Merlot 2021: Griechenland im internationalen Vergleich
- Griechische Weine

- 17. Apr.
- 22 Min. Lesezeit

Merlot hat es nicht leicht. Die Rebsorte, die in Pomerol und Saint-Émilion einige der teuersten Weine der Welt hervorbringt, kämpft andernorts mit dem Ruf, eher gefälligen als großen Wein zu liefern. Spätestens seit dem Film Sideways (2004) hat sie ein Imageproblem – zumindest in den Köpfen jener, die ihren Weingeschmack von Kinofilmen leiten lassen. Ich hingegen mag den Film, aber ich mag auch die Rebsorte.
In diesem Beitrag will ich ein Scheinwerferlicht auf den Jahrgang 2021 legen und im Detail untersuchen, wie sich eine Auswahl griechischer Merlots im internationalen Vergleich schlägt. Denn ich finde, der griechische Wein ist inzwischen gut genug, dass er diese Art von Detailbetrachtung verdient. Für andere Länder und Regionen ist es längst üblich, Qualität nach Terroir, Einzellagen und Jahrgängen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Auch Griechenland sollte sich dieser Prüfung stellen – und er hält ihr stand. Hier also ein Baustein dazu, auf der Grundlage einer Verkostung aus dem Februar 2025. Ich hoffe, einige der hier besprochenen Weine bald nachverkosten und berichten zu können, ob sich die Eindrücke bestätigen – für einen habe ich das weiter unten bereits getan.
Ein schwieriger Jahrgang in Bordeaux
2021 war für die Merlot-Anbauer in Bordeaux ein Jahr zum Vergessen. Es begann vielversprechend: Ein milder, feuchter Winter führte zu einem frühen Austrieb Ende März. Doch genau das wurde den Reben zum Verhängnis. Am 7. und 8. April trafen schwere Spätfröste das gesamte Bordelais – vom Médoc über Saint-Émilion und Pomerol bis nach Graves und Pessac-Léognan. Die bereits ausgetriebenen Knospen waren schutzlos exponiert. Hinzu kam Verrieselung (millerandage), die besonders beim früh austreibenden Merlot zu erheblichen Ertragsausfällen führte. Winzer kämpften nächtelang mit Frostkerzen und Ventilatoren um ihre Ernte.
Kühles Wetter im Mai bremste dann das Wachstum. Nach der Blüte fielen von Ende Juni bis Anfang Juli heftige Regenfälle, die dem Falschen Mehltau ideale Bedingungen boten. Die Spitzengüter reagierten mit massivem Pflanzenschutz und aufwendiger Laubarbeit, um befallene Trauben zu entfernen und die Reben zu belüften. Erst im August und frühen September kehrte warmes, trockenes Wetter ein, das die Fäulnis stoppte und die Reife vorantrieb.
Trotzdem blieben die Zuckerwerte niedrig. Die insgesamt kühle Vegetationsperiode machte in vielen Betrieben eine Chaptalisation nötig. Die Alkoholwerte erinnern eher an die 1980er als an die kraftvollen Jahrgänge 2018, 2019 und 2020. Kürzere Mazerationszeiten sollten verhindern, dass unreife, grüne Tannine aus den Kernen in den Wein gelangten. Die Lese begann Ende September mit dem Merlot, eine Woche später folgte der Cabernet Sauvignon – alles unter den Bedingungen der Covid-19-Pandemie.
Die Erträge lagen im Schnitt fünf bis zehn Prozent unter dem Durchschnitt, in Einzelfällen deutlich mehr. Die Angaben in diesem Abschnitt folgen dem Wine-Searcher Vintage Report 2021.
Nun muss man differenzieren, denn die beiden Ufer der Gironde erzählen unterschiedliche Geschichten. Auf dem linken Ufer war Cabernet Sauvignon klar der Rettungsanker. Spitzengüter wie Lafite und Latour füllten ihren Grand Vin mit historisch hohen Cabernet-Anteilen von bis zu 96 Prozent. Merlot spielte in vielen Médoc-Cuvées 2021 nur eine Nebenrolle.
Auf dem rechten Ufer – also in Saint-Émilion und Pomerol, den eigentlichen Hochburgen des Merlot – liegt die Sache komplizierter. Hier ist „sortenrein“ ohnehin ein relativer Begriff: Die meisten Weine sind Merlot-dominiert, ergänzt durch Cabernet Franc als zweite Leitsorte. Der Merlot liebt dort die kühleren Kalk- und Ton-Kalk-Böden, der Cabernet Franc eher die sandigeren Partien. 2021 war am rechten Ufer kein großer, homogener Jahrgang – aber auch nicht schlicht schwach. Berry Bros & Rudd beschreibt ihn treffend als „extremely heterogeneous“ und zugleich als Jahrgang mit klassischer Frische statt der Wärme und Fülle der Vorgänger.
Entscheidend war das Timing der Lese: Die meisten Merlots waren bereits vor den heiklen Oktobertagen im Keller, während Cabernet Franc länger am Stock hängen konnte. Wo das gelang, brachte diese zusätzliche Reife Duft, Spannung und Schliff ins Endergebnis. Aber es wäre falsch, 2021 rechts einfach als „Cabernet-Franc-Jahrgang statt Merlot-Jahrgang“ abzustempeln. Der Großteil der besten Weine blieb weiterhin Merlot-dominiert, vor allem auf den Spitzenlagen in Pomerol und Saint-Émilion. Cabernet Franc war oft der Star im Detail – nicht der Ersatz. Zugleich kam das rechte Ufer insgesamt etwas besser durch die Saison als das linke, weil Saint-Émilion und Pomerol etwas wärmer liegen und früher zur Reife kamen.
