• Griechische Weine

Phönizische Schätze?

Das alte Seefahrervolk der Phönizier, vielen sicher aus Asterix und Obelix bekannt, hat auf seinen Fahrten durch das Mittelmeer so manche Schätze hinterlassen (etwa in Aliseda und El Carambolo). Auch in diesem Beitrag soll es um ein mysteriöses Gut gehen, dass sie mit sich transportierten - und das nun kürzlich vielleicht von Vassilios Tsaktsarlis gehoben wurde. Eine faszinierende Geschichte von einem önologischen Schatz ...


Ich habe über die Hintergründe bereits in der Reportage über das Ktima Biblia Chora berichtet, aber wo es nun an die Verkostung des von Tsaktsarlis eventuell geborenen antiken Weines geht, soll hier nochmal die Vorgeschichte rekapituliert werden.


Ausgangspunkt für unseren Ausflug in die Geschichte ist, was das Weingut selbst auf seiner Webseite über die für die Weinberge gewählte Landschaft schreibt:


The Phoenicians, esteemed navigators and merchants, came to the Pangeon area in search of precious metals and first introduced a special grape variety known as ‘Biblia”. The same variety continued to be cultivated for centuries and the wine made from it was called ”Bilinos Oenos ’’ (which means wine in ancient Greek). The whole area was named ”Biblia Chora” – land of Biblia after it, as appears in historical writings of Isiodos, Theoktitos and Michail Psellos.



Was hat es mit diesem antiken Wein der Phönizier auf sich? Was die Wortgeschichte angeht, müssen wir in der Tat zu diesen sagenumwobenen Seefahrern zurückschauen. Es handelt sich dabei um ein semitisches Volk, das im 1. Jahrtausend die Levante besiedelte. Ein wichtiger Standort war das heutige „Byblos,“ welches von den Griechen in der Antike Βύβλος (sprich: „vívlos“) genannt wurde. Wie genau die Griechen auf diesen Namen – im Original eigentlich aus den semitischen Konsonanten „Gbl“ bestehend – kamen, ist unklar. Man muss sich dazu schon ziemlich verhören…


Die Bezeichnung dieser Stadt hat sich über Umwege sogar in unseren alltäglichen Sprachgebrauch hinein behauptet. Da nämlich Papyrus aus Ägypten – das wichtigste Schreibmaterial zu dieser Zeit – in besagter Stadt seinen Hauptumschlagplatz hatte, wurde die Papyrusrolle bald selbst βυβλίον bzw. βιβλίον (beides „vivlíon“ gesprochen) genannt. Noch heute heißt „Buch“ auf Griechisch βιβλίο („vivlío“). Und auch im Deutschen nennen wir ein gewichtiges Buch (eigentlich eine kleine Bibliothek) von hier herkommend „Bibel.“ (Warum wir da nicht "Vivel" sagen, wie man eigentlich erwarten könnte, habe ich andernorts erklärt.)


Doch wie kommen wir nun von diesem Ausflug in die Antike und zur Bezeichnung heutiger Bücher wieder zu unserem Weingut? Ein kurzer Blick in die Quellen zeigt in der Tat, dass die Gegend in der Antike als Βιβλία χώρα („vivlía chóra“) oder kurz Βιβλίνη („vivlíni“) bekannt war. Aber wie kam sie zu diesem Namen? Hatte das nun was mit den Seefahrern aus Byblos zu tun und dem Wein, den sie mitgebracht hatten?


Tatsächlich war die Gegend berühmt für ihren Wein, den Βίβλινος οἶνος („vívlinos ínos“). So lässt etwa der Dichter Theokrit auf Sizilien einen „biblinischen“ Wein ausschenken, der trotz längerer Lagerung offenbar noch sehr überzeugte:


Zwei Hühnlein hatt' ich geschlachtet, Und ein saugendes Ferkel; auch stach ich biblinischen Wein an, Lieblichen Dufts, vierjährig beinah' und wie von der Kelter. Zwiebeln auch tischte ich auf und Schnecken; ein herrlicher Trunk war's. Nachgeh'nds schenkte man lauteren ein, auf Gesundheit zu trinken, Wessen man wollte, nur war man die Namen zu nennen verpflichtet; Und wir riefen sie laut und tranken, wie jedem beliebte.




Einen biblinischen Wein gab es also und eine biblinische Region auch. Die Frage ist nur: Sind die Phönizier nun das missing link? Wurde die Region nach dem Wein der Bewohner von Byblos benannt, den diese dort ausschenkten?


Antike Wortforscher waren sich wohl nicht einig, ob der biblinische Wein schlicht nach der Region so benannt war – oder aber nach einer dort anzutreffenden Rebsorte mit dem Namen Βιβλία („vivlía“). Angeblich soll diese Rebsorte auch auf Naxos vorgekommen sein. Ein heute unbekannter Fluss mit dem Namen Βίβλος („vívlos“) auf dieser Insel wird daher auch als Namensvetter angegeben. Soweit ich das sehen kann, tendiert die Forschung heute aber in der Tat dazu, den Namen des Weins auf die Region zwischen Pangeon und Meer (ca. 10 km) zurückzuführen, während die Naxos-Spur auf Anwesenheit von Thrakern auf dieser Insel erklärt werden könnte, also quasi als sekundärer Export. Mit anderen Worten: Der biblinische Wein hieß vermutlich so, weil seine Reben in der biblinischen Gegend wuchsen, welche dann auch andernorts angebaut wurden.


