• Griechische Weine

Ktima Biblia Chora

Das Ktima Biblia Chora ist perfekt, um im Anschluss an das neulich vorgestellte Ktima Gerovassiliou besprochen zu werden. Evangelos Gerovassiliou und Vassilios Tsaktsarlis sind Jugendfreunde aus Epanomi, wo ersterer noch heute sein bekanntes Weingut betreibt. Beide studierten sie in Thessaloniki (Gerovassiliou Agrarwissenschaften und Tsaktsarlis Chemie) und spezialisierten sich danach auf Weinbau an der Universität Bordeaux. Während Gerovassiliou danach beim Weingut Porto Carras als Önologe anheuerte, kam Tsaktsarlis 1992 ebenfalls zu einem anderen großen griechischen Betrieb, zur neugegründeten Domaine Costa Lazaridi. Dort schuf er gleich zu Beginn den Amethystos, der gerade in seiner roten Variante bis heute sehr populär ist. Neue Methoden – Kaltmazeration etc. – führte er damals wegweisend in die griechische Weinproduktion ein. Um die Jahrtausendwende erfüllten die beiden Jugendfreunde sich dann einen Traum und gründeten zusammen ein Spitzenweingut – „Biblia Chora“ (sprich: „Vivlía Chóra“).



Dazu wählten sie einen Platz am Fuße des Berges Pangeon – entsprechend auch der Name der kleinen PGI – ca. 100 km östlich von Thessaloniki (westlich kommt nach ca. 50 km das kleinere Kavala; welches die größere PGI Kavala bereitstellt) bei einem Dörfchen namens Kokkinochori. 1998 wurden die ersten 7ha gepflanzt, 2001 das Weingut selbst gebaut und der erste Jahrgang produziert.



Dabei ist von den beiden Besitzern Tsaktsarlis für sämtliche die Weinproduktion betreffenden Entscheidungen zuständig, auch wenn es im Hinblick auf die Märkte und ähnliche Faktoren natürlich sehr enge Absprachen gibt. Was in den nun genau 20 Jahren unter Tsaktsarlis‘ Regie produziert wurde, wird uns gleich noch beschäftigen, zuvor müssen wir aber noch kurz auf die Lokalität selbst eingehen – und auf den Namen, den das Gut trägt. Und dazu muss man etwas ausholen…




Auf der Webseite des Guts heißt es:

The Phoenicians, esteemed navigators and merchants, came to the Pangeon area in search of precious metals and first introduced a special grape variety known as ‘Biblia”. The same variety continued to be cultivated for centuries and the wine made from it was called ”Bilinos Oenos ’’ (which means wine in ancient Greek). The whole area was named ”Biblia Chora” – land of Biblia after it, as appears in historical writings of Isiodos, Theoktitos and Michail Psellos.

Was die Wortgeschichte angeht, müssen wir in der Tat zu den Phöniziern zurückschauen. Dies war ein semitisches Volk, das im 1. Jahrtausend die Levante besiedelte und für die Seefahrt bekannt war. Ein wichtiger Standort war das heutige „Byblos,“ welches von den Griechen in der Antike Βύβλος (sprich: „vívlos“) genannt wurde. (Wie genau die Griechen auf diesen Namen – im Original eigentlich aus den semitischen Konsonanten „Gbl“ bestehend – kamen, ist unklar. Man muss sich dazu schon ziemlich verhören…) Da Papyrus aus Ägypten – das wichtigste Schreibmaterial zu dieser Zeit – dort seinen Hauptumschlagplatz hatte, wurde die Papyrusrolle bald selbst βυβλίον bzw. βιβλίον (beides „vivlíon“ gesprochen) genannt. Noch heute heißt „Buch“ auf Griechisch βιβλίο („vivlío“). Und auch im Deutschen nennen wir ein gewichtiges Buch (eigentlich eine kleine Bibliothek) von hier herkommend „Bibel.“ Wir sprechen das übrigens nur deswegen nicht „Vivel“ aus, weil die Entwicklung über das Kirchenlatein des Mittelalters vermittelt ist (der Plural für „Schriften“ βιβλία wird zu Lateinischem „biblia“ und daraus entwickelt sich mittelhochdeutsch „biblie“ bzw. „bibel“). Dieser Zwischenschritt erklärt übrigens auch, weshalb auch in modernen Transkriptionen des griechischen Buchstabens Beta (Β,β) im Deutschen oft „B,b“ verwendet wird, auch wenn das vom Lautwert schon seit mehr als Zweitausend Jahren (die Aussprache des Altgriechischen hat seine eigene Entwicklung in der Antike, ist um die Jahrtausendwende aber ziemlich abgeschlossen) nicht mehr passt. Patriotisch motiviert müsste man eigentlich „V,v“ verwenden, also „Vivlia Chora“ auf die Flaschen schreiben.