Hält man 2021 gegen die direkten Vorgänger, wird der Charakter des Jahrgangs noch deutlicher. 2018 brachte Opulenz und Kraft, 2019 Charme und Zugänglichkeit, 2020 vereinte Struktur mit Eleganz und gilt vielen als der feinste der drei. 2021 ist dagegen klar der leichteste, kühlste und am wenigsten opulente Jahrgang dieser Vierergruppe. Dafür kann er – im gelungenen Fall – eine schöne klassische Linie haben, die an die Bordeaux-Stilistik früherer Jahrzehnte erinnert. Mein Kurzurteil für 2021 rechts: klassisch, frisch, oft elegant, aber sehr selektiv. Top nur mit gutem Terroir und harter Selektion.
Ein ganz anderer Jahrgang in Griechenland
In Griechenland erzählt 2021 eine völlig andere Geschichte. Der März war kalt, was den Austrieb verlangsamte – paradoxerweise ein Vorteil, denn die Knospen waren bei den wenigen Spätfrösten noch geschützt. April und Mai brachten intensive Trockenheit bei großen Tag-Nacht-Temperaturschwankungen, was die Blüte um etwa eine Woche verzögerte.
Der Sommer war dann heiß und trocken – mit zwei ausgeprägten Hitzewellen im Juni sowie Ende Juli/Anfang August, aber ohne den Krankheitsdruck, der Bordeaux so zusetzte. Kein Falscher Mehltau, keine Fäulnis. Die Reben litten zwar unter erheblichem Trockenstress, was die Erträge um 10 bis 15 Prozent gegenüber 2020 senkte, doch die kleineren Beeren lieferten dafür eine hervorragende Konzentration mit tiefer Farbextraktion und exzellenter phenolischer Reife.
Aus den verfügbaren regionalen Ernteberichten lässt sich für den Jahrgang 2021 eine klare Hierarchie ablesen: Rotweine profitierten stärker als Weißweine, spätreifende Sorten stärker als frühe, nördliche Regionen stärker als südliche. So fasst es der Harvest Report 2021 des griechischen Weinverbands (PDF) zusammen. Stilistisch sind bei vielen 2021er Rotweinen tiefe Farbe, kräftige Tannine und hohe Reife zu erwarten – bei eher mittlerer bis niedriger Säure. Autochthone Sorten wie Xinomavro, die besser an trocken-heiße Bedingungen angepasst sind, waren insgesamt im Vorteil. Für internationale Sorten wie Merlot muss man 2021 genauer auf die Region schauen.
Besonders Merlot und Syrah profitierten von den Bedingungen – allerdings nicht überall gleich. Der Harvest Report 2021 von Kir-Yianni, einem der führenden Weingüter Nordgriechenlands, hält explizit fest, dass diese beiden Sorten von der sommerlichen Trockenheit und Hitze „begünstigt“ wurden: Die Trauben kamen gesund, aromatisch und reich an phenolischen Verbindungen in den Keller. In Amyndeon bewertet Kir-Yianni den eigenen Merlot 2021 sogar mit 10 von 10 Punkten. Auch aus Drama – einer Region, die offiziell als besonders geeignet für internationale Rotwein-Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah gilt – melden die Erzeuger trotz Hitze und Trockenheit aromatische Intensität, überraschende Frische und gute Säurebalance.
Auf der Peloponnes ist 2021 interessanter, aber auch heikler. Für Nemea spricht der offizielle Bericht von tief gefärbten, tanninreichen Weinen bei deutlich reduzierter Menge – allerdings auch von oft niedriger Säure. Das Ergebnis sind eher kraftvolle, strukturierte Weine als klassisch balancierte. Entscheidend waren hier Höhenlage und Wassermanagement: Weinberge über 600 Meter kamen mit der Hitze besser zurecht als tiefere, nicht bewässerte Lagen.
Um 2021 richtig einzuordnen, hilft der Blick auf die Nachbarjahrgänge. 2019 und 2020 gelten in Griechenland als die „klassischeren“ Referenzjahre: 2019 mit genug Wasser, keinen extremen Hitzewellen und für mediterrane Verhältnisse ungewöhnlich hoher Säure – eine der besten Ernten der letzten zwanzig Jahre. 2020 war fast ein Musterjahr für Sortentypizität, mit mildem Winter und keiner Hitzewelle in der Reifephase. 2021 ist dagegen der selektivere, kräftigere Jahrgang – nicht der harmonischste, dafür in guten Lagen oft besonders konzentriert. Wer möglichst klaren, balancierten Merlot sucht, greift eher zu 2019 oder 2020. Wer mächtige, strukturierte Weine mit Tiefe und Lagerpotenzial sucht, kann 2021 große Freude machen – vorausgesetzt, die Produzenten haben ihre Sache verstanden.
Wie schlagen sich die Griechen?
Mich hat interessiert, was griechische Merlots genau aus diesem selektiven Jahrgang leisten – und ob sie sich im internationalen Vergleich behaupten können. Dafür habe ich sechs Weine verkostet, darunter einen Referenzwein aus Pomerol, einen italienischen Weltklasse-Merlot und vier griechische Gewächse aus ganz unterschiedlichen Regionen: vom Atalanti-Tal über die Peloponnes bis nach Nordwestgriechenland:
Château La Croix 2021 – Pomerol (90% Merlot, 10% Cabernet Franc)
Galatrona 2021 – Petrolo, Toskana (100% Merlot)
Merlot Alargino 2021 – Ktima Hatzimichalis, Atalanti-Tal (100% Merlot)
Lacules Estate Merlot 2021 – Messinia (100% Merlot)
The Emperor Limited Edition 2021 – Papargyriou Winery, Korinthia (95% Merlot, 5% Cabernet Franc)
Dame Rouge III 2021 – Jima Winery, Arta (90% Merlot, 10% Cabernet Franc)
Was dabei herausgekommen ist? So viel sei vorweggenommen: Griechenland muss sich nicht verstecken.
