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  • Griechische Weine

Moschofilero in weiß

Im September war, nachdem auch die letzten regelmäßigen Teilnehmer unserer kleinen Verkostungsrunde wieder aus Griechenland zurückgekehrt waren, endlich mal die Gelegenheit für eine größere Weißweinprobe, die diesmal ganz der Rebsorte Moschofilero gewidmet war. (Wie schon bei der Verkostung der Roséweine aus dieser rotschaligen Rebsorte nehmen wir die als „Fileri“ verkauften Weine aufgrund des unklaren Verwandtschaftsverhältnisses mit dazu.)


Bekannt geworden ist die Rebsorte durch die PDO Mantinia, im gebirgigen Zentrum der Peloponnes, wo sie in den so bezeichneten Weinen zu mindestens 85% vorkommen muss (daneben ist noch Asproudes erlaubt). Die Weine gehen überwiegend ins Florale und sind zugleich durch für griechische Verhältnisse niedrigen Alkohol geprägt. Mittlerweile wird die Rebsorte auch in einigen anderen griechischen Regionen angebaut, ist aber auf kühles Klima angewiesen. In den letzten Jahren ist sie ein wenig unter die Räder des Shooting-Stars Malagousia geraten, einer, wie es auf den ersten Blick scheint, weiteren griechischen Alternative für diejenigen, die blumige Weißweine mögen. Allerdings zeichnet sich bei Malagousia auch immer mehr eine Diversifizierung des Stils ab – mit Schwerpunkten auf kräuterigen und fruchtigen Varianten – sodass die Moschofilero-Rebe nach wie vor als griechische Bukett-Sorte eine gewisse Sonderrolle einnimmt. Wer dem alkoholreichen Assyrtiko vorhält, dass er nur dank seiner außerordentlichen Säure ausreichend Frische mit sich bringt, ist mit Moschofilero unter Umständen besser bedient. Denn diese Rebsorte bringt mit ihrem geringen Alkohol und einer knackigen Säure die Frische ganz unbedarft mich sich…


Bevor wir zu den verkosteten Stillweinen kommen, müssen wir eingangs auf einen besonderen Wein zu sprechen kommen, den uns Milia Riza zum letzten Jahreswechsel geschickt hatte. Es handelt sich um den Auftaktwein dieses jungen Guts, welcher entsprechend Prelude heißt und zu dem man hier mehr Informationen finden kann. Er ist aus Moschofilero-Trauben aus Mantinia hergestellt, die 2019 geerntet wurden und nach 8 Monaten im Stahltank mit regelmäßiger Batonnage für weitere 15 Monate für die Flaschengärung abgefüllt wurde (degorgiert wurde also im September 2021). Das Unternehmen möchte sich als erstes in Griechenland vollständig der Produktion von Schaumweinen mit der Méthode Traditionelle widmen. Einige spannende Weine, dann auch von eigenen Weinbergen, zeichnen sich bereits am Horizont ab – und lassen Großes erwarten. Denn schon dieses „Vorspiel“ – das in nur 530 Flaschen auf den Markt kam – hat es in sich. Freilich, 15 Monate Hefelager erlauben noch keine berauschende Perlage. Zum schnellen Anstoßen am Silvesterabend reichte es aber vollkommen. Und am Ende geben wir trotz beschränktem Blubbern tatsächlich bereits hervorragende 16,5 Punkte – denn selbst wenn man das Getränk einige Zeit im Glas ließe und als Stillwein mit etwas viel Kohlensäure trinken würde, wäre er auch dafür einfach noch immer sehr, sehr lecker und hätte im Reigen der unten verkosteten Weine eine gute Figur gemacht. Grund dafür sind wunderbare Zitrusaromen, die mit den 12,5% Alkohol hervorragend harmonieren.


Nun aber zu den Stillweinen und direkt ins Kerngebiet der Moschofilero-Rebe, die PDO Mantinia. Den Mantinia 2021 von der Nemea Winery nennen wir zuerst, da er sich als unkomplizierter Einstiegswein eignet und zudem in der Nase deutlich das fruchtige Spektrum des Moschofilero markiert. Vor allem Aprikose drängt sich auf. Gute Säure und leicht mürber Gerbstoff machen sich bemerkbar. Auch als Riesling-Trinker kann man hier Gefallen finden. Der Nachhall ist mittellang, wenn auch nicht sonderlich komplex. Sehr gute 16 Punkte.


