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Großer Wein? Kleines Geld?

  • Autorenbild: Griechische Weine
    Griechische Weine
  • vor 2 Tagen
  • 14 Min. Lesezeit

Skouras Megas Oenos 2019 blind gegen fünf Bordeaux mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis der Region. Wer gewinnt?

Es gibt Weine, die man mehr aus Respekt vor ihrer Geschichte trinkt als aus purer Begeisterung. Der Skouras Megas Oenos gehört für mich in diese Kategorie. Jahrelang war er so etwas wie der inoffizielle Botschafter des griechischen Weins – der Beweis, dass Griechenland nicht nur Retsina kann, sondern auch ernsthaften, international wettbewerbsfähigen Rotwein. Die Geschichte ist bekannt und wird gerne erzählt: George Skouras, ausgebildet in Dijon, brachte burgundisches Know-how auf die Peloponnes und schuf mit dem Megas Oenos eine Cuvée aus Agiorgitiko und Cabernet Sauvignon, die in den 1990er Jahren international für Aufsehen sorgte. Plötzlich sprach die Weinwelt über Nemea, über griechische Rotweine, über Potenzial.

Und der Preis? Der erzählt vor allem von dieser Geschichte. Im Handel liegt der Megas Oenos bei etwa 26–28 Euro – eine Summe, die ich angesichts der tatsächlichen Trinkerfahrung immer etwas hoch fand. Ich greife zu ihm vor allem, wenn ich unterwegs in Restaurants bin und es mir an guten Alternativen mangelt. Ein großer Fan? Eigentlich nicht.

Aber deshalb war es Zeit für einen ehrlichen Test. Nicht allein, sondern im Kontext – blind, gegen Weine, die in derselben Preisklasse spielen.


Das Setting: Sechs Weine, ein Jahrgang, kein Etikett

Die Idee war einfach: Wenn der Megas Oenos 2019 zwischen 20 und 40 Euro seinen Platz beansprucht, dann muss er sich an Weinen messen lassen, die in genau dieser Preisklasse aufregend und ehrgeizig sind. Einen griechischen Wein gegen überteuerte Gewächse aus Premium-Appellationen antreten zu lassen, wäre kein fairer Test. Deshalb fiel die Wahl bewusst auf fünf Bordeaux aus dem hervorragenden Jahrgang 2019, die den Ruf haben, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis aus dem Bordelais zu liefern: ein 5ème Cru Classé, ein Cru Bourgeois Supérieur und drei Güter, die sich ihren Ruf jenseits der großen Namen erarbeiten.

Die Kandidaten:

  • Château Meyney 2019 (Saint-Estèphe) – eines der ältesten Güter der Appellation, historischer Cru Bourgeois, zwischen Montrose und Calon-Ségur gelegen

  • Château Carmenère 2019 (Médoc) – ein Kleinstweingut, das die fast vergessene Carmenère-Rebsorte wieder in den Vordergrund rückt; Coup de Cœur im Guide Hachette

  • Clos Manou 2019 (Médoc) – das legendäre Garagenwein-Projekt von Stéphane Dief, gestartet 1998 mit 600 Flaschen, heute ein Kultname im nördlichen Médoc

  • Château Belgrave 2019 (Haut-Médoc, 5ème Cru Classé) – ein klassifiziertes Gewächs direkt an der Grenze zu Saint-Julien, das lange unter dem Radar flog und zuletzt qualitativ stark zugelegt hat

  • Château Doyac 2019 (Haut-Médoc, Cru Bourgeois Supérieur) – biodynamisch (Demeter), Merlot-betont, auf reinem Kalkstein; einer von Lobenbergs „drei Musketieren“ des Médoc

  • Skouras Megas Oenos 2019 (PGI Peloponnese) – der griechische Herausforderer

Die Anwesenden hatten eine Liste der verkosteten Weine vorliegen, kannten aber die Zuordnung zu den Gläsern nicht. Die Verkostung fand bereits 2025 statt – der verspätete Bericht tut mir leid. Aber vielleicht ist das ja auch eine Gelegenheit: Mit etwas Abstand lassen sich unsere Eindrücke jetzt selbst überprüfen. Haben sich die Prognosen bewahrheitet? Die Bordeaux-Weine gibt es allesamt bei Lobenberg.


