig gedacht: Kaltmazeration, Gärung in Eichenfässern verschiedener Herkunft mit Harzzugabe während der Gärung bei rund 15 °C – wärmer als üblich – , danach sechs Monate auf der Feinhefe mit Bâtonnage. Das Aleppo-Kiefernharz ist hier also ein aromatisch-strukturelles Element wie Holz, keine Konservierung. Die Werte: 13,5 % Alkohol, 6,80 g/l Säure, 3,7 g/l Restzucker.
Ich habe den 2022er am selben Tag direkt neben dem 2024er verkostet, und dieser Vertikal-Vergleich ist für meine Einschätzung entscheidend. In der Nase zeigt der 2022er das Harz vielschichtig, nach hinten hin dominierend, darunter aber auch süße Blüten. Am Gaumen meldet sich der Assyrtiko mit guter Säure, hat aromatisch dann aber doch recht wenig beizusteuern. Der Nachhall ist gut – schön ist, dass dort erst der Assyrtiko dominieren darf und sich in einem zweiten Nachhall noch einmal das Harz meldet. Den Ton gibt aber vor allem die Säure an. Für jemanden, der viele Assyrtiko-Retsinas verkostet hat, ist das kein überraschend umwerfender Wein, sondern ein sehr ordentlicher Retsina. Mir fehlt ein bisschen Textur, ein bisschen Cremigkeit, ein bisschen Frucht – der Wein droht neben Säure und Harz ins Wässrige zu kippen. Das klingt hart, aber genau deshalb sollte man meine Verkostung des 2024ers danebenlegen: Der kommt bei mir auf 93 Punkte und hat im Moment klar die Nase vorne vor dem legendären 2022er.
Mit meinen 91 Punkten stehe ich damit unter dem breiten Konsens: Peter Moser gab dem 2022er im Falstaff 93, Pavlos Gegas sah ihn bei 92–93(+) mit einem Fenster von 2026 bis 2033, und Decanter eben jene 97. Die Zurückhaltung teile ich mit Julia Harding MW, die für JancisRobinson.com verkostet und genau diesem Jahrgang die niedrigste ihrer Bewertungen zwischen 2018 und 2025 gab (2019 und 2021 hat sie nicht verkostet). In dieser Linie sehe ich mich. „Nur" 91 zu sagen, ist bei einem Preis von unter 20 Euro allerdings eigentlich Quatsch: Ein Best-in-Show-Wein für 15 bis 18 Euro bleibt ein Preis-Paradox, und die 91 finde ich für diesen Wein sehr fair – der Preis ist es für diese Bewertung erst recht.
91 Punkte.

Verkostet: Juni 2026
Andere Jahrgänge:
Kechris Winery – Tear of the Pine 2024 (93, 2026)