Der Mantineia 2021 von der Vervenioti Winery weist demgegenüber in der Nase für die PDO Mantinia typischere florale Noten auf. Wer die PDO kennenlernen will, hat hier einen sehr gelungenen Vertreter als Einstieg in die Region vor sich (für ca 10€). Am Gaumen ist die Geschmacksentwicklung recht komplex. Restkohlensäure ist da, Aromen von trockenem Stroh puffern das aber sehr gut. Bei höheren Temperaturen dominiert das Extrakt, gut gekühlt fällt vor allem die Säure positiv auf, die den Wein sehr lange trägt. Daher: hervorragende 16,5 Punkte.


Der Mantineia 2021 vom Ktima Tselepou markiert das florale Ende des Spektrums der PDO noch deutlicher, ist auch weniger mineralisch als der Wein von der Vervenioti Winery. Am Gaumen tanzen Gerbstoff, Säure und Restzucker um die Wette. Auch der Alkohol von 13% (0,5% über den beiden vohergehenden Weinen) verleiht dem Wein etwas mehr Gewicht. Noch ein wenig zu viel CO2 stört den Reigen momentan allerdings noch sehr, sodass der Wein zum jetzigen Zeitpunkt nur gerade so auf hervorragende 16,5 Punkte hinauskommt, auch wenn sich das sicher noch ändern wird, vor allem auch aufgrund des so noch zu sehr im Hintergrund stehenden Nachhalls. Für um die 10€ ist dies auf jeden Fall eine sehr gute Wahl, um in die PDO Mantinia einzusteigen.



Den Abschluss der Besprechung von PDO-Mantinia-Weinen markiert der Atelier 1994 von Cavino, den wir im Internet ersteigern konnten. Der Korken machte noch einen ziemlich guten Eindruck. Der gelbe Farbton ist alterstypisch. In der Nase sowie im Nachhall dominiert Butterkaramell. Dosenchampignons sind da, aber noch nicht zu vordergründig. Florale Aromen – vor allem Flieder – kämpfen sich immer wieder an die Oberfläche. An Frischem hat aber Zitrisches noch am meisten zu bieten. Insgesamt fehlt bereits ein wenig Säure, um den Wein zum echten Trinkerlebnis zu machen. Das heißt – sie ist da, meldet sich am Gaumen jedoch recht spät. Der Nachhall lädt durchaus zum Nachschmecken ein. Nur der Antrunk ist zu mineralisch. Durchaus beeindruckende gute 15 Punkte, bei denen es für eine Überraschung nach oben gar nicht so viel mehr gebraucht hätte. Auch interessant: Nur 11% Alkohol zeugen von diesem ganz anderen Zeitalter griechischen Weinbaus. Grundsätzlich erlebte die PDO Mantinia Anfang der 1990er einen großen Aufschwung, als die Griechen plötzlich diesen so an kühles Klima erinnernden Wein für sich entdeckten. Es wundert daher nicht allzu sehr, dass hier ein doch sehr ordentliches Massenprodukt entstand. Mancher zeitgleich produzierte Rotwein ist da trotz Holzausbau schon weiter über den Berg. (Wir werden etwa bald auf den roten Atelier 1991 und 1997 von Cavino zu sprechen kommen, die wir gerade in einer Cabernet-Sauvignon-Probe geöffnet haben.)


Der Mister Helios (Κύριος Ήλιος) vom Ktima Kalogri leitet die Weitung der Perspektive auf PGI-Arkadien-Weine in interessanter Scharnier-Funktion ein. Auf der einen Seite haben wir hier eines der traditionsreichsten Weingüter der Region PDO Mantinia vor uns. Auf der anderen Seite weist dieser spontan vergorene Bio-Wein auch – nämlich in aromatischer Hinsicht – bereits weit über den Tellerrand hinaus. Die Nase ist direkt nach dem Öffnen nicht nur laktisch, sie ist schlicht als „käsig“ zu charakterisieren. Am Gaumen knallt einem der Wein dann aber die eigenen Vorurteile in die Fresse. Da ist auch im Jahrgang 2020 noch dieses leichte Prickeln, das hier aber ganz und gar ins Konzept passt. Denn die Geschmacksknospen melden ohnehin nur „Waldmeister“ ans Gehirn. Eine tolle Säure, die ewig hält. Man muss den Wein nicht mögen. Wenn man ihn aber mag, muss man ihm großartige 17,5 Punkte geben.