Die Geschichte des Megas Oenos

Um zu verstehen, warum dieser Wein seinen Preis verlangt, muss man in die Mitte der 1980er Jahre zurückgehen. George Skouras studierte Önologie in Dijon – im Herzen Burgunds also, nicht gerade der naheliegendste Ausbildungsort für jemanden, der griechischen Wein machen will. 1986 gründete er seine Domaine auf der Peloponnes mit einer Idee, die damals ziemlich kühn war: die einheimische Agiorgitiko-Traube aus den Höhenlagen Nemeas mit Cabernet Sauvignon zu verschneiden und das Ganze im französischen Barrique auszubauen. Der Megas Oenos – der „große Wein“ – entstand als Experiment irgendwann Mitte der 1980er; die erste kommerzielle Abfüllung wird je nach Quelle auf 1986 oder 1988 datiert.

Was folgte, war eine kleine Revolution. In einer Zeit, in der griechischer Wein international kaum existierte, landete der Megas Oenos plötzlich auf den Radaren von Kritikern und Importeuren. Lagerfähiger, ernsthafter Rotwein mit eigenem Charakter – aus Griechenland. Jamie Goode beschreibt den Wein als beinahe „super-toskanisch“ in seiner Anmutung – und der Vergleich trifft einen Punkt: Wie die Super-Toskaner in Italien war der Megas Oenos ein Wein, der bewusst das lokale Appellationssystem verließ, um stilistisch etwas Neues zu schaffen. Weil die PDO Nemea ausschließlich für reinsortigen Agiorgitiko gilt, firmiert er bis heute als PGI Peloponnese.

Seitdem ist der Megas Oenos so etwas wie der Türöffner geblieben: der Wein, den man nennt, wenn man erklären will, dass Griechenland ernstzunehmende Rotweine hervorbringt. Das ist zugleich sein Problem – oder zumindest meines mit ihm. Denn der Ruf, der Pionierstatus, die Geschichte: All das steckt im Preis. Die Frage, die mich interessiert, ist eine andere: Was steckt im Glas?


Die Verkostung

Was die Cuvées der ersten vier Bordeaux verbindet: Sie sind allesamt Cabernet-stark – von 62 % Cabernet Sauvignon beim Belgrave über 60 % beim Carmenère und 57 % beim Meyney bis hin zu 47 % (gleichauf mit Merlot) beim Clos Manou. Tatsächlich waren diese vier in der Blindverkostung auch sofort als Untergruppe erkennbar. Deshalb besprechen wir sie hier zunächst für sich – in aufsteigender Reihenfolge ihrer Bewertung.


Wein 1: Château Meyney 2019 (Saint-Estèphe)


Meyney ist ein Haus mit ernsthafter Geschichte: Der Weinberg taucht bereits 1276 in den Gironde-Archiven auf, die Domaine wurde 1625 gegründet. Heute umfasst das Gut 51 Hektar in einem Stück, eingekeilt zwischen Montrose und Calon-Ségur – eine Lage, von der mancher Cru Classé nur träumen kann. Die Böden: eine natürlich drainierte Kieskuppe über tiefer Ton-Kalk-Basis, durchzogen von einer markanten blauen Tonader. Seit 2004 gehört Meyney zur CA-Grands-Crus-Gruppe, seit 2021 läuft die Bio-Umstellung.

Zur Klassifikation muss man einen Moment lang genau sein: Meyney stand 1932 auf der Cru-Bourgeois-Liste und 2003 als Cru Bourgeois Supérieur. In den aktuellen offiziellen Klassifikationen (2020 und 2025) fehlt das Gut allerdings – laut Lobenberg ist Meyney mehr oder weniger aus Protest gegen die Neusortierung nicht mehr eingetreten. „Cru Bourgeois“ ist bei Meyney also eher eine historische Kurzform als ein aktueller Titel – was nichts daran ändert, dass das Terroir zu den besten nicht-klassifizierten Lagen in Saint-Estèphe gehört.

