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La Tour Melas – Cyrus One 2020

60% Merlot, 25% Cabernet Franc, 15% Agiorgitiko
Mittelgriechenland / Peloponnes, Griechenland
Rotwein | trocken
14%

Der Cyrus One ist der Zweitwein von La Tour Melas, und er verdankt seine Existenz einem Verzicht. 2009 füllte das Gut keinen Grand Vin ab; rund sechzig Fässer, die es nicht in die Spitzencuvée schafften, mussten trotzdem irgendwohin. Daraus wurde der erste Cyrus One. Diese Herkunft aus dem Ausschuss hört man dem Wein heute nicht mehr an – und beim Preis merkt man sie ohnehin nicht: Beim selben Händler kostet der Cyrus One 2020 zwischen 33 und 44 Euro, der Grand Vin zwischen 188 und 220. Ein Zweitwein ist er der Hierarchie nach, ein ambitionierter Premiumwein dem Anspruch nach.

Ungewöhnlich ist schon die Herkunft der Trauben, denn dieser Wein verbindet zwei Terroirs, die nicht nur verschiedene Böden, sondern verschiedene Landesteile bedeuten. Merlot und Cabernet Franc stammen aus Achinos in Fthiotida, wo das Gut auf terrassierten Hängen bis etwa 200 Meter Höhe rund zehn Hektar bewirtschaftet, gut die Hälfte davon mit roten Sorten. Der Agiorgitiko kommt aus Nemea. Für die Jahrgangserwartung heißt das, dass man zwei Werte braucht, und beide sprechen für diesen Wein: Nemea steht 2020 für Rot bei 9,0 von 10 – ein Spitzenwert, und das bei einem griechischen Median von 6,5 –, das benachbarte Lokris für Zentralgriechenland bei 8,0. Für Achinos selbst führen wir keinen eigenen Teilwert; Lokris ist die nächstgelegene belastbare Zelle, und der nationale Wert liegt mit 8,0 auf derselben Höhe. 2020 war in Griechenland ein sehr guter Jahrgang, in Nemea ein herausragender.

Die Cuvée liegt bei 60 Prozent Merlot, 25 Prozent Cabernet Franc und 15 Prozent Agiorgitiko – so nennen es zwei ausdrücklich für 2020 ausgewiesene Quellen übereinstimmend. Eine Distributorenseite, die 2019 und 2020 gemeinsam abhandelt, führt abweichend 35/35/30; ein offizielles Produzenten-Datenblatt für 2020 ließ sich nicht auffinden, weshalb der Widerspruch bestehen bleibt und hier benannt statt geglättet wird. Bemerkenswert ist die Richtung: Der Grand Vin desselben Jahrgangs ist mit 60 Prozent Cabernet Franc und 40 Prozent Merlot genau umgekehrt gewichtet. Der Cyrus One ist damit kein verdünnter Erstwein, sondern ein anders gebauter – Merlot-geführt, wo der große Bruder auf Cabernet Franc setzt.

Im Keller wurden die drei Sorten getrennt vinifiziert, mit weinbergseigenen Hefen und für den Agiorgitiko bei niedrigerer Gärtemperatur. Der Ausbau erfolgte in französischer Eiche mit etwa der Hälfte neuem Holz, und zwar rebsortenspezifisch gestaffelt: Cabernet Franc 22 Monate, Merlot 20, Agiorgitiko 12. Gelesen wird von Hand. Das Gut selbst arbeitet in einem vierstöckigen, teilweise unterirdischen Schwerkraftweingut, das 2006 errichtet wurde – Kyros Melas hatte sich 2000 für das Projekt entschieden, die ersten Reben in Achinos gingen 2001 in den Boden. Rund 6.000 Flaschen sollen es in diesem Jahrgang gewesen sein, bei einem Ertrag von 35 Hektolitern je Hektar; beide Angaben stammen von Händlerseiten und nicht vom Produzenten.

Im Glas steht der Wein erstaunlich vital, mit einer leichten Trübung, die zur Machart passt. Die Nase ist rassig und lebendig, mit einer ganz sachten stalligen Note und einem blutig-eisenhaltigen Zug. Am Gaumen wird der Unterschied zu manchem Altersgenossen deutlich: wenig grobes Tannin, dafür sehr viel Frucht, Kirsche und Pflaume im Vordergrund, dazu etwas Lorbeer als würziger Gegenpol und eine schöne Fruchtsüße, die nie süßlich wird. Der Nachhall ist feurig und pfeffrig, ohne alkoholisch zu wirken – bei 14 Prozent eine Leistung –, und lässt eine leichte Kaffeenote zurück. Der Agiorgitiko meldet sich vor allem über die Pflaume zu Wort, sachte, ohne die Merlot-Cabernet-Franc-Grundstruktur zu überdecken. Es ist der kleinste Anteil der Cuvée und trotzdem der, an dem man die Herkunft erkennt.

Das eigentlich Beeindruckende ist aber die Entwicklung. Sechs Jahre nach der Ernte zeigt dieser Wein keinerlei oxidative Müdigkeit: Die Frucht steht, das Tannin trägt, und der Nachhall hat Energie. Das ist umso bemerkenswerter, als er an diesem Abend gegen einen Premier Grand Cru Classé aus Saint-Émilion antrat – Château La Gaffelière 2017 –, der drei Jahre mehr auf dem Buckel hat und bereits deutlich oxidative Züge zeigte. Der Vergleich war nicht geplant, beide Flaschen standen zufällig gleichzeitig offen. Er fiel zugunsten des Griechen aus, und das nicht knapp.

Man traut sich das fast nicht zu sagen, weil hier ein Zweitwein gegen einen klassifizierten Erstwein steht und der Verdacht naheliegt, dem Griechen werde absichtlich ein prominenter Gegner vorgeführt. Aber der Wein hält, was er im Glas verspricht: 95 Punkte – dieselbe Wertung, die hier auch der Grand Vin 2020 dieses Guts erhalten hat. Was im Umkehrschluss heißt, dass man beim Erstwein bei der nächsten Begegnung vielleicht etwas großzügiger sein sollte. Aus demselben Jahrgang liegt zudem der Palies Rizes bei 94 Punkten, ein reinsortiger Agiorgitiko – La Tour Melas hatte 2020 offensichtlich einen sehr guten Lauf.

Verkostet: August 2026

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