Der Αίθωνας 2020 von Fteri Vinum (wie auch noch der nächste Wein ebenfalls aus der PGI Arkadien, dem weitern Umkreis der PDO Mantinia), ist in der Nase zunächst recht verhalten, bekennt sich mit den sich durchsetzenden Aromen aber klar zum floralen Charakter des Moschofilero. Mit seinen 1,5 Jahren Reife trinkt er sich jetzt optimal und lässt in keine Richtung groß Wünsche offen. Lediglich im Mittelteil ist er nicht so stark, wie man es vom Nachhall her denken würde. Ein sehr solider Wein, der sehr gute 15,5 Punkte verdient.


Der Juliet & Romeo 2020 markiert schon durch seine Wachsversieglung, etwas über dem Niveau der anderen Weine spielen zu wollen. Die Färbung drängt ihn eigentlich schon in unsere noch ausstehende Verkostung von Moschofilero-Rosé-Weinen, aber auch im Vergleich zu unserer letzten Verkostung solcher Weine setzt er sich dann letztlich doch deutlich ab, sodass wir nicht allzu unglücklich sind, der Auszeichnung auf dem Etikett gefolgt zu haben. Aber ja … aromatisch sind hier – und nur hier – die rote Früchte auszumachen. Kräuter und Blumen sprießen aber auch überall. Ein verrückter Wein, der momentan aber immer noch eine Spur zu viel CO2 hat, als dass man ganz entspannt den Fährten tief in griechische Wälder nachgehen könnte. So oder so, auch wegen des gelungenen Spiels, aber großartige 17,5 Punkte, schon wegen der Einzigartigkeit.


Die restliche Peloponnes möchte nach all diesen guten Weinen natürlich nicht nachstehen. Der Moschofilero 2021 von Pentheas (eigentlich Attika) ist über LIDL leicht zu bekommen und verdeutlicht, wie gelungen manchmal auch in großem Volumen die Stilistik eines Weins aufgenommen werden kann. Freilich treibt der Wein die blumigen Noten etwas auf die Spitze und natürlich fehlen ihm mit 11,5% ein paar Bausteine im Gerüst. Trotzdem ist das zweifellos ein bereits sehr guter Wein von 15,5 Punkten. Selbst in Deutschland kostet der Wein nur 4,99€. Einen Pinot Griggio dieser Güte zu diesem Preis muss man mir erst noch zeigen. (Und das sagen wir, obwohl wir etwa beim Assyrtiko von LIDL durchaus kritisch waren.)


Der Fare Rebels weiß 2021 gibt sich als sehr patriotischer Wein, welcher den Anfang der Revolution von 1821 in Kalamata („Faré“ in der lokalen Bezeichnung) in Erinnerung rufen möchte. Die Trauben kommen allerdings vom anderen Ende der Peloponnes, ganz im Norden, aus Zevgolatio, wie auf der Webseite von AstirX erklärt wird . Dem Wein tut dies keinen Abbruch. Er hat zwar nur 12% Alkohol, man ist aber trotzdem auf eine Berg- und Talfahrt, was die Aromen angeht – vorbei an Frühlingswiesen und Zitrusplantagen - und kommt in Sachen Abwechslung nicht zu kurz. Für ein klares Profil fehlt trotz aller (revolutionärer?) Aufregung allerdings noch etwas. Interessant auf jeden Fall, Säure und Bitterkeit (Grapefruit hatten wir so klar nur hier) in diesem Fall mal nicht gegen die zarte Blumendüftchen ankämpfen zu sehen. Das ist schon ein Wein mit ordentlich Gripp, der auch noch Essen verlangt. Das ist hervorragende 16,5 Punkte wert.


Der Kalderimi 2020 von Panagiotopoulos Wines ist demgegenüber wieder ein sehr lokaler Wein aus der Region im Pyrgos in Trifilia, dem man eigentlich nur begegnet, wenn man in der Region unterwegs ist. Das ist eigentlich sehr schade. Denn hier kommen Bouquet-Aromen endlich auch mal in eine harmonische Verbindung mit fruchtigeren Noten. Ringelblumen und Mirabellen vereinigen sich zu einem sehr ansprechenden Eindruck in der Nase. Litschi springt einem am Gaumen förmlich entgegen. Im Nachhall muss man dann wieder mehr an Heublumen denken. 12,5% wirken hier allerdings schon etwas forsch. Auf Dauer wird dieser Wein nicht mit dem Mantinia vom Ktima Tselepou mithalten können, im Moment hat er mit hervorragenden 17 Punkten allerdings – überraschend – die Nase vorn.


