Dreimal Syrah 2021: Traumjahr, Feuerjahr – und die Pointe im Glas
- Griechische Weine

- vor 2 Tagen
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Auf dem Etikett steht eine Jahreszahl, und wir tun gern so, als wäre sie eine Information. „2021 – war das nicht ein gutes Jahr?" Die ehrliche Antwort lautet: Für wen? Denn dieselbe Zahl bezeichnet, je nach Breitengrad, völlig verschiedene Wirklichkeiten. Im Mai 2026 standen bei mir drei Syrahs desselben Jahrgangs nebeneinander im Glas – einer aus Südaustralien, einer von der messenischen Küste des Peloponnes, einer aus den Vorbergen der Weißen Berge auf Kreta. Drei Flaschen, eine Zahl, drei Wetterwelten. Und wenn die Jahrgangslogik irgendetwas taugt, dann müsste das Ergebnis vorhersagbar sein: Der Wein aus dem kühlen Jahr wird der schlanke, feine sein, die beiden aus dem Hitzejahr die breiten, marmeladigen. Genau das war der Abend zu überprüfen angetreten. Genau das hat er widerlegt.
Ein Jahrgang, dreimal erzählt
Fangen wir mit dem Wetter an, denn hier liegt die eigentliche Fallhöhe dieser Probe.
Südaustralien 2021 ist das, was die dortige Weinwelt ein Traumjahr nennt – und zwar mit einer Emphase, die man selten liest. La Niña brachte kühle Luft nach South Australia, aber – anders als an der verregneten Ostküste – keinen Regen: Die Wachstumssaison im Barossa Valley blieb mit 129 Millimetern gut 40 Prozent unter dem Schnitt (Eden Valley 20 Prozent darunter). Der Dezember verzeichnete das tiefste Maximum seit 2014, der Februar lag mehr als ein Grad unter dem langjährigen Mittel, und Michael Twelftree von Two Hands zählte in seinem Erntebericht einen einzigen Tag über 40 Grad im ganzen Sommer. Die Lese zog sich in aller Ruhe bis in den April. Der Halliday Wine Companion gab die Stimmung der Region mit Formeln wie „Barossa's greatest year in living memory" und „a true unicorn vintage" wieder, Brian Croser sprach bei Jancis Robinson von einer seiner allerbesten Ernten in über fünfzig Jahrgängen. Der Ehrlichkeit halber: Ganz so kühl, wie das Marketing es erzählt, war die Saison im Gesamtschnitt nicht überall – übers ganze Jahr gerechnet lag Südaustralien sogar eher leicht über dem Temperaturmittel, entscheidend war das ideal-milde Reifefenster im Februar. Und der Wine Spectator blieb mit 91 Punkten für Barossa/McLaren-Vale-Shiraz 2021 nüchterner als die australische Euphorie, sogar unter seinen Noten für 2019 und 2020. Aber das Grundmuster steht: langsame, gleichmäßige Reife, hohe natürliche Säure, keine Extremhitze. Ein Eleganz-Jahr, wenn es je eines gab.
Griechenland 2021 ist das exakte Gegenteil. Ende Juli schob das Hoch „Lucifer" Saharaluft über das Land; die Hitzewelle, die am 28. Juli begann, dauerte zehn Tage und war damit die längste seit Beginn der Aufzeichnungen um 1900 – das Nationale Observatorium Athen listet sie in elf von sechzehn Kennzahlen als Rekordhalter aller Hitzewellen seit 1900, extremer noch als das berüchtigte 1987, auch wenn der absolute griechische Temperaturrekord von 48,0 Grad aus dem Jahr 1977 unangetastet blieb. Dazu die Brände: rund 125.000 Hektar verbrannten landesweit, so viel wie seit 2007 nicht, davon allein etwa 50.000 Hektar auf Nord-Euböa – der größte Brand der modernen griechischen Geschichte – und rund 5.100 Hektar in Messinien. Yiannis Karakasis taufte 2021 das „Jahr des Önologen"; George Skouras meldete kleine, dünnschalige Beeren mit viel Farbe und Konzentration, aber weiche Säuren und hohe pH-Werte, und der Önologe Nikos Varvarigos sah eine ungleichmäßige Reife bis in die einzelne Traube hinein. Ein Jahrgang, dem man seither die Balance- und Alterungsfrage stellt.