Der 2019er besteht aus 57 % Cabernet Sauvignon, 27 % Merlot und 16 % Petit Verdot – eine ungewöhnlich hohe Petit-Verdot-Dosis, die bei Meyney aber Tradition hat: Die Sorte wurde in den 1920er Jahren von Désiré Cordier eingeführt und gehört seither zur Haus-DNA. Gelesen wurde vom 24. September bis 11. Oktober, vinifiziert parzellenweise nach strenger Selektion, ausgebaut in französischer Eiche mit 35 % Neuholz. Das Kritikerbild ist für die Preisklasse beeindruckend: Neal Martin vergab 95 Punkte aus der Flasche, Suckling 94, Anson 93, Galloni und Dunnuck 92. Heiner Lobenberg selbst nennt den Meyney einen „Shootingstar“ seit 2016 und den 2019er einen „Preis-Leistungs-Hammer“ – bei ihm kostet die Flasche rund 29 Euro.

Farblich fiel der Meyney als erstes auf: weniger Violetttöne als die anderen, eher in Richtung reifes Granat. In der Nase dann viel Himbeere – heller und fruchtbetonter, als man es von einem Cabernet-dominierten Saint-Estèphe vielleicht erwarten würde. Am Gaumen kommt deutlich Marzipan dazu, was dem Wein eine süßliche, weiche Dimension gibt. Der Abgang fällt eher flach aus; es meldet sich dann noch etwas Schokolade, die durchaus delikat ist. Der Gesamteindruck: sehr rund, sehr gefällig – aber nicht besonders aufregend. Ein Wein, dem es an Spannung fehlt. 91 Punkte.


Wein 2: Château Carmenère 2019 (Médoc)


Die Geschichte dieses Weins beginnt mit einer fast vergessenen Rebsorte. Carmenère war einst eine tragende Säule im Médoc, verschwand nach der Reblaus aber fast vollständig – heute macht sie gerade einmal 0,1 % der roten Bordeaux-Pflanzungen aus. Richard Barraud hat sein kleines Gut in Queyrac im nördlichen Médoc programmatisch um diese Sorte herum aufgebaut: nur rund 3,5 Hektar, Mitte der 2000er in Betrieb genommen, mit einer Dichtpflanzung von 8.000 Reben pro Hektar. Dass hier kein Hobbywinzer am Werk ist, zeigt der Kontext: Barraud ist hauptberuflich Weinbergsmanager von Château Haut-Batailley in Pauillac, beraten wird er von Eric Boissenot – dem Önologen, der auch sämtliche Premiers Crus betreut. Die optische Sortiermaschine im Keller stammt gebraucht von Ducru-Beaucaillou. Lobenberg nennt ihn „einen ähnlichen Extremisten wie Stéphane Dief auf Clos Manou.“

Der 2019er Grand Vin besteht aus 60 % Cabernet Sauvignon, 24 % Merlot und 16 % Carmenère bei 13,5 % Alkohol – die Lese fand erst Anfang Oktober statt. Ausgebaut wird 24 Monate in französischer Eiche, die Gärung erfolgt spontan in Beton. Das Kritikerbild ist gespalten: Der Guide Hachette vergab zwei Sterne und den Coup de Cœur, Parker/Wine Advocate und TerroirSense kommen auf 89 Punkte. Die Händlerbewertungen dagegen sind euphorisch: Lobenberg setzt 97 Punkte an und vergleicht den Wein mit Ridge Monte Bello, Gerstl gibt 19+/20. Preislich liegt der Wein bei etwa 21 Euro – gemessen an Ausbau und Ambition ein bemerkenswertes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Der Carmenère kommt nahezu lila ins Glas – schon farblich ein Statement. In der Nase zunächst etwas Stallig-Animalisches, Leder, dazu Rauch; ein Teilnehmer fragte, ob sich hier ein Syrah als Pirat in den Blend eingeschlichen habe. Am Gaumen dann Johannisbeere, auch rote. Anfangs muss sich der Wein ein wenig entmüffeln, aber über den Verlauf der Verkostung zeigt er zunehmend Komplexität und entwickelt eine interessante Fruchtsüße. Durchaus spannend – aber noch etwas unausgeglichen. Vor allem ist nicht klar, wohin die Reise geht: Da ist viel Potenzial, aber auch noch viel Unaufgelöstes. Daher erstmal 92 Punkte, ohne Plus.