Wie kommen wir nun aber von diesem Ausflug in die Antike wieder zu unserem Weingut? Ein kurzer Blick in die Quellen zeigt in der Tat, dass die Gegend in der Antike als Βιβλία χώρα („vivlía chóra“) oder kurz Βιβλίνη („vivlíni“) bekannt war. Berühmt war sie auch in der Tat für ihren Wein, den Βίβλινος οἶνος („vívlinos ínos“). So lässt etwa der Dichter Theokrit auf Sizilien einen „biblinischen“ Wein ausschenken, der trotz längerer Lagerung offenbar noch sehr überzeugte:

Zwei Hühnlein hatt' ich geschlachtet, Und ein saugendes Ferkel; auch stach ich biblinischen Wein an, Lieblichen Dufts, vierjährig beinah' und wie von der Kelter. Zwiebeln auch tischte ich auf und Schnecken; ein herrlicher Trunk war's. Nachgeh'nds schenkte man lauteren ein, auf Gesundheit zu trinken, Wessen man wollte, nur war man die Namen zu nennen verpflichtet; Und wir riefen sie laut und tranken, wie jedem beliebte.

Antike Wortforscher waren sich wohl nun aber nicht einig, ob dieser Wein schlicht nach der Region so benannt war – oder aber nach einer dort anzufindenden Rebsorte mit dem Namen Βιβλία („vivlía“). Angeblich soll diese Rebsorte auch auf Naxos vorgekommen sein. Ein heute unbekannter Fluss mit dem Namen Βίβλος („vívlos“) auf dieser Insel wird daher auch als Namensvetter angegeben. Soweit ich das sehen kann, tendiert die Forschung heute aber in der Tat dazu, den Namen des Weins auf die Region zwischen Pangeon und Meer (ca. 10 km) zurückzuführen, während die Naxos-Spur auf Anwesenheit von Thrakern auf dieser Insel erklärt werden könnte, also quasi als sekundärer Export.


Wo heute das Weingut Biblia Chora steht, wurde also wohl in der Antike tatsächlich ein sehr berühmter „biblinischer Wein“ angebaut. Ob wir jetzt aber wirklich als Vorgeschichte die Phönizier brauchen, ist mir nicht ganz klar. Beziehungsweise scheint mir – nach kurzer Durchsicht der Quellen – nicht eindeutig geklärt, welche Art „Ursache“ die Phönizier spielen. In Herakleia Lynkestis – im heutigen Nordmazedonien – ist im 4. Jh. v. Chr. in einer Inschrift in der Tat von einer „biblinischen“ Rebenpflanzung (βυβλίνα μασχάλα) die Rede und zumindest dort ist dann an eine Pflanzung auf der Grundlage von Material aus der Stadt Byblos gedacht. Aber soweit ich sehen kann, ist die Präsenz der Phönizier in Thrakien archäologisch gar nicht gesichert. Könnte es also – so frage ich mich, ohne Expertise in diesem Bereich zu haben – nicht sein, dass die Phönizier lediglich als „Stichwortgeber“ eine Rolle spielten, aber nicht als physische Ursache, also als Weinbauern? Sprich: Könnte Βιβλία χώρα („vivlía chóra“) nicht einfach die „Papyrus-Gegend“ sein? Papyrus wächst laut Plinius dem Älteren (Naturgeschichte 13,12) nicht nur in Ägypten, sondern auch nördlicher.