Die Verkostung
Château La Croix 2021 – Pomerol
Jede Verkostung braucht einen Referenzpunkt. Für einen Merlot-Vergleich liegt Pomerol nahe – jene kleine Appellation auf dem rechten Ufer der Dordogne, die einige der teuersten Merlot-basierten Weine der Welt hervorbringt. Pétrus, Le Pin, Lafleur – die Ikonen spielen freilich in einer Liga, die den Rahmen dieser Verkostung sprengen würde. Château La Croix aber bietet als solider Pomerol im mittleren Preissegment einen ehrlichen, realistischen Maßstab.
Das Gut liegt in Catusseau, direkt neben Château Beauregard, auf sandig-kiesigen Terrassen mit eisenhaltigem Boden. Das Terroir galt in Pomerol lange als zweitklassig – zu leicht, zu sandig. Erst der Klimawandel hat gezeigt, dass genau diese Böden Weine von ungewöhnlicher Finesse hervorbringen können. Die Familie Janoueix besitzt das zehn Hektar große Gut seit über 150 Jahren und bewirtschaftet weitere Lagen auf dem rechten Ufer. Zur Zusammensetzung des 2021ers: Die öffentlich verfügbaren Angaben sind erstaunlich widersprüchlich. Je nach Quelle findet man 90% Merlot mit 10% Cabernet Franc oder 95% Merlot mit 5% Malbec – und selbst beim Alkoholgehalt schwanken die Angaben zwischen 13,0 und 14,0 Prozent. Sogar die Lobenberg-Webseite führt für denselben Wein und Jahrgang auf zwei verschiedenen Produktseiten unterschiedliche Cuvée-Angaben. Für die griechischen Weine in dieser Verkostung lassen sich die Daten in der Regel beim Erzeuger direkt verifizieren; bei Bordeaux, wo Informationen über mehrere Negocianten-Stufen laufen, ist das bisweilen schwieriger. Ich gehe hier von 90% Merlot und 10% Cabernet Franc bei ca. 13,5% Alkohol aus.
Der La Croix 2021 ist in der Nase sehr dicht, und auch im Antrunk setzt sich diese Dichte fort. Viel dunkle Beeren, vor allem Schlehe, dazu ein feines Sandelholz, das sich wie ein Teppich unter die Frucht legt. Dann aber, mit etwas Luft und Zeit, öffnet sich der Wein und zeigt eine ganz andere Seite: saftig, fruchtig, erfrischend – ein schöner, klassischer Pomerol, der nicht mit Extraktion oder überzogenem Holz beeindrucken will, sondern mit der Traube und dem Terroir spricht. 92 Punkte.
Ungefähr zeitgleich hatte ich den La Croix 2015 im Glas – und der Vergleich macht den Jahrgangsunterschied greifbar. 2015 gilt am rechten Ufer als einer der klaren Gegenpole zu 2021: Decanter nennt den Jahrgang „seductive“ – Merlot war ein großer Erfolg, dazu viel Frucht und sehr feine Tannine. Mein Eindruck vom La Croix 2015 bestätigt das: Er liegt bei mindestens 94 Punkten und zeigt, was dieses Gut in einem großen Merlot-Jahr leisten kann. Die zwei Punkte Differenz zum 2021er klingen auf dem Papier gering, sind im Glas aber deutlich spürbar.
Lobenberg gibt diesem Wein 97–98+ Punkte, der Weinwisser 95–96. Das halte ich für deutlich zu großzügig. Der La Croix 2021 ist charmant und trinkig, keine Frage. Aber 2021 war ein schwieriger Jahrgang für Bordeaux-Merlot, und der Wein spiegelt das wider. Er ist leichter und zarter als La Croix in großen Jahren – ein solider Maßstab, aber keine Offenbarung. Genau das macht ihn allerdings zum richtigen Referenzwein für unsere Zwecke: Was kann ein ehrlicher Pomerol in einem schwierigen Merlot-Jahr leisten? Die Antwort lautet: 92 Punkte. Das ist die Messlatte.
Galatrona 2021 – Petrolo, Toskana
Wenn der Château La Croix der ehrliche Maßstab war, dann ist der Galatrona von Petrolo die Ansage. Das merkt man schon beim Einschenken: Farblich eine ganz andere Nummer, unglaublich dicht im Glas. Wer die beiden Weine nebeneinander sieht, braucht keine Verkostungsnotiz, um zu wissen, dass hier ein anderer Anspruch im Spiel ist.
Petrolo ist ein kleines Familiengut im Val d'Arno di Sopra, einer Subzone östlich von Chianti, die sich mit internationalen Sorten einen Namen gemacht hat. Die Familie Bazzocchi-Sanjust erwarb das Anwesen in den 1940er Jahren; heute führt Luca Sanjust das Gut in dritter Generation, nachdem er 1993 seine Karriere als Künstler in Rom aufgab und nach Hause zurückkehrte. Galatrona, sein Flaggschiff, wurde erstmals 1994 abgefüllt: 100% Merlot aus einer Einzellage, die zwischen Ende der 1980er und Mitte der 1990er mit Bordeaux-Klonen niedriger Wuchskraft bepflanzt wurde. Rund 50.000 Reben stehen auf etwa zehn Hektar in Südost-Exposition auf ungefähr 300 Metern Höhe. Der Boden – tonig-lehmig mit Schiefer, Mergel und Sandstein – hält in den heißen toskanischen Sommern die Feuchtigkeit, die Merlot braucht. Seit 2016 ist das Gut biologisch zertifiziert und wird ohne Bewässerung bewirtschaftet.
