La Tour Melas – La Tour Melas 2020
PGI Fthiotida
60% Cabernet Franc, 40% Merlot
Mittelgriechenland, Griechenland
Rotwein | trocken
14,5%
Am Anfang von La Tour Melas steht eine Wette: Kyros Melas, Geschäftsmann und Liebhaber von Château Lafleur, wettete bei einem Abendessen in Zürich mit einem Schweizer Bankkollegen, er könne in Griechenland einen Wein auf Augenhöhe mit dem Pomerol-Star erzeugen. Ab 2000/2001 pflanzte er in Achinos in der Fthiotida, einer Gegend ohne etablierte Weinbautradition, Reben aus Frankreich – ein bewusstes Bordeaux-Implantat. Beim „Judgment of Athens" um 2015 soll La Tour Melas blind vor Château Lafleur gelandet sein; ein unabhängiges Protokoll gibt es dazu allerdings nicht, und das Gut selbst formuliert vorsichtig, die Wette sei „noch nicht gewonnen". Der Schweizer zahlte jedenfalls nie – sein Argument: Französische Weine altern besser. Ich habe die Wette nun selbst auf die Probe gestellt und den 2020er parallel zum Château Trotte Vieille 2020 verkostet, einem Premier Grand Cru Classé aus Saint-Émilion. Das Duell hat in dieser Weinfamilie sogar Tradition: Den 2019er hatte ich 2024, mit fünf Jahren, gegen den Château La Gaffelière 2019 gestellt und bei 94 Punkten gesehen.
Der Grand Vin des Guts wächst auf Terrassen bei Achinos auf rund 200 Metern, nur etwa zwei Kilometer vom Golf von Euböa entfernt, auf Ton und Kalk mit alluvialen Kieseln; der abendliche Seewind kühlt und erhält die Säure. Gearbeitet wird biodynamisch, wenn auch ohne Zertifikat. Der 2020er ist ein Blend aus 60 % Cabernet Franc und 40 % Merlot – in den Jahrgängen 2019 und 2021 waren es jeweils 65/35 – , vergoren mit Wildhefen in offenen Behältern, mit malolaktischer Gärung im Fass, dann rund 22 Monate in überwiegend neuen französischen Barriques ausgebaut und ungeschönt wie unfiltriert abgefüllt, bei 30 hl/ha Ertrag und 14,5 % Alkohol. Vom Jahrgang 2020 existieren, wie mir das Gut bestätigte, nur 4.700 Flaschen. Das Etikett zeigt übrigens eine historische Ansicht von Echinos nach Edward Dodwell, dessen Reisegeneration zwischen 1801 und 1806 die Fthiotida überhaupt erst ins Bild brachte – die großen Tafelwerke des 18. Jahrhunderts blieben athenzentriert, und für Echinos ist Dodwells Blatt, soweit sich das überblicken lässt, das einzige historische Bildzeugnis.
Als Jahrgang gilt 2020 in Mittelgriechenland als herausragend frisches Jahr. Panos Zoumboulis spricht von einem „Vintage of Perfect Harmony": moderates Wetter ohne Extreme, phenolische Reife bei erhaltener Säure, eine lange, fast gemächliche Lese.
Im Glas ist die Nase wirklich betörend, blumig-fruchtig, mit Brombeere – noch einmal deutlich eine Spur über dem 2019er. Am Gaumen feine reduktive Noten und zupackendes Tannin, das allerdings etwas zu schnell dahinbricht: Es lässt zwar eine leicht adstringierende Spur hinter sich, vermisst aber ein klein wenig Zug, was im letzten Drittel zu einem etwas flachen Gefühl führt. Der Nachhall ist dafür wieder sehr gut dabei, mit sehr schönen rauchigen Noten im zweiten Nachhall und Schlehen. Ein ganz hervorragender Bordeaux vom rechten Ufer.
Das Duell endet 95:95 – der Grieche erreicht exakt den Score des Premier Grand Cru Classé. Umso weniger kann ich nachvollziehen, dass die Decanter World Wine Awards 2026 dem 2020er lediglich Bronze mit 89 Punkten gaben; bei einem derart breit prämierenden Wettbewerb ist das freilich ein schwaches Signal. Jamie Goode sah die Nachbarjahrgänge 2016 bei 93 und 2022 bei 94.
Ein wirklich geglücktes Experiment also. Die Anlagen für 96, 97, vielleicht sogar 98 Punkte sind bei diesem Gut ganz eindeutig da – kommende Jahrgänge werden es zeigen. Der 2020er selbst braucht keine Geduld mehr, den kann man jetzt schon trinken. In Deutschland kostet er 119 Euro und liegt damit sogar über dem Trotte Vieille – etwas hochpreisig für das, was man bekommt, denn einen griechischen Cabernet Sauvignon vergleichbarer Qualität findet man für die Hälfte oder ein Drittel des Geldes. Die Seltenheit relativiert das immerhin: Vom Trotte Vieille wurden im selben Jahrgang nach Angaben des Guts rund 29.000 Flaschen des Grand Vin gefüllt – gut das Sechsfache der 4.700, die es vom La Tour Melas gibt. Aber sowohl als Bordeaux-Liebhaber als auch als Liebhaber griechischer Weine sollte man diesen Wein auf jeden Fall einmal getrunken haben. 95 Punkte.

Verkostet: Juli 2026
Andere Jahrgänge:
La Tour Melas – La Tour Melas 2019 (94, 2024)