Der Moschofilero 2021 vom Nikolaou Estate führt uns wieder an die nördliche Grenze der PGI Peloponnes, nach Korinth – und ein bisschen an den Rand der Verzweiflung. Der Wein hat oxidative Noten, wie man sie sonst nur von gereiften Weinen kennt – also eben nicht die Charakteristika, die einem bei dem nicht weit entfernten, ebenfalls ökologisch wirtschaftenden Gut in der Tiefebene Giannikos Winery öfter mal auffallen (siehe zum Weingut hier). Man wähnt sich hier aromatisch erstmal irgendwo im letzten Jahrzehnt. Dann setzen sich aber Fenchel und Kreuzkümmel durch und man stößt auf den eigentlich auch durchaus bemerkenswerten Gerbstoff, obwohl er zugleich (auch dank der typischen 12% Alkohol) sehr geradlinig daherkommt. Klingt alles ziemlich widersprüchlich? Ist es auch. Von den Früchten im zweiten Nachhall fangen wir gar nicht erst an. Kein Wein zum sinnierenden Nachschmecken, eher zum angeregt streiten. Aber die Stimmen für hervorragende 16,5 Punkte setzen sich durch. (Den Preis für das unübersichtlichste Etikett gewinnt der Wein zudem mit links.)


Auch ein wenig in gereiftes Terrain wird man vom Moschofilero 2021 von der Dionysos Winery geschickt. Das liegt schon daran, dass man das Gefühl hat, hier die Aprikosen des Weins von der Nemea Winery in getrocknetem Zustand vor sich zu haben. Auf Dauer ist dieser – anfangs durchaus positiv überraschende – Eindruck dann aber doch etwas ermüdend. Gute Säure bei der Nachverkostung hebt ihn aber dennoch auf sehr gute 15,5 Punkte gibt.


Bevor wir die Peloponnes verlassen, müssen wir uns noch der Fileri-Rebe zuwenden, die entweder Vorfahre oder Nachkomme der Moschofilero-Rebe ist oder auch nur ein unterschiedliches Terroir oder einen unterschiedlichen Reifegrad zum Ausdruck bringt. Bei Panagiotopoulos Wines geht man von unterschiedlichen Rebsorten aus und der Wein im Glas macht das auf jeden Fall sehr nachvollziehbar. Ein mineralischer Wein, der kaum etwas mit dem „Kalderimi“ gemein hat. Ein wenig machen sich Mandarinen bemerkbar. Sehr gute 16 Punkte.


Der Fileri weiß (für die Rosé-Variante siehe hier) von der Nestor Winery (PGI Trifilia) ist in der Nase ebenfalls eher verhalten, tritt dann aber immer mehr mit deutlich wahrnehmbarer, wenn auch nicht sehr differenzierter Frucht, in Erscheinung. Am Gaumen zeigen sich vor allem Stachelbeere, Himbeere und Aprikose. Die Länge ist mittel, Säure, Alkohol und Phenolik stehen in einer guten Balance. Ein vielseitiger und sehr guter (15,5 Punkte) Essensbegleiter.


Bei Rigel 2020 von der Patsouros Winery – wo man lediglich von einem Unterschied im Terroir ausgeht – wird dieser mineralische Charakter auf die Spitze getrieben. Der Wein pfeift auf die Frucht des Vorgängers (lässt allenthalben etwas Annanas durchscheinen), ist stahlglatt. Ein Wein für Freaks. Die werden dafür weit mehr als die sehr guten 16 Punkte vergeben, die wir im Hinblick auf die meisten Verbraucher für angemessen halten.


Nördlich der Peloponnes – in der PGI Evia – befinden wir uns dann mit dem Flevaris 2021 der Skoumpris Winery. Und sofort fällt das bei 13% ins Süße abdriftende Spiel auf. An Mantinia denkt man da natürlich nicht mehr (am ehesten noch an den Kalderimi von Panagiotopoulos Wines), trotzdem ist das Ganze ziemlich geil. Daher darf man hier auch hervorragende 16,5 Punkte vergeben – und die Flasche mit Genuss leer trinken. Mit etwas Reife dürfte hier noch mehr drin sein – nicht an Füllstand, aber an Punkten.


Der θεμωνιές 2019 von der Domaine Paliomylos treibt diesen Eindruck einer süßeren, reiferen Stilistik auch dadurch auf die Spitze (sodass wir uns diesen kleinen geographischen Schlenker zurück an die Westküste der Peloponnes erlauben), dass dieser Wein in der 0,5er Flasche daher kommt. Die nussigen Aromen herauszuschmecken, ist so keine Kunst. Dafür tritt die Frucht freilich etwas in den Hintergrund. Und so bleibt es auch hier – bei freilich immer noch – hervorragenden 16,5 Punkten. Länger liegen lassen braucht man diesen Wein aber nicht mehr.


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