Im Keller geht Petrolo einen bewusst zurückhaltenden Weg: Handlese mit Sortierung, spontane Vergärung mit eigenen Hefen in verglasten Zementtanks, sanfte manuelle Extraktion, malolaktische Gärung im Holz, dann 18 bis 20 Monate Ausbau in französischen Barriques und Tonneaux, davon etwa ein Drittel neu. Das ist kein Wein, der durch 100% Neuholz oder aggressive Extraktion beeindrucken will, sondern einer, der auf Frucht, Präzision und Terroir setzt.
Der Jahrgang 2021 war auch in der Toskana nicht einfach. Frühjahrsfrost und Sommerdürre senkten die Produktion bei Petrolo um rund 30 Prozent unter Normalniveau. Die Trauben, die es durch den Jahrgang schafften, erreichten aber eine optimale Reife – und das zeigen die Analysedaten: 14% Alkohol bei 5,89 g/l Gesamtsäure und pH 3,56. Damit liegt der 2021er analytisch sogar säurefrischer als die Jahrgänge 2019 und 2020 – eine Kombination aus Konzentration und Frische, die sich im Glas unmittelbar bemerkbar macht.
Und genau so schmeckt der Wein. Am Gaumen ist er absolut mundfüllend, mit feinstem Nougat und einem delikaten Wacholder, der dem Wein eine fast mediterrane Kräuternote verleiht. Das Holz ist wunderbar integriert – präsent, aber nie dominierend, was angesichts des moderaten Neuholz-Anteils nicht überrascht. Die Tannine sind fein, aber noch jugendlich, und hinter der dichten, dunklen Frucht steckt eine Frische, die dem Wein eine für Merlot ungewöhnliche Vertikalität gibt. 97 Punkte – einer der besten reinsortig ausgebauten Merlots der Welt, wie ich finde.
Einige Monate nach der Merlot-Verkostung habe ich im Dezember 2025 eine weitere Flasche geöffnet – diesmal neben dem Fattoria Le Pupille Saffredi 2022, einem Bordeaux-Blend mit leichtem Cabernet-Sauvignon-Übergewicht. Der Galatrona schlug sich hervorragend, besonders zu Beginn: so viel Frucht, so viel Kraft, mundumhüllende Fülle und ein wunderbarer blutiger Nachgeschmack. Außerdem erstaunlich viel Tannin – mehr, als ich in Erinnerung hatte. Ich hatte ihm etwas weniger Luft gegeben als dem Saffredi, was ihn anfangs jugendlicher und kraftvoller wirken ließ. Mit mehr Luft und steigender Temperatur zeigte dann der Saffredi seine Stärken und zog am Galatrona vorbei (98+ für den Saffredi). Galatrona bestätigt bei 97 Punkten – aber mit sehr viel Potenzial. Es würde mich nicht überraschen, wenn er eines Tages 99 Punkte erreicht.
Die internationale Kritik sieht das ähnlich: Falstaff vergibt 100 Punkte, James Suckling 98, Wine Enthusiast 97, Vinous 98, Decanter und Parker je 97 bzw. 97+. Dass dieser Wein nach wie vor für rund 100 Euro zu haben ist, grenzt angesichts der Preise für vergleichbar bewertete Bordeaux oder den berühmteren toskanischen Nachbarn Masseto fast an ein Versehen. Nach dem bescheidenen Maßstab aus Pomerol steht jetzt also ein Wein im Raum, der echte Weltklasse verkörpert. Die Frage ist nicht mehr, ob die griechischen Merlots den Pomerol schlagen können – das wäre zu einfach. Die Frage ist, wie nah sie an den Galatrona herankommen.
Merlot Alargino 2021 – Ktima Hatzimichalis, Atalanti-Tal
Wenn es einen einzelnen Wein gibt, an dem sich die Geschichte des griechischen Merlot erzählen lässt, dann ist es der Merlot Alargino von Domaine Hatzimichalis. 1973 gründete Dimitris Hatzimichalis sein Weingut im Atalanti-Tal in Mittelgriechenland – einem Landstrich zwischen dem Parnass und dem Euböischen Golf, dessen kühle Querströmungen den Reben in den Sommernächten die Erholung geben, die sie in diesem Klima brauchen. Hatzimichalis war eines der ersten griechischen Weingüter, das internationale Sorten neben einheimischen Trauben pflanzte, und das allererste, das Merlot sortenrein auf die Flasche brachte – beginnend mit dem Jahrgang 1989. Das ist keine Fußnote. Es bedeutet, dass die Geschichte des griechischen Merlot hier beginnt.
Den Merlot Alargino begleite ich seit mehreren Jahren, und die Vertikale, die sich dabei ergeben hat, gehört zu den aufschlussreichsten Erfahrungen, die ich mit griechischem Wein gemacht habe. Dabei war mein erster Kontakt mit Hatzimichalis-Merlot eher ernüchternd: Der Merlot Yataki 2017, die Einstiegsvariante des Guts, konnte mich mit seinen 86 Punkten und einem brandigen Alkohol-Abgang nicht überzeugen. Umso größer die Überraschung, als ich dann den Alargino kennenlernte – eine völlig andere Welt. Der 1992er – den ich erst 2025 im Glas hatte, also über dreißig Jahre nach der Lese – war Berichten zufolge der erste griechische Wein überhaupt auf der IWC-Top-100-Liste. Mit nur 12% Alkohol zeigte er sich immer noch frisch und saftig, mit dichten Himbeeraromen, verwoben mit Pilz und Erde, und weichen, aber noch spürbaren Tanninen: 93 Punkte und ein Wein, der problemlos bis 2030 halten dürfte. Der 2004er war dann der bisherige Höhepunkt meiner Alargino-Erfahrung: Leder, Lakritze, Feuerstein, Graphit, Brombeere, eine großartige Säure – auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. 95 Punkte. Der 2011er überraschte mit einer ganz anderen Geschichte: Anfangs Pilze und Unterholz, aber über mehrere Tage eine bemerkenswerte Verbesserung, mit den für reifen Hatzimichalis-Merlot typischen schwarzen Oliven-Aromen und einer Komplexität, die den 2020er sogar übertraf. 94+ Punkte. Der 2020er schließlich zeigte eine helle Farbe, erinnerte an einen Pomerol aus einem heißen Jahr – Kirschen, Marzipan, kräftige, aber fein geschliffene Tannine, herausragender Abgang. 93 Punkte, mit Luft nach oben.