Wo heute das Weingut Biblia Chora steht, wurde also wohl in der Antike tatsächlich ein sehr berühmter „biblinischer Wein“ produziert, welcher der Region den Namen gab. Ob wir jetzt aber wirklich als Vorgeschichte die Phönizier brauchen, ist mir nicht ganz klar. Beziehungsweise scheint mir – nach kurzer Durchsicht der Quellen – nicht eindeutig geklärt, welche Art „Ursache“ die Phönizier spielen. In Herakleia Lynkestis – im heutigen Nordmazedonien – ist im 4. Jh. v. Chr. in einer Inschrift in der Tat von einer „biblinischen“ Rebenpflanzung (βυβλίνα μασχάλα) die Rede und zumindest dort ist dann an eine Pflanzung auf der Grundlage von Material aus der Stadt Byblos gedacht.


Ist der Wein der biblinischen Gegend also deswegen „biblinisch,“ weil er auf Reben aus Biblos zurückgeht? Besonders spannend wird das Ganze nun dadurch, dass Vassilios Tsaktsarlis vor einigen Jahren am Pangeon einen einsamen Rebstock entdeckte bzw. auf ihn aufmerksam gemacht wurde und dann kultivierte. Diese Pflanzen können tatsächlich keiner bekannten Rebsorte zugeordnet werden. Handelt es sich hierbei tatsächlich um Nachkommen der Pflanzung der Phönizier? Laut DNA-Analyse handelt es sich um eine alte griechische Rebsorte. Die romantische Vorstellung, das Ktima Biblia Chora hätte antiken Wein aus den Gassen von Byblos wiederbelebt muss man also wohl ad acta legen.



Spekulieren und träumen darf man aber trotzdem. Vielleicht haben die Phönizier ja anderweitig eine Rolle gespielt. Zwar nicht als die verantwortlichen Weinbauern, aber vielleicht trotzdem als „Stichwortgeber.“ Man könnte etwa erwägen, ob Βιβλία χώρα („vivlía chóra“) nicht einfach die „Papyrus-Gegend“ ist. Papyrus wächst laut Plinius dem Älteren (Naturgeschichte 13,12) nicht nur in Ägypten, sondern auch nördlicher... Das scheint mir intuitiv mindestens so plausibel, wie die Phönizier selbst nach Thrakien zu postulieren, wo ihre Präsenz archäologisch gar nicht gesichert zu sein scheint.


Der Wein, der mittlerweile vom Ktima Biblia Chora unter dem klingenden Namen „Biblinos“ (sprich: „Vívlinos“; Βίβλινος) verkauft wird, ist also wohl nicht, wie das obige Zitat von der Webseite eventuell nahelegen könnte, ein phönizischer Schatz... gleichwohl spricht nichts dagegen, und das ist ja letztlich das entscheidende, dass es sich um eine Neuauflage des im gesamten Mittelmeerraum bekannten biblinischen Weines handelt! (Schon spaßeshalber sollte man ihn daher mal antiken Praktiken folgend ausbauen!)


Ist die moderne Variante nun tatsächlich so vorzüglich, wie Theokrit das antike Produkt besingt?


Der Biblinos Rosé 2020 der mysteriösen Rebsorte ist auch in der Nase erstmal recht rätselhaft. Dort eher fruchtig, zeigt er sich am Gaumen zunächst mit reichlich Mineralik und Phenolik. Ein sehr vielschichtiger Wein, der allerdings auch noch sehr schwer zu entschlüsseln ist und vielleicht auch noch etwas Zeit braucht, damit die verschiedenen Aromen sich differenzieren können. Mit genügend Geduld gibt er aber auch jetzt schon einige Geheimnisse preis. Die Frucht tendiert mehr in Richtung Kern- als Beerenobst. Und im Abgang tragen Säure und Salzigkeit sehr lange. Ein Wein, der auch jetzt bereits hervorragende 17 Punkte wert ist.


Der Biblinos Rot 2015 lässt in der Nase zunächst wenig Hinweise darauf aufkommen, wie es um die Primärfrucht dieser mysteriösen Rebe gestellt sein könnte. Pfeffer und dunkle Beeren und ein mit 14% gerade an der Grenze tänzelnder Alkohol dominieren hier das Bild. Auch am Gaumen dominiert das Holz (500l-Fässer) mit recht schwerer Aromatik. Und wieder mischt sich darunter etwas Beeriges, wie Aronia. Im Vordergrund bleibt aber Sandelholz. Wobei da gar nichts Adstringierendes (vermutlich: mehr) ist. Mit dem ebenfalls dominanten Eukalyptus, könnte man beinahe an einen Merlot aus Australien denken. Zugleich hat der Wein aber eine nach wie vor knackige Säure, die ihm genügend Eleganz verleiht, dass man sich beinahe auch an die Rhône befinden könnte. In Griechenland findet man sehr selten Weine dieser Stilistik und diese Variante ist allemal großartige 17,5 Punkte wert. Vermutlich wäre auch noch mehr drin. Vielleicht befindet sich dieser Wein sechs Jahre nach der Ernte (verkostet wurde 2021; Theokrit spricht ja von vier Jahren... ) in einem gewissen Tal, in welchem die primäre Frucht schon etwas verpufft ist und sich elegantere Tertiäraromen erst noch herausbilden müssen. Wir bleiben der Sache auf der Spur…



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