Wein 3: Clos Manou 2019 (Médoc)


Wenn es im nördlichen Médoc ein Weingut gibt, das den Beweis führt, dass Terroir und Arbeit wichtiger sind als Klassifikation und Postleitzahl, dann Clos Manou. Françoise und Stéphane Dief starteten 1998 in einer Garage mit 600 Flaschen. Heute bewirtschaften sie 18 Hektar in Saint-Christoly de Médoc und Couquèques – immer noch winzig nach Bordeaux-Maßstäben, aber der qualitative Sprung ist enorm. Die Pflanzdichte liegt bei 9.000 bis 10.000 Reben pro Hektar, der Ertrag bei maximal 500 Gramm pro Stock. Nur etwa die Hälfte der Ernte schafft es in den Grand Vin. Zum Gut gehört außerdem eine historische Merlot-Parzelle aus den 1850er Jahren, die die Reblaus überlebt hat.

Die Böden sind für das nördliche Médoc ungewöhnlich mosaikartig: Kieslehm, Kalkstein von Couquèques, Sand und Mischungen daraus. Im Keller wird ambitioniert gearbeitet: 70 % neue französische Barriques für 17 Monate, dazu 25 % Betoneier und 5 % Terrakotta-Jarren, die malolaktische Gärung per Ko-Inokulation, wöchentliches Bâtonnage über ein Oxoline-System. Seit 2018 verschließt Clos Manou die gesamte Produktion mit Ardeaseal-Technikkorken.

Der 2019er ist in der finalen Cuvée exakt paritätisch assembliert: 47 % Cabernet Sauvignon, 47 % Merlot, 4 % Petit Verdot, 2 % Cabernet Franc. 14,5 % Alkohol, pH 3,54. Gelesen wurde vom 23. September bis 14. Oktober. Das Kritikerbild ist dicht gestaffelt im Bereich 92–94: Kelley/WA 92+, Martin 92, Suckling 92, Dunnuck 92, Beck 94, RVF 94, Hachette zwei Sterne plus Coup de Cœur. Lobenberg geht mit 97–100 Punkten weit über den Konsens hinaus und vergleicht die Qualität mit Pauillac-Niveau: „Wäre es nicht Médoc, sondern Pauillac, wären seine Weine zusammen mit Pontet-Canet immer im 100-Euro-Bereich.“ Bei Lobenberg kostet die Flasche rund 27 Euro.

In der Nase ist der Clos Manou zunächst überraschend verhalten – gerade im Vergleich zu den anderen Weinen der Runde. Am Gaumen trägt er dann strukturell ganz schön dick auf, wobei durchaus ordentlich Frucht dabei ist. Die Cuvée ist hier exakt paritätisch (je 47 % Cabernet und Merlot, Petit Verdot und Cabernet Franc nur in Kleinstmengen), und trotzdem kommen sehr sortentypische Cassis-Aromen durch. Dazu viel Brombeere – allerdings in einer sehr marmeladigen Variante, die man mögen muss, vor allem in Verbindung mit der trägen Nase. Der Abgang setzt gefühlt ständig zum Sprung an, kommt aber nicht wirklich aus den Startlöchern; er kann die anderen Weine in dieser Hinsicht noch nicht überholen. Er steckt in erdigen Noten fest, das Tannin hält ihn noch zurück. 92+ Punkte, mit deutlichem Verbesserungspotenzial. Kann ab diesem Jahr sachte getrunken werden, am besten wartet man aber noch bis 2027.


Wein 4: Château Belgrave 2019 (Haut-Médoc, 5ème Cru Classé)


Der einzige 1855er-klassifizierte Wein in unserer Runde – und zugleich der, der lange am meisten unter dem Radar flog. Belgrave liegt in Saint-Laurent-Médoc direkt an der Grenze zu Saint-Julien, Nachbar von Château Lagrange. Das Terroir – zwei Kiesrücken über Tonuntergrund bei 23 und 26 Metern Höhe – ist laut Lobenberg „identisch wie bei Lagrange“; er nennt Belgrave denn auch „eigentlich den besseren Saint-Julien.“ Seit der Dourthe-Übernahme 1979 und massiven Investitionen in die Weinberge (inzwischen 10.000 Stöcke pro Hektar, Ertrag unter 500 Gramm pro Stock) hat sich das Gut qualitativ stark entwickelt.