Was diese Vertikale zeigt: Der Merlot Alargino ist kein Wein, der im ersten Jahr alle Karten ausspielt. Er braucht Zeit, und er belohnt sie.
Technisch ist der Alargino dem Galatrona näher verwandt, als man denken würde: Auch er ist ein unbewässerter, niedrig ertragender Einzellagen-Merlot – die Trauben stammen aus der Lage „Alargino“ in Zygos, was „die am weitesten entfernte“ bedeutet, auf 320 bis 350 Metern Höhe, mit nur 3.500 kg/ha Ertrag. Die Gesamtsäure von 5,8 g/l ist nahezu identisch mit dem Galatrona (5,89 g/l), und die Höhenlage ist vergleichbar. Beim Holzausbau aber ein klarer Kontrast: Wo Petrolo auf 18 bis 20 Monate mit nur einem Drittel Neuholz setzt, wählt Hatzimichalis 12 Monate in ausschließlich neuen französischen 228-Liter-Barriques, gefolgt von weiteren 12 Monaten Flaschenreife im unterirdischen Keller vor der Freigabe. Bei 100 Prozent Neuholz entscheidet die Fruchtkonzentration des Jahrgangs darüber, ob das Holz den Wein erdrückt oder ihm den richtigen Rahmen gibt.
Im Glas zeigt sich der 2021er recht expressiv in der Nase, mit viel Kirschmarmelade – dichter und einladender als der etwas verschlossenere 2020er im selben Alter. Am Gaumen dann Sanddorn und Marzipan, ein guter Nachhall, und ganz am Ende schleicht sich noch eine dezente Pflaumennote hinter dem Sanddorn ein. 93+ Punkte – auf dem gleichen Niveau wie der 2020er. Beide werden eines Tages 95 Punkte erreichen, davon bin ich überzeugt. Interessant ist aber, dass der 2021er nach ungefähr vergleichbarer Zeit seit der Lese bereits eine Spur besser integriertes Holz zeigt als der 2020er im gleichen Stadium. Für einen Wein mit 100 Prozent Neuholzanteil ist das ein gutes Zeichen. Leonidas Hatzimichalis sagte im August 2021, die Lese habe wegen der Hitze etwa zehn Tage früher als üblich begonnen und 2021 sei ein exzellenter Jahrgang – die Konzentration und Reife im Glas geben ihm Recht.
Mit nur 3.000 Flaschen und einem Preis deutlich unter dem des Galatrona nimmt der Merlot Alargino in der griechischen Weinlandschaft eine singuläre Position ein: ein Pionier-Wein mit über drei Jahrzehnten dokumentierter Alterungsfähigkeit, den die internationale Kritik bislang weitgehend ignoriert. Die Vertikale spricht für sich.
Lacules Estate Merlot 2021 – Messinia
Lacules Estate ist die Art von Weingut, die es eigentlich nicht geben dürfte. Ein österreichischer Architekt, Friedrich Gruber, spezialisiert auf Weinkellerbau von Napa Valley bis Monte Carlo, erwirbt Mitte der 1990er Jahre Land oberhalb der Lacules Bay bei Koroni an der Südwestküste der Peloponnes – und pflanzt Reben. Seine Tochter Barbara absolviert ein Praktikum in Napa Valley; ihr Partner Jörg Salchenegger, promovierter Chemiker, übernimmt die Weinbereitung. Das Ergebnis hat mit dem, was man von der südlichen Peloponnes erwartet, wenig zu tun.
Das Herzstück für den Merlot sind Reben, die 1981 in der Lage Chandrinos in Messinia gepflanzt wurden – auf etwa 340 Metern Höhe, auf intensiv roter, gut drainierter Terra Rossa. Besonders bemerkenswert: Die Reben sind laut Weingut wurzelecht, also nicht auf amerikanische Unterlagen gepfropft – die eigenen Wurzeln der Merlot-Rebe graben sich seit über 40 Jahren direkt in den messinischen Boden. Solche Reben sind in Europa selten, kommen aber in einzelnen begünstigten Lagen weiterhin vor. Der Lacules-Merlot ist damit kein prä-phylloxerisches Museumsstück – die Reben wurden ja 1981 gepflanzt –, wohl aber ein bemerkenswertes Beispiel für alten, wurzelechten Merlot in Messinien. Dazu kommt konsequenter Trockenanbau ohne Bewässerung und sehr niedrige Erträge – 2021 war sogar das erste Jahr, in dem das Gut auf eine Grünlese verzichtete, weil der Jahrgang die Erträge von Natur aus reduziert hatte.
Der Ausbau des Merlot birgt eine Besonderheit, die öffentlich nur schwer zu erschließen ist und die ich deshalb direkt bei der Winzerin Barbara Gruber erfragt habe: Die Trauben werden in Griechenland in kleinen Edelstahltanks vergoren, mit bis zu fünf manuellen Pigeagen pro Tag – ein intensives, aber schonendes Extraktionsverfahren. Der fertige Wein wurde dann für den Jahrgang 2021 nach Österreich überführt und dort 18 Monate in Barriques ausgebaut, davon 70 Prozent neu, überwiegend aus französischer und zu einem kleinen Teil aus amerikanischer Eiche. Auch die Abfüllung fand in Österreich statt. Damit liegen jetzt vier grundverschiedene Holzphilosophien auf dem Tisch: Château La Croix setzt auf minimalen Neuholzanteil und große Gebinde, Galatrona auf ein Drittel Neuholz in 18 bis 20 Monaten, Hatzimichalis auf 100 Prozent neue französische Barriques für 12 Monate, und Lacules auf 70 Prozent Neuholz aus gemischten Herkünften für 18 Monate. Alle drei ernsthaften Einzellagen-Merlots – Galatrona, Alargino, Lacules – teilen dabei unbewässerten Anbau auf ähnlicher Höhe zwischen 300 und 350 Metern; was sie im Glas unterscheidet, ist vor allem die Handschrift im Keller. Das eigene Weingut in Griechenland soll in Kürze fertiggestellt werden; ab dem Jahrgang 2027 plant Lacules Estate, den gesamten Ausbau vor Ort in Messinia durchzuführen. Dass der Wein derzeit zwischen zwei Ländern entsteht, ist ein pragmatischer Kompromiss – und er tut der Qualität offensichtlich keinen Abbruch.