Schließlich: Selbst wenn der phönizische Einfluss in der Region namensgebend gewesen sein sollte, muss das ja nicht heißen, dass die phönizischen Seefahrer auch die Rebsorte auf dem Schiff mitgebracht hatten. Denkbar scheint ja auch folgender Ablauf: Gegend wird nach den Phöniziern aus Byblos benannt > Wein der Gegend wird nach der biblinischen Gegend benannt. Letztere Option ist nicht ganz irrelevant, den vor einigen Jahren entdeckte Tsaktsarlis am Pangeon eine Rebsorte, die nach DNA-Analyse eine alte griechische Rebsorte ist. Der Wein wird unter dem Namen „Biblinos“ (sprich: „Vívlinos“; Βίβλινος) verkauft, was angesichts der hier gebotenen historischen Streiflichter natürlich faszinierende Spekulationen zulässt… zumindest eben, wenn der antike Wein von Weltruhm nicht auf Reben aus der Levante zurückgeht. Man darf also wohl weiter genüsslich spekulieren…



Mit der Erwähnung des modernen „Biblinos“ ist jetzt auch der Bogen zurückgeschlagen zu den Erzeugnissen des Weingutes. Diese gehen auf Trauben aus 48 ha eigener Anbaufläche und 30 ha von Vertragspartnern zurück. Der gesamte Anbau erfolgt biologisch. (Die Weine selbst wurden bisher auch nach biologischen Maßstäben produziert, aber – bis auf zwei Ausnahmen – noch nicht zertifiziert. Dies wird im Moment für das gesamte Programm geändert.) Dass Terroir ist vom Wechselspiel von Meeresbrise und kühler Gebirgsluft geprägt, was der sanften Reifung der Trauben sehr zugute kommt.



Obwohl das Weingut anfangs mit einem sehr konzentrierten Programm angefangen hat, beschäftigt es mittlerweile über 70 Angestellte und verkauft nun bereits 16 verschiedene Produkte. Die Etos-Serie – einmal Merlot und einmal Cabernet Sauvignon – wird allerdings nur in Ausnahmejahrgängen produziert. Den Gutswein „Ktima Biblia Chora“ gibt es in rot, rosé und weiß. Wobei hier Agiorgitiko (beim Roten) und Assyrtiko (beim Weißen) als autochthone Verschnittpartner ins Spiel kommen. Ähnlich ist die Rollenverteilung bei der Plagios-Serie. In der Areti-Serie stehen die beiden genannten autochthonen Rebsorten dafür alleine auf der Bühne. Beim Ovilos ist es gemixt: Der weiße ist ein Cuvée aus Assyrtiko und Sémillon, der rote wird aus Cabernet Sauvignon gemacht. In der Sole-Reihe schließlich dürfen Sémillon, Vidiano und Pinot Noir jeweils „solo“ auftreten. (Naja, Ersterer hat noch etwas Traminer beigemengt.) Und ja, dann gibt es eben noch den mysteriösen „Biblinos“ als Rotwein und Roséwein… Die Einstiegsweine (rot, weiß, rosé) machen übrigens mit zusammen gut 520 Tausend Flaschen den Löwenanteil der Produktion aus. Die Ovilos- und Plagios-Etiketten liegen jeweils ca. zwischen 25 und 15 Tausend Flaschen. Diese Größenordnung gilt auch noch für den Areti Weiß, während der Areti Rot dann bereits nur noch bei ca. 7000 Flaschen liegt. Die Sole-Serie erstreckt sich von 10 Tausend Flaschen (Pinot Noir) bis nur 4000 Flaschen (Vidiano).