Und weil das Bild sonst zu ordentlich wäre: Frankreich 2021 war die dritte Welt im selben Jahr – Aprilfrost, Dauerregen, Mehltau, eine kühl-nasse Zitterpartie mit klassischer Säure und winzigen Mengen. Dieselbe Zahl auf dem Etikett, und sie erzählt in Adelaide, Kalamata und Beaune drei Geschichten, die einander nicht einmal kennen.
Hier lohnt ein Zwischenruf, denn „kühl" ist ein rutschiges Wort. Kühl *für Barossa* ist nicht dasselbe wie kühl an sich – und wer die drei Herkünfte auf eine gemeinsame, absolute Skala legt, erlebt eine Überraschung: Ausgerechnet die australische Heimat des St Henri ist die kühlste der drei. Das langjährige Klimanormal weist für den wärmsten Barossa-Monat, den Januar, ein Mittel von rund 21 Grad aus – Tagesmaxima im Schnitt 29, Nächte knapp 14 Grad (Station Nuriootpa, 1952–1999). Die messenische Küste um Kalamata kommt in ihrem heißesten Monat, dem Juli, auf gut 27 Grad, die Küste bei Chania auf rund 26 – jeweils fünf bis sechs Grad über dem australischen Hochsommer. Und der Abstand entsteht nicht am Tag, sondern in der Nacht: Das kontinentale Barossa fällt nach Sonnenuntergang auf knapp 14 Grad, während die meernahen griechischen Lagen kaum unter 20 Grad sinken – die Reben am Mittelmeer stehen, über die ganze Reifezeit gerechnet, in absolut mehr Wärme, nicht in weniger. Bei der Sonne nehmen sich die drei ohnehin wenig: alle liegen in einem ähnlichen Band von etwa 2.700 bis 2.900 Stunden im Jahr, für ein sauberes Ranking reichen die Daten gar nicht.
2021 trieb die beiden Welten dann maximal auseinander. Während das Barossa unter La Niña einen ausgesprochen milden Sommer erlebte – Januar-Maxima überwiegend unter 30 Grad, eine bis in den April gezogene Lese, vom Weinbauverband selbst als „exceptional" verbucht –, standen die beiden Griechen mitten in eben jener Rekord-Hitzewelle. Und sie traf sie unmittelbar: In Messinien, dem Heimatbezirk des Lacules, kletterte das Thermometer im Binnenland auf 46,1 Grad (Arfara, 3. August) – Koronis Küste blieb dank Meeresbrise darunter; auf Kreta stand der Nostos in einem von Hitze und Dürre gezeichneten Jahr, mit Temperaturen nahe 40 Grad, ausbleibendem Regen und unbewässerten Reben. Der „kühle" Wein des Abends hat also nicht nur relativ, sondern absolut die geringste Hitze abbekommen – und kaum weniger Sonne als die beiden aus dem Feuerjahr.
Die Erwartung für meinen Flight war damit glasklar: Australien liefert die Finesse, Griechenland die Wucht. Schauen wir hinein.
Der Australier: Penfolds St Henri 2021 – die Wucht aus dem kühlen Jahr
St Henri ist Penfolds' großer Gegenentwurf zum Grange – ein Shiraz aus Barossa Valley und McLaren Vale, der zwölf Monate ausschließlich in großen, gebrauchten Holzfässern reift, ohne einen Span neuen Holzes, ohne Vanillepolitur. Den Namen gibt es seit den 1950ern, die Wurzeln reichen bis zu einem Claret von 1888, und für um die hundert Euro ist er der bezahlbare Klassiker neben dem vielfach teureren Flaggschiff. (Ob 2021 wirklich reinsortiger Shiraz ist, ließ sich übrigens nicht sauber klären – die Quellen schwanken zwischen 100 Prozent und 97 Prozent mit einem Schuss Cabernet Sauvignon; ich lasse das bewusst offen.) Die Kritik feiert den Jahrgang einhellig: Dave Brookes vergab im Halliday Wine Companion 97, Erin Larkin vom Wine Advocate ebenfalls 97 – und stellte den 2021er nach einer Vertikale zurück bis 1958 in die Top fünf aller St Henris überhaupt, nur hinter 1962 und 2010 –, James Suckling notierte 96. Das Gut traut ihm Reife bis 2045 zu.
Im Glas dann die erste Irritation des Abends – wenn auch zunächst eine banale: Der Wein kam eine Spur zu warm daher, und die Nase kam anfangs kaum über ein schlichtes Rotwein-Aroma hinaus. Bei richtiger Temperatur aber zeigen sich dunkle Beeren und Pflaume, Lakritz und dunkle Schokolade über jener graphitig-eisenhaltigen Mineralik, die man bei diesem Wein gern Ironstone nennt. Und am Gaumen dann die eigentliche, die thematische Irritation: kein Zweifel, wer hier der Wuchtigste ist. Sehr viel Blaubeere, durch und durch beerig, dicht und beinahe blickdicht – von den dreien der marmeladigste. Der Wein aus dem kühlen Unicorn-Jahr, aus der Saison der „best acidities in many years", ist der Fruchtkoloss der Runde. Das Schöne daran ist sein Tannin, das mehrschichtig arbeitet: durchaus zupackig und etwas gröber obenauf, darunter aber ein sehr feines Korn, das jede Lücke füllt. Wo der Kreter daneben feiner und kräutriger ausfällt und der Peloponnesier eleganter, geht dieser hier in alle Richtungen zugleich – rund, aber nie brav, mit einem animierenden, langen Nachhall.
Für mich sind das 97 Punkte. Viel besser geht Shiraz nicht, und das Preis-Leistungs-Verhältnis ist obendrein großartig. Nur mit der Jahrgangserzählung, mit der er ins Glas kam, hat dieser Wein erstaunlich wenig zu tun.
Der Peloponnesier: Lacules Syrah 2021 – Eleganz, sechsundzwanzig Schritte vom Meer
Lacules ist ein Winzertraum mit österreichischer Handschrift. Angestoßen hat ihn Friedrich Gruber, ein österreichischer Weinkeller-Spezialist, der das Küstengrundstück in Koroni einst als Bezahlung für einen Kellerbau bekam; heute führen es seine Tochter Barbara Gruber und ihr Mann – ganz bewusst ohne externen Önologen. Der Syrah wächst hier reinsortig bis auf sechsundzwanzig Schritte ans Meer heran und reift zur Hälfte in neuem französischem Holz. Man kann diesen Wein für ein Liebhaberprojekt halten, bis man in den Weinwisser schaut: René Gabriel bewertet die Lacules-Syrahs seit Jahren in den höchsten Tönen – 2016 mit 19/20, 2017 und 2018 mit je 18/20, 2020 wieder 18/20, und den 2021er hebt er auf 19/20, in seiner Skala die absolute Spitze. Für um die sechzig Euro ist das ein sehr ernsthafter Wein.
Zum Jahrgang: Koroni liegt in Messinien, also in einer der Regionen, in denen 2021 tatsächlich gebrannt hat, und die August-Hitze traf den Peloponnes mit voller Härte – ohne den sonst kühlenden Wind, der die Nächte erträglich macht. Karakasis' skeptische „Jahr des Önologen"-Diagnose stammt allerdings vom binnenländischen Nemea und seinem Agiorgitiko; Koroni liegt am Meer, und die Brise mildert die Hitze spürbar ab. Wie kleinteilig der Jahrgang selbst innerhalb dieses einen Guts ausfiel, zeigen die Lesedaten: Schon am 11. August – keine Woche, nachdem die Rekord-Hitzewelle abgeklungen war – holte Lacules die Trauben der Meereslage, am 27. August folgte der Weingarten bei Koroni, erst am 12. September Nea Koroni. Ein Monat zwischen erster und letzter Parzelle. Genau diesen 2021er hatte ich außerdem schon einmal im Glas, im August 2024 mit drei Jahren, und ihm damals 96 Punkte gegeben – Kumquats, viel Kompaktheit.
Diesmal, im Flight, war er ein anderer. Er ist im Moment sehr verschlossen, ein bisschen zu jung. In Nase und Geschmack eine deutlich malzige Note, die manche am Tisch wahrnahmen und andere nicht; der Alkohol spielt vorne die erste Geige, sodass man das Tannin erst bemerkt, wenn der Schluck schon weg ist und es auf der Zunge nachwirkt. Über den Abend öffnet er sich, wird fruchtiger, die Vanille des halben Neuholzes kommt durch, die vorher nicht da war. Und trotzdem – oder gerade deshalb – war eines völlig unstrittig: Von den dreien ist er der eleganteste. Pure Eleganz sogar, was ich für diese Kategorie von Weinen bemerkenswert finde. Dicht und marmeladig wie der St Henri ist er nicht, das will er auch gar nicht sein; im Kern ein runder Wein, der mit Tannin und Geschmack spielt. Der Wein aus dem Brandjahr ist der Feingeist der Runde – man lese den Satz zweimal.
Warum ich bei aller momentanen Verschlossenheit ganz ruhig bleibe, hat mit der Geschichte dieses Weinguts in meinem Keller zu tun. Den 2018er hatte ich 2023 mit 98+ bewertet – und einem einmonatigen „Terrassen-Test" ausgesetzt: Frühlingstemperaturen, pralle Sonne, dickwandige, lichtundurchlässige Flasche. Nach einem ganzen Monat war der Wein nicht nur trinkbar, sondern ein Genuss. Ein nahezu unzerstörbarer griechischer Wein, wie er mir vorher nie begegnet war. In derselben Verkostung von 2023 stand als internationaler Eichwein der Boekenhoutskloof Syrah 2018 aus dem Swartland – von Decanter und Tim Atkin mit jeweils 97 Punkten gekrönt, also nominell die absolute Weltspitze. Ich fand ihn fein, intensiv, beinahe parfümiert, mit langem Nachhall – und bei 93 Punkten fair bedient, hinter den besten griechischen Syrahs der Probe. Der No-Name-Grieche über dem Weltstar, im selben Glasdurchgang. Wer so etwas einmal erlebt hat, verliert die Ehrfurcht vor Etiketten und die Nervosität bei verschlossenen Jungweinen gleichermaßen.
Für den 2021er heißt das: 94+, mit einem dicken Plus. Frischer als heute war er 2024 wohl; die Reserven sind da. Am besten legt man ihn noch einmal fünf Jahre weg – das Trinkfenster sehe ich von 2031 bis 2056.
Der Kreter: Manousakis Nostos Syrah 2021 – der Spalter
Kaum ein Wein spaltet so wie der Nostos Syrah. Yiannis Karakasis kürte den 2014er einmal zum Kandidaten für den besten Syrah Griechenlands, während Pavlos Gegas und Julia Harding die betont reduktive Stilistik regelrecht abstrafen: Gegas sah den 2017er bei 85, den 2018er bei 83, den 2020er bei 87 Punkten; Harding gab dem 2018er 14,5 und dem 2020er 16 von 20. Nostos heißt die Heimkehr – mit diesem Wein kehrte Ted Manousakis nach Jahrzehnten in Amerika in sein kretisches Vatolakkos zurück, wo die Rhône-Sorte biologisch und ohne Bewässerung auf 320 bis 600 Metern wächst.
Und ich stehe quer zu dieser Kritik, seit Jahren, und zwar in beide Richtungen. Den 2017er, den Gegas bei 85 sah, habe ich 2023 mit sechs Jahren bei 96 notiert – einer der Stars jener Syrah-Probe, filigran, würzig, mit appetitmachendem Speck. Den kritikergelobten 2020er dagegen, den Gegas auf 87 hob und Harding auf 16 von 20, fand ich in der Vertikale neben dem 2021er schlicht enttäuschend: Der Alkohol drängt sich brennend nach vorn, Holzkohle, Silikon und Gummi verschütten die Frucht, im Nachhall bleibt Rosine – der Wein kippt in genau jene Überreife, die Gegas an diesem Haus sonst selbst anprangert. 91 Punkte, und keine Freude daran. Wenn der strengste Kritiker des Weinguts ausgerechnet den Jahrgang belohnt, der mich am wenigsten überzeugt, und den abstraft, den ich liebe, dann lernt man daraus vor allem eines: Die Punktzahl verrät fast so viel über den Verkoster wie über den Wein.