Vom Lacules Estate hatte ich aus dem Jahrgang 2021 bereits das gesamte übrige Portfolio im Glas: den Syrah (96 Punkte, einer der besten Syrahs Griechenlands), den Grenache (93 Punkte, der erste Jahrgang dieser Sorte vom Gut) und den The Chord (92+ Punkte, die Cuvée als Zweitwein). René Gabriel bewertet den Lacules-Merlot seit Jahren auf Spitzenniveau – den 2017er mit 19/20, den 2018er und den 2021er jeweils mit 18/20. Vom Merlot kannte ich den 2018er (96 Punkte, exotisch-rauchig, mit kandierter Ananas in der Nase) und den 2019er (94+ Punkte, parfümiert-blumig, noch adstringierend, aber mit einer Konzentration, neben der ein Saint-Émilion Grand Cru Classé wie dünnes Wässerchen wirkte). Was jeden dieser Jahrgänge auszeichnet, ist ein völlig eigenständiges aromatisches Profil – kein Lacules-Merlot gleicht dem anderen.
Der 2021er macht da keine Ausnahme. Schon die Konzentration im Glas erinnert an den Galatrona – hier trennen sich zwei Weine nicht mehr nach Herkunftsland, sondern nur noch nach Stilistik. In der Nase könnte man den Wein blind für einen australischen Cabernet halten: ein regelrechter Eukalyptus-Schwall, der die Nebenhöhlen freiräumt. Am Gaumen dann unglaublich kraftvolle Frucht im Antrunk, gefolgt von einer Ladung Nelke. Man muss das mögen – es ist eigenwillig. Aber genau diese Eigenwilligkeit macht den Lacules-Merlot aus. Jeder Jahrgang hat sein eigenes, unverwechselbares aromatisches Profil, genauso einzigartig wie 2018 und 2019 es auf ihre Weise waren. Was auffällt: Der 2021er ist deutlich offener als der 2019er im gleichen Alter nach der Lese. Man kann ihn jetzt schon mit großem Vergnügen trinken – vorausgesetzt, man steht auf das „freaky“ Aromenprofil. Ich stehe darauf.
96 Punkte – gleichauf mit dem legendären 2018er und nur einen Punkt hinter dem Galatrona. Damit hat die Peloponnes, die laut offizieller Jahrgangseinschätzung 2021 eher als Kraftjahrgang mit niedrigerer Säure gilt, einen Merlot hervorgebracht, der sich vor der toskanischen Weltklasse nicht zu verstecken braucht. Der Unterschied: Der Galatrona überzeugt durch seine Vertikalität und Spannung, der Lacules durch seine schiere Konzentration und sein eigensinniges Aromenprofil. Zwei Philosophien, fast gleiche Höhe.
The Emperor Limited Edition 2021 – Papargyriou Winery, Korinthia
Yiannis Papargyriou ist in der griechischen Weinszene für kraftvolle, konzentrierte Rotweine bekannt – Weine, die mit ihrem hohen Extrakt und ihrer Süße nicht jeden gleichermaßen begeistern. Der Le Roi des Montagnes Syrah etwa spaltet die Gemüter, obwohl wir ihm im Jahrgang 2020 starke 93+ Punkte geben. Auch die Cuvée Espérance 2021, ein reinsortiger Montepulciano, hat uns mit 92+ Punkten überzeugt. The Emperor, das neue Flaggschiff des Guts, ist aber nochmal ein anderes Tier. 2021 ist der erste Jahrgang – und es wird ihn nur in außergewöhnlichen Jahren geben. Der nächste, 2023, soll gegen Ende 2026 auf den Markt kommen.
Die Eckdaten lesen sich ambitioniert: 95% Merlot, 5% Cabernet Franc, 15% Alkohol, PGI Korinthia, nur rund 2.170 Flaschen. Spannender wird es bei den Details. Die Trauben stammen aus der Lage Rethi / Megalo Livadi auf etwa 800 bis 850 Metern Höhe – das ist mit großem Abstand der höchstgelegene Weinberg in dieser gesamten Verkostung. Galatrona, Hatzimichalis und Lacules liegen alle zwischen 300 und 350 Metern; der Emperor kommt von mehr als der doppelten Höhe. Die rund 20 Jahre alten Reben stehen auf schwerem, tonlehmigem Boden. Geerntet wird von Hand, Ende September, auf volle phenolische Reife.
Im Keller dann ein Verfahren, das in dieser Aufstellung ebenfalls heraussticht: spontane Vergärung mit eigenen Hefen, 30 Tage Maischestandzeit mit manueller Pigeage – deutlich länger als bei den anderen Weinen – und 20 Prozent Saignée, also das Abziehen von Saft vor der Gärung, um die Konzentration weiter zu steigern. Und beim Holzausbau eine echte Überraschung: Während Hatzimichalis mit 100 Prozent neuen Barriques arbeitet und Lacules mit 70 Prozent Neuholz, setzt Papargyriou auf 500-Liter-Fässer in Zweitbelegung, gefolgt von 1.700-Liter-Großgebinden – insgesamt 18 Monate, aber ohne neues Kleinholz. Der Wein mit der größten Kraft und Konzentration in dieser Verkostung hat also den zurückhaltendsten Holzeinsatz. Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung: Die Dichte soll aus der Traube kommen, nicht aus dem Fass. Abgefüllt wird unfiltriert.