Der 2019er besteht aus 62 % Cabernet Sauvignon, 35 % Merlot und 3 % Petit Verdot bei 14 % Alkohol. Handlese in Kistchen, optische Sortierung, spontane Vergärung, 32 % Neuholz. Beraten wird von Eric Boissenot. Das Kritikerbild: Wine Enthusiast 94, Suckling 93, Falstaff 93, Weinwisser 18,5/20, Parker/WA und Wine Spectator je 90. Lobenberg setzt 97 Punkte an und beschreibt den Wein als „Duftorgie“ und „tiefkonzentriertes Saint-Julien“, das ihn an warme Jahrgänge von Léoville-Poyferré erinnere. Bei Millésima liegt der Preis bei rund 39 Euro.

Der Belgrave fällt direkt durch ein anderes aromatisches Profil auf. Der Spekulatius in der Nase hat noch am ehesten Parallelen zum Doyac – auf den wir erst noch zu sprechen kommen; das hat den Belgrave als Bindeglied zunächst etwas von den anderen Weinen abrücken lassen und uns unsere Zuordnungen hinterfragen lassen. Dazu kommt dann hier sehr viel Pflaume. Dazu eine minimale Schwefelnote. Am Gaumen zeigt sich dann aber ein sehr delikates, staubiges Tannin. Anspruchsvoller Cabernet mit gutem Holzausbau ist hier ganz klar erkennbar. Der Nachhall ist lang und zeigt, was der Wein an Aromatik erst noch entwickeln wird. 93+ Punkte mit klarem Entwicklungspotenzial.

Damit sind die vier Cabernet-starken Bordeaux besprochen.


Wein 5: Château Doyac 2019 (Haut-Médoc, Cru Bourgeois Supérieur)


Und dann waren da die zwei Weine, die in der Blindverkostung sofort aus der Cabernet-starken Vierergruppe herausfielen.

Doyac ist ein Familiengut in Saint-Seurin-de-Cadourne, direkt an der nördlichen Grenze zu Saint-Estèphe. Max de Pourtalès – ehemaliger Banker – kaufte das Gut 1998, seine Frau Astrid stieg mit ein, Tochter Clémence kam 2016 als ausgebildete Önologin dazu. Die Philosophie: feine, elegante Bordeaux, keine Überextraktion. Was den Doyac aber wirklich besonders macht, sind zwei Dinge: erstens das Terroir – reiner Kalkstein mit minimaler Lehmauflage, was den ungewöhnlich hohen Merlot-Anteil erklärt. Und zweitens die biodynamische Arbeitsweise: 2019 war der erste Demeter-zertifizierte Jahrgang des Hauses.

Beraten wird auch Doyac von Eric Boissenot und Marco Balsimelli – den gleichen Önologen wie bei Clos Manou und Château Carmenère. Lobenberg nennt die drei die „drei Musketiere“ des Médoc und Haut-Médoc: alle von Boissenot betreut, alle qualitativ auf Augenhöhe mit klassifizierten Gewächsen, aber stilistisch verblüffend verschieden.

Der 2019er besteht aus 85 % Merlot und 15 % Cabernet Sauvignon bei 14,5 % Alkohol. Spontanvergoren, 15 Tage bei 26 °C im Edelstahl, 12 Monate Ausbau mit 25 % Neuholz. 100.000 Flaschen, davon 80 % Grand Vin. Kritik: Suckling 93, Beck 93, Terre de Vins 94–95, Vinous 92, Hachette zwei Sterne. Lobenberg setzt 97 Punkte an: „Dieser 2019er steht sogar noch etwas über dem genialen 2018er.“ Gerstl gibt 19/20. Preislich liegt der Wein bei rund 19–23 Euro – für einen biodynamischen Haut-Médoc mit diesem Kritikerbild geradezu absurd günstig.

„Das ist nicht der Grieche“ – so viel war sofort klar. Zugleich stach der Doyac vor dem Hintergrund der Cabernet-starken Weine aber deutlich heraus. Von allen sechs Weinen war er in der Blindverkostung am leichtesten zu identifizieren. Die Nase ist intensiv, aber dunkel, nicht leicht – sehr viel Lebkuchengewürz, ehrlicherweise auch eine Spur Schwefel, über deren Wert man streiten kann. Am Gaumen zeigt sich Brombeere, aber als Gelee: sehr viel eleganter als beim Clos Manou. Dazu Kräuter. Tannine und Säure bilden eine solide, aber schon trinkbare Struktur. Der Abgang bringt viel Jod und viel schwarzen Tee. Ein sehr starker Wein, der 94 Punkte verdient. Ein wenig zögert man, das so zu schreiben – ist er doch mit rund 22 Euro bei weitem der günstigste der Runde.