Der Jahrgang 2021 war auf Kreta heiß und von Trockenheit gezeichnet – drei Hitzewellen ohne einen Tropfen Regen, kleine, konzentrierte Beeren, weiche Säure. Die Brände des Festlands blieben der Insel erspart; der kretische Stressfaktor war die reine Hitze. Nach dem Erntebericht des Weinguts selbst begann die Lese am 4. August noch während der letzten Hitzewelle, doch der Syrah überraschte mit langer Hängezeit, und die Höhenlagen bis 600 Meter reiften bis Mitte September – und bekamen den Regen ab, der kurz vor Monatsbeginn einsetzte. Auf dem Papier liegt 2021 damit trotzdem eine Stufe unter dem ausgewogenen, klassischen 2020er, und man erwartet von so einem Jahr eher Wucht und Reife als Finesse.
Im Glas: das Gegenteil. In der Nase ist er der expressivste der drei – gegrillte Tomate, Balsamico, Thymian, dazu, tatsächlich, Grapefruit. Am Gaumen wirkt er zunächst glatt, fast ein bisschen flach, das Tannin feiner und kräutriger als beim St Henri und weniger blickdicht. Dann aber dreht er die Reihenfolge um: Der Nachhall ist stärker als der eigentliche Geschmack, austrocknend, doch auf angenehme Art, und die Grapefruit kehrt wieder, süßlich auslaufend, getragen von jener sehr reduktiven, herzhaft-erdigen Tiefe, an der sich die Geister scheiden. Man muss diese Stilistik mögen, und ich mag sie. Der interessanteste der drei ist er allemal; eleganter kam nur der Lacules daher. Und für gut fünfunddreißig Euro ist er der mit Abstand günstigste der Runde.
Das Bemerkenswerte ist, dass dieser Wein aus dem eigentlich schwächeren Jahr mehr aus sich macht, als der Jahrgang verspricht – er übersetzt die Hitze in Spannung und Interesse, während der besser beleumundete 2020er daneben gröber wirkt und vom Alkohol erdrückt. An die 96 des 2017ers reicht er für mich nicht ganz heran. 95 Punkte – aber trinken würde ich ihn jetzt.
Fazit: Die Jahrgangszahl ist ein Anfangsverdacht, kein Urteil
Am Ende des Abends lag meine Versuchsanordnung in Trümmern – auf die schönste Art. Das kühle, gleichmäßige Australien-Jahr, von Kritikern als „near perfect" gefeiert, brachte den wuchtigsten und dichtesten Wein der Runde. Das griechische Feuerjahr, mit der längsten Hitzewelle seit Beginn der Aufzeichnungen und 125.000 Hektar in Flammen, brachte die beiden eleganteren. Genau umgekehrt hätte es die Jahrgangslogik vorhergesagt.
Dafür gibt es zwei nüchterne Gründe. Der St Henri ist eine Stilentscheidung, kein Wetterbericht: Penfolds baut Dichte aus der Frucht heraus, und das kühle Jahr gab dieser Wucht Säurerückgrat und feinkörniges Tannin – mehr hat 2021 daran nicht mitgeschrieben. Und „Griechenland 2021" ist kein Ort, sondern ein Durchschnitt. Die Hitze war überall, die Rettung war lokal: in Koroni die Meeresbrise, sechsundzwanzig Schritte vom Wasser, in Vatolakkos die Höhe und ein spätreifer Syrah, der lange genug hing, um den Septemberregen mitzunehmen. Die Jahreszahl ist ein Anfangsverdacht – ermittelt wird in der einzelnen Lage.
In Zahlen: St Henri 97, Nostos 95, Lacules 94+. Der Australier ist heute der vollständigste Wein, der Kreter der interessanteste und der Preistipp, der Peloponnesier der mit dem längsten Atem. Und die beiden Eleganteren des Abends kamen aus dem Katastrophensommer. Das Wichtigste an diesem Jahrgang steht eben nicht auf dem Etikett.



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