Die verfügbaren Analysedaten erklären, warum. 7,4 g/l Gesamtsäure bei pH 3,29 – und damit Werte, die in einer völlig anderen Liga spielen als die übrigen Weine hier. Der Galatrona liegt bei 5,89 g/l und pH 3,56, der Hatzimichalis bei 5,8 g/l. Der Emperor hat also bei weitem die höchste Säure und den niedrigsten pH-Wert dieser Verkostung – bei gleichzeitig dem höchsten Alkohol. Genau diese Kombination erklärt, was man im Glas sofort spürt: Trotz 15% Alkohol wirkt der Wein nie schwer, nie pappig, nie breiig.
Ich hatte den Emperor bereits im Herbst 2023 verkostet, kurz nach der Markteinführung, und ihm damals 95+ Punkte gegeben. Damals standen Brombeere und Vanille noch stark im Vordergrund, die Tertiäraromen ließen sich nur erahnen. Jetzt, im Februar 2025, zeigt sich ein anderes Bild. In der Nase sehr feine, aber nicht überreife Himbeere, dazu ein Hauch Brombeere und etwas Seegras, das Frische einbringt, ohne in schweres Jod zu kippen. Das erinnert an Pomerol – aber nichts in Pomerol, was ich kenne, ist so elektrisierend. Am Gaumen dann, in Aromatik und Tannin, alles andere als filigran: ein echtes Kraftpaket. Unglaubliche Fruchtsüße im Antrunk, aber dann wird der Eindruck von einer erstaunlich erfrischenden Säure geprägt – bei 15% Alkohol kaum zu fassen. Mit viel Sauerstoff, wirklich viel Sauerstoff, zeigt der Wein einen kühleren Charakter und lässt ahnen, wohin die Reise geht.
Von 95+ Punkten im Jahr 2024 steige ich jetzt auf 96+ Punkte – und da ist noch viel Platz nach oben. Ich habe leider schon deutlich zu viele Flaschen geöffnet, der Wein macht es einem schwer, sich zurückzuhalten. Aber man sollte es tun und ihm Zeit geben. Von der sehr begrenzten Auflage sind in Deutschland über Wine and Nature noch Flaschen für rund 60 Euro zu haben – für einen Wein dieses Kalibers ein geradezu absurder Preis.
Dame Rouge III 2021 – Jima Winery, Arta
Nach all der Konzentration und Kraft noch ein Wein, der zeigt, dass griechischer Merlot auch ganz anders geht. Die Jima Winery in Kalomodia bei Arta, nur wenige Kilometer vom Ambrakischen Golf entfernt, ist ein Familienbetrieb, gegründet vom Önologen Panagiotis Jimas und seiner Frau Kristy Karagiannidou. Jimas trägt das WSET Diploma – unter griechischen Winzern eine Seltenheit, und man merkt es seinen Weinen an. Das Gut produziert aus Merlot und Cabernet Franc gleich zwei sehr unterschiedliche Cuvées: Die Odyssey 2021 (85% Merlot, 15% Cabernet Franc, 13,4% Alkohol, 90+ Punkte) ist die fruchtbetontere, zugänglichere Variante – ein Wein, der in früheren Jahrgängen unter dem Namen Âge d'Or lief und mir im Jahrgang 2020 noch etwas besser gefiel. Die Dame Rouge ist das andere Extrem: ambitionierter, experimenteller, kompromissloser.
Die Dame Rouge III ist in mehrfacher Hinsicht der Ausreißer dieser Verkostung. Die Trauben – 90% Merlot und 10% Cabernet Franc – stammen aus Block 13, einer winzigen Parzelle von gerade einmal 0,45 Hektar auf kalkreichem Tonboden mit marinen Fossilablagerungen. Gepflanzt 2013 sind das mit Abstand die jüngsten Reben in unserem Vergleich – erst acht Jahre alt zum Zeitpunkt der Lese 2021, während Lacules auf über 40 und Hatzimichalis auf über 20 Jahre zurückblickt. Und die Höhenlage: 3,3 Meter. Praktisch Meeresniveau. Wo der Emperor auf 850 Metern thront und die übrigen Weine zwischen 300 und 350 Metern liegen, steht die Jima-Parzelle fast am Wasser, gekühlt nur durch die Brisen vom Ambrakischen Golf.
Was die Dame Rouge von allem anderen in dieser Verkostung unterscheidet, ist die Machart. Ein Teil der Merlot-Trauben wird nach der Handlese am 5. September im Schatten getrocknet – Appassimento-artig, um Aromen, Tannine, Zucker und Säure zu konzentrieren. Diese angetrockneten Trauben werden dann dem bereits vergorenen frischen Wein zugesetzt, worauf eine zweite Gärung einsetzt. Der vergorene Saft wird anschließend in einer vertikalen Korbpresse von den Stielen getrennt; die Gärung läuft in einem neuen Eichenfass bis zum folgenden Februar weiter. Im Dezember 2022 wird unfiltriert und ohne jede weitere Behandlung abgefüllt; danach bleibt der Wein bis November 2023 im Weingut. Das ergibt, zusammengenommen, einen Ausbau über zwei Kalenderjahre – für ein Weingut dieser Größe ein erheblicher Aufwand.
Bei den Analysedaten zeigt sich das Ergebnis: 14,5% Alkohol, 6,4 g/l Gesamtsäure bei pH 3,8. Die Säure liegt damit über dem Galatrona und dem Hatzimichalis, nur der Emperor hat noch mehr. Für einen teilweise angetrockneten Merlot ist das bemerkenswert straff – hier entsteht kein süßlich-opulenter Amarone-Stil, sondern etwas Eigenständiges.
Im Glas dann ein Wein, der sofort in eine andere Richtung geht. In der Nase fällt eine geradezu drastische Menge Leder auf, darunter reife Kirschen und Pflaumen. Am Gaumen ein sehr feines Tannin, das dem Wein Eleganz verleiht und jede Brachialität nimmt – nach den Kraftdemonstrationen von Lacules und den wuchtigen Tanninen des Emperor eine willkommene Abwechslung. Viel Olivenpaste im Geschmack, langer Nachhall. 93+ Punkte. Ein Wein, der mit mehr Luft wahrscheinlich noch besser gezeigt hätte und der seine Fans vor allem unter jenen finden wird, die bei 14,5% auch mal einen filigraneren Merlot suchen. Wer eine der wenigen Hundert Flaschen hat, sollte ihr noch Zeit geben – ab diesem Jahr kann man es sachte probieren.
Fazit
Die Ergebnisse in der Übersicht:
Château La Croix 2021 (Pomerol) – 92 Punkte
Galatrona 2021 (Petrolo, Toskana) – 97 Punkte
Merlot Alargino 2021 (Hatzimichalis, Atalanti-Tal) – 93+ Punkte
Lacules Estate Merlot 2021 (Messinia) – 96 Punkte
The Emperor 2021 (Papargyriou, Korinthia) – 96+ Punkte
Dame Rouge III 2021 (Jima Winery, Arta) – 93+ Punkte
Den Pomerol als Maßstab haben alle vier griechischen Weine klar übertroffen. Nun könnte man argumentieren, dass das angesichts des vergleichbaren Preises, aber ungleich höheren Renommees der Region nicht anders zu erwarten sei. Und dass 2021 in Bordeaux ein schwieriger Merlot-Jahrgang war und in Griechenland ein starker, erklärt in der Tat wohl einen Teil des Abstands. Aber nicht alles: Der Lacules und der Emperor kommen dem Galatrona gefährlich nahe, und der ist kein Jahrgangsopfer, sondern einer der besten Merlots der Welt.
Dabei hätte man das Ergebnis so nicht vorhersagen können. Die Jahrgangsberichte ordnen 2021 in Griechenland als Jahrgang ein, der den Norden stärker begünstigte als den Süden. Der Harvest Report 2021 des griechischen Weinverbands beschreibt etwa Drama trotz Hitze und Hagel mit aromatischer Intensität, Frische und guter Säure – und die Region gilt offiziell als besonders geeignet für internationale Rotsorten wie Merlot. Den Château Julia Merlot 2020 von Costa Lazaridi hatten wir mit 93+ Punkten bewertet; den 2021er hatten wir zum Zeitpunkt dieser Verkostung noch nicht im Glas – es wäre spannend zu sehen, was Drama in diesem Jahrgang aus dem Merlot gemacht hat. Drei der vier griechischen Weine in unserer Probe kommen aber nicht aus dem begünstigten Norden, sondern von der Peloponnes oder aus Mittelgriechenland – Regionen, die 2021 offiziell eher Kraft als Balance versprachen. Trotzdem liefern sie Weine auf Weltklasse-Niveau. Das spricht weniger für die Region als für die Produzenten, die verstanden haben, was ihr Terroir und dieser Jahrgang hergeben.
Und damit zur Frage, die sich aufdrängt: Kann der Emperor den Lacules Estate Merlot 2018 als besten griechischen Merlot ablösen? Der 2018er ist für mich nach wie vor der Maßstab – 96 Punkte, exotisch, rauchig, in sich vollendet. Der Emperor ist ein völlig anderer Wein: Er beeindruckt nicht durch Schwere, sondern durch gebändigte Kraft. Die Peloponnes hat jetzt zwei herausragende Merlots, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und das ist vielleicht die eigentliche Nachricht.
Daran schließt sich noch ein Wunsch an. Gerade weil zumindest diese griechischen Weine international so gut mithalten können, verdienen sie auch den entsprechenden Respekt. Und das beinhaltet für mich, dass sie die entsprechende Flaschenreife bekommen, ehe sie auf den Markt kommen. Der Emperor 2021 erschien in meinen Augen mindestens zwei Jahre zu früh – und hat dadurch nicht den fulminanten Ersteindruck bei vielen gemacht, den er verdient gehabt hätte. Auch die Dame Rouge bräuchte deutlich mehr Zeit. Letzten Sommer hatte ich den Dame Rouge IV (Day 26) aus dem Jahrgang 2023 geöffnet, und das war eindeutig zu früh. Dasselbe gilt für die Odyssey III (Day 27) und den reinsortigen Cabernet Franc 2023 (Day 28) – es fühlte sich an wie eine Fassprobe, und ich ärgerte mich ein wenig über das ausgegebene Geld und meine Ungeduld. Man sollte diese Beherrschung nicht auf die Konsumentinnen und Konsumenten abwälzen. Nicht alle haben wohltemperierte Weinkeller. Und die Gastronomie schert sich sowieso nicht um Flaschenreife und zieht die Korken viel zu früh. Ich selbst habe beim 2021er Jahrgang auch nur deshalb die Finger lange genug von den Flaschen gelassen, weil ich noch auf den Release des Pomerol warten wollte. Diese drei Jahre nach der Ernte sollte man dem Wein schon geben. Natürlich hat es Gründe, dass das noch nicht so praktiziert wird. Von daher wünsche ich den griechischen Produzenten, dass sie mit ihren Produkten bald genügend – der Qualität ihrer Weine entsprechend – Umsatz machen, um auf längere Flaschenreifung vor der Freigabe setzen zu können.


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