Und ja, wir sind Fans vom rechten Ufer, dort aber eigentlich sehr anspruchsvoll. Hier hat man auf jeden Fall etwas von der linken Seite, das sich selbst vor einem Saint-Émilion Grand Cru Classé nicht verstecken braucht. Vielleicht hat der Doyac auch ein wenig vom Vergleich mit den noch etwas sperrigen Cabernets profitiert? Dagegen spricht allerdings der letzte Wein, der in Sachen Holzausbau wohl der brachialste war – und trotzdem sehr gut abschnitt:


Wein 6: Skouras Megas Oenos 2019 (PGI Peloponnese)


Ich weiß, ich weiß: Auf einem griechischen Weinblog mit dem besten Ergebnis beim griechischen Wein zu enden – das sieht nach abgekartetem Spiel aus. Gerade deshalb hätte ich mir ein anderes Resultat gewünscht, schon der Glaubwürdigkeit wegen. Aber ich kann es nicht ändern. Und ehrlich gesagt: Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet.

Zur Einordnung: Den 2019er-Megas-Oenos umgibt unter Kritikern eine gewisse Polarität. Der Wine Advocate vergab 92 Punkte, merkte aber an, dass das Holz in der Jugend noch sehr präsent sei und der Wein erst ab 2025–2027 wirklich zu sich finden dürfte. Wine Enthusiast kam nur auf 89 Punkte. Jamie Goode dagegen sah bei 93 Punkten einen lebhaften, klassischen, lagerfähigen Wein mit fast super-toskanischer Anmutung. Der 2020er, den ich kürzlich ebenfalls im Glas hatte, wird im Kritikerkonsens etwas einheitlicher positiv bewertet – Wine Advocate 93, Gold und Best Red Wine bei der Thessaloniki Wine & Spirits Trophy 2024 – und wirkt insgesamt geschlossener und stimmiger. Der 2019er ist die strengere, weniger charmante, dafür spannendere Interpretation. So auch bei uns.

80 % Agiorgitiko, 20 % Cabernet Sauvignon, 14,5 % Alkohol, 18 Monate in neuen französischen Barriques, 4 Monate sur lie, Agiorgitiko-Reben bis 70 Jahre alt auf 700 Metern in Gimno – die technischen Eckdaten sind bekannt. Preislich liegt der 2019er bei etwa 26–28 Euro in Deutschland; bei Lobenberg wird er nicht geführt.

Im Glas wirkt der Megas Oenos mit seiner hellen Farbe zunächst erstaunlich dünn neben den tiefvioletten bis fast schwarzen Bordeaux – der Alkohol liegt mit 14,5 % gleichauf mit Clos Manou und Doyac und verrät sich auch nicht durch stärkere Schlieren. Aber dieser Wein ist definitiv alles andere als flach.

In der Nase dominiert Vanille. Das muss man mögen – und es ist zweifellos der brachialste Holzeinsatz der gesamten Runde. Am Gaumen aber überzeugt der Wein durch sehr delikate und vielfältige Beerenaromen, und dadurch, dass das Holz sich hier abwechslungsreicher als in der Nase präsentiert: nicht nur Vanille, sondern ein ganzes Spektrum – Karamell, Röstaromen, Würze. Im Abgang spielen Spitzen an Süße, Bitterkeit und Schärfe auf durchaus animierende Weise zusammen. Ein Wein, der zugegebenermaßen auf Messers Schneide steht – aber es hat sich gelohnt, dass er etwas riskiert und nicht in der Beliebigkeit feststeckt, wie manch andere Jahrgänge, die ich schon hatte. 94 Punkte.


Das Ergebnis

Die Rangfolge in der Übersicht:

Platz

Wein

Punkte

ca. Preis

6

Château Meyney 2019

91

29 €

5

Château Carmenère 2019

92

21 €

4

Clos Manou 2019

92+

27 €

3

Château Belgrave 2019

93+

39 €

1–2

Château Doyac 2019

94

22 €

1–2

Skouras Megas Oenos 2019

94

27 €

Dass der Megas Oenos und der Doyac gleichauf an der Spitze stehen, war die größte Überraschung des Abends. Die beiden Weine, die aus der Cabernet-starken Vierergruppe herausfielen, waren am Ende die stärksten: ein biodynamischer Merlot-Haut-Médoc für 22 Euro und ein griechischer Agiorgitiko-Cabernet-Blend für 27 Euro.


Was bleibt

Drei Dinge nehme ich aus diesem Abend mit.


Erstens: Der Megas Oenos hat seinen Preis verdient. Das sage ich als jemand, der jahrelang skeptisch war. Im Kontext von fünf ambitionierten Bordeaux, die ausdrücklich als Preis-Leistungs-Weine ausgewählt wurden, hat der Megas Oenos 2019 gewonnen. Die Vanille-Nase ist gewagt, die Süße-Bitterkeit-Schärfe-Balance im Abgang auf Messers Schneide – und trotzdem bleibt der Wein zusammen. Der 2019er ist sicher nicht der gefälligste Megas Oenos, den es je gab. Aber einer der spannendsten.


Zweitens: Man muss ehrlich über Reifepotenzial sprechen. Das „Plus“ beim Clos Manou (92+) verdient eine Erklärung, gerade auf einem Blog, der sich griechischen Weinen verschrieben hat. Das Reifepotenzial guter Bordeaux-Weine muss man respektvoll anerkennen. Ich denke hier im Direktvergleich etwa an den roten Hauswein des Ktima Biblia Chora 2019, den es für unter 20 Euro gab – wobei der viel frühere Release bedeutet, dass man ihn einige Jahre nach der Ernte in Deutschland gar nicht mehr kaufen kann. Bereits im zarten Alter von nur zwei Jahren hatten wir diesen Wein desselben Jahrgangs im Glas. Er ist von den Rebsorten her recht ähnlich aufgebaut, insofern Merlot hier nur leicht vor Cabernet liegt und Agiorgitiko die restlichen 15 % abdeckt. Ein wirklich guter Wein, mit delikater Raucharomatik und animierender Mineralik – 92 Punkte hatte er damals verdient. Leider hatten wir ihn jetzt nicht zum Vergleich; es wäre vermutlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen geworden. Aber in fünf Jahren dürfte der Clos Manou dann doch deutlich die Nase vorne haben. Klar, er kostet auch das Doppelte. Trotzdem sollte man das aus Liebe zum griechischen Wein nicht verschweigen.


Drittens: Der Megas Oenos ist zunehmend allein. Agiorgitiko-Cuvées haben wir auf diesem Blog schon sehr ausführlich besprochen. Meist tritt Agiorgitiko dabei eher in einer Nebenrolle auf, nicht dominierend gegenüber dem internationalen Blending-Partner. Der Megas Oenos ist eines der wenigen Gegenbeispiele – und zunehmend ein einsames. Sehr schade ist in meinen Augen, dass das Ktima Biblia Chora nach der Übernahme von Christos Kokkalis' Weinberg in Ilia den Zweitwein zum Trilogia (100 % Cabernet Sauvignon), den Mova, nicht in dieser Form fortsetzte. Der Mova bestand aus 70 % Agiorgitiko und 30 % Cabernet Sauvignon. Das verlieh dem Trilogia eine gewisse Würde, weil klar war, dass nur eine Selektion an Fässern für ihn verwendet wurde – und es gab, zumindest als Zweitwein, von der Peloponnes noch einen weiteren Klassiker mit sehr ähnlichem Rebsortenprofil neben dem Megas Oenos. So alleine dieses Konzept umsetzend, wirkt er nun etwas aus der Zeit gefallen. Zu Unrecht, in meinen Augen. Die Umstellung auf Syrah als internationalen Blending-Partner im „Dialogos“ (nun unter dem Namen Ktima Dyo Ipsi) trinkt sich zwar sehr gut, kommt aber nicht an den rassigen Charakter des Mova heran – wenn man mich fragt.

Also gut: Ich habe meine Meinung geändert. Der Megas Oenos ist nicht mehr der Wein, den ich aus Mangel an Alternativen im Restaurant bestelle. Ich werde ihn mir bewusst kaufen – zumindest in guten Jahrgängen. Und wer sich fragt, ob es sich lohnt, einem griechischen Rotwein für knapp 30 Euro eine Chance zu geben: Fünf Bordeaux, die genau dafür bekannt sind, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Region zu liefern, sagen ja.

 
 
 

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