Château Trotte Vieille – Château Trotte Vieille 2020
Premier Grand Cru Classé
AOC Saint-Émilion Grand Cru
50% Merlot, 49% Cabernet Franc, 1% Cabernet Sauvignon
Bordeaux, Frankreich
Rotwein | trocken
15%
Verkostet habe ich diesen Wein im Juli 2026 Seite an Seite mit dem griechischen La Tour Melas 2020 – einem Wein, der einst ausdrücklich gebaut wurde, um es mit Bordeaux aufzunehmen. Das Ergebnis dieses Duells vorweg: Beide landen bei mir bei 95 Punkten. Was dieser Gleichstand bedeutet und wo die beiden trotzdem auseinanderliegen, dazu am Ende mehr.
Château Trotte Vieille – das Gut selbst schreibt „TrotteVieille" – ist Premier Grand Cru Classé seit der allerersten Klassifikation von Saint-Émilion 1955 und hat diesen Rang durch jede Revision gehalten; der Rechtstext kennzeichnet nur die A-Güter gesondert, direkt darunter rangiert Trotte Vieille. Das Gut ist seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert, der Name geht auf die Legende einer neugierigen alten Dame zurück, die zum nahen Kutschenhalt „trabte", um Neuigkeiten aufzuschnappen. Seit 1947 gehört das Château der Familie Borie/Castéja, heute leitet es Philippe Castéja; Régisseur ist seit 1999 Christophe Dussutour, beraten wird das Team seit 2011 von Thomas Duclos. Die zwölf Hektar liegen als geschlossenes Enclos auf dem Kalkplateau nordöstlich des Orts: nur dreißig bis vierzig Zentimeter Ton über massivem Kalkstein, Südwesthang, ein durchschnittliches Rebalter von rund sechzig Jahren – darunter eine 1868 gepflanzte, wurzelechte, vorphylloxerische Cabernet-Franc-Parzelle, ein seltener Altbestand am rechten Ufer, dessen älteste Reben allerdings in eine separate, nicht kommerzialisierte Vieilles-Vignes-Cuvée von 135 handgravierten Flaschen wandern.
Der 2020er Grand Vin besteht rund je zur Hälfte aus Merlot und Cabernet Franc – das offizielle Datenblatt nennt 50 % Merlot, 49 % Cabernet Franc und 1 % Cabernet Sauvignon, wobei die Angabe quer durch die Quellen umstritten ist; die Fassnotiz des Wine Advocate sprach seinerzeit sogar von 95 % Merlot. Handlese in kleinen Kisten, parzellenweise Vinifikation, malolaktische Gärung in Barriques und Tanks, dann 18 bis 24 Monate Ausbau in praktisch komplett neuer französischer Eiche. Mit 15 Prozent Alkohol steht er im oberen Zehntel dessen, was Saint-Émilion 2020 hervorbrachte, wo Median und häufigster Wert bei 14,5 Prozent liegen – während in meiner Datenbank kein einziger Rotwein aus Mittelgriechenland diese 14,5 Prozent überschreitet. Bemerkenswert am Rande: 2020 ist der letzte Jahrgang aus dem alten Keller, der neue Präzisions-Chai kam erst mit 2021.
Als Jahrgang gilt 2020 am rechten Ufer als der Klassiker der Trias 2018/2019/2020: nasser Winter, dann 55 Tage Trockenheit im Sommer, die Gewitter Mitte August fielen extrem lokal aus – Teile Saint-Émilions bekamen im ganzen Sommerfenster kaum 45 Millimeter Regen. Auf den wasserhaltenden Kalk-Ton-Böden wurde daraus Konzentration statt Stress: kleine, dickschalige Beeren, hohe Säure, feste, aber reife Tannine. Das rechte Ufer gilt als Star des Jahrgangs.
Vor diesem Hintergrund ist dieser Wein sehr umstritten – nach Durchschnittsbewertung darf man hier wirklich nicht gehen. James Suckling gab aus der Flasche 98 („muscular yet polished", ab 2029), Jeb Dunnuck ebenfalls 98, hochgestuft von 92–94 im Fass, mit dem Hinweis, der Wein sei verschlossen, brauche viel Luft, sieben bis acht Jahre Keller und habe 25 bis 30 Jahre Entwicklung vor sich. Jeff Leve landete final bei 97 mit Trinkfenster bis 2050, Jane Anson bei 96, Antonio Galloni bei 95 („rich, inky and explosive"). Auf der anderen Seite: Neal Martin gab in der Southwold-Blindverkostung im November 2024 nur 93 – das Bukett habe ihn zunächst abgestoßen, der Wein gewinne dann Frische, „perhaps due to a healthy dollop of Cabernet Franc", es fehle aber an Nuance im Finale. William Kelley vom Wine Advocate blieb aus der Flasche bei 92 und monierte den großzügigen Einsatz cremigen Neuholzes und fassgeprägte Tannine; den Ausbau nennt er den Schwachpunkt des Guts. Julia Harding sah den Wein blind bei 16 von 20, Jancis Robinson aus dem Fass bei 16,5.
Wer hat recht – die 98er-Fraktion oder die Skeptiker? Es klingt wie ein Klischee, aber tatsächlich beide. Allerdings nicht aus dem Grund, den man denken mag. Die Kritik hängt sich am neuen Holz auf, und das halte ich für falsch. Das eigentliche Problem ist, dass der Wein zu viele oxidative Noten aufweist – mehr, als ihm guttun. Ich glaube deshalb nicht, dass er tatsächlich noch zwanzig Jahre Trinkfenster vor sich hat, wie es Martins Horizont bis 2048 oder Leves bis 2050 nahelegen.
Dabei ist er der Nase im Moment zweifellos eine Wucht. Dicht ohne Ende – man trinkt schier gegen eine Wand an. Am Gaumen dann aber eher dicht als komplex, eher fordernd als neue Horizonte erschließend. Ein sehr, sehr guter Wein, keine Frage. Nur hätte er in meinen Augen ein bisschen mehr Merlot vertragen. Dass hier der Cabernet Franc die Frische hineinbringt, wie Neal Martin blind vermutete, sehe ich gar nicht so: Für mich ist hier ein sehr guter Merlot letztlich unter Wert verkauft.
Meine 95 Punkte mögen wie eine Kompromissbewertung zwischen den Lagern aussehen – aber sie ist eine, die dem Wein tatsächlich gerecht wird: seinen Stärken, die er ganz klar ausspielt und die man nicht wegdiskutieren kann, wie seinen Schwächen, die in meinen Augen über bloße Geschmackssache hinausgehen. Bleibt die Preisfrage: Der Trotte Vieille kostet rund 90 bis 108 Euro und ist damit für einen Premier Grand Cru Classé auffallend zugänglich bepreist – bei der En-primeur-Freigabe wurde der 2020er sogar günstiger angeboten als alle damals gehandelten Jahrgänge zurück bis 2013. Der La Tour Melas 2020, der bei mir auf dieselben 95 Punkte kommt, liegt darüber. Der Grieche kann also mit dem klassifizierten Bordeaux mithalten; das Preisargument aber spricht diesmal für Saint-Émilion. Ein Gegengewicht bleibt dem Griechen allerdings: Vom 2020er Trotte Vieille wurden nach Angaben des Guts rund 29.000 Flaschen des Grand Vin gefüllt, vom La Tour Melas nur 4.700 – gut das Sechsfache. Der klassifizierte Bordeaux ist hier also nicht nur der günstigere, sondern auch der ungleich leichter zu findende Wein. 95 Punkte.

Verkostet: Juli 2026