Mit diesen Weinen mischt das Ktima Biblia Chora wie sonst kaum ein griechisches Weingut bei internationalen Wettbewerben und Verkostungen mit. Gerade der weiße Ovilos scheint es vielen Juroren und Jurorinnen angetan zu haben. So bekam der 2018er etwa 95 Robert-Parker-Punkte von Mark Squires. Diese Wertung gab es bei den „Decanter World Wine Awards“ auch für den Sole Sémillon 2017 in den letzten beiden Verkostungsjahren (2019 und 2020). Die Jahrgänge 2018 und 2019 vom weißen Ovilos kamen dabei sogar auf 97 Punkte! (Von drei Ausnahmen aus Santorini abgesehen hat dort bisher überhaupt noch kein griechischer Wein besser abgeschnitten). Auch wenn man am Wert solcher Bewertungen gewisse Zweifel hat (siehe dazu hier), zeigen sie in dieser Konsistenz doch die hohe Qualität des Weingutes an.


Besonders relevant ist auch die Verkostung „50 Great Greek Wines,“ die sehr qualifiziert durchgeführt wurde. Bemerkenswert ist dabei, dass das Ktima Biblia Chora gleich drei Mal in der Liste der Top-50-Weine vorkommt. Wieder mal – natürlich – mit dem „Ovilos White“ auf Platz 21. Erwähnenswert ist aber auch, dass sie es mit dem weißen „Areti“ geschafft haben, einen Assyrtiko, der nicht von Santorini kommt, in der Top-10 zu platzieren (Platz 6). Und noch etwas darf nicht übersehen werden: Auf Platz 39 steht der „Ktima Biblia Chora“ in weiß – schon eine besondere Erfolgsgeschichte für einen Einstiegswein, den man durchaus auch mal in besseren griechischen Tavernen auf dem Land ausgeschenkt bekommt…

Hinter diesen anhaltenden Erfolgen steckt eine große Leidenschaft für den griechischen Weinbau (entsprechend gibt es auch einen experimentellen Weinberg mit 36 Sorten) und Kompromisslosigkeit, wenn es um die Qualität geht. Entsprechend wird nicht nur der Ertrag für die Spitzenweine zwischen 35-40 hl/ha beschränkt, sondern auch noch bei den Biblia-Chora-Weinen ein Bereich von 48-50 hl/ha eingehalten.


Wir werden hier auf der Webseite schon bald über die einzelnen Weine des Guts berichten. Und auch sonst wird man noch öfter vom Ktima Biblia Chora hören. Denn dieses gründet/erwirbt gerade kleine Kolonie-Weingüter an anderen Orten mit einzigartigem Terroir. Dazu gehört Titos Efichidis in Goumenissa und Mikra Thira auf Therasia. Besonders spannend für Freunde des griechischen Weines aus Deutschland: Die Wiederbelebung des Guts von Christos Kokkalis aus der unscheinbaren PGI Ilia. Dessen Weine – allen voran der Trilogia – hatten hierzulande für viele den griechischen Wein überhaupt erst auf den Tisch gebracht. Nun soll die Erfolgsgeschichte als Ktima Dyo Ypsi weitergeschrieben werden.


Für deutsche Weinliebhaber letztlich noch gut zu wissen: Auf dem Gut arbeitet die deutschstämmige Chemikerin Annegret Stamos (a.stamos@bibliachora.gr; +306948240360; es wird dieses Jahr die Tochter mehr und mehr übernehmen). Sie ist seit nun bald drei Jahrzehnten die rechte Hand von Tsaktsarlis und kennt den modernen griechischen Weinbau damit wie ihre Westentasche und kann kompetent wie kaum jemand anders über die ihn betreffenden Fragen berichten.



Webseite des Weinguts: hier.

Instagram: hier.

Facebook: hier.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen