Lacules Estate — Merlot 2021
PGI Messinien
100% Merlot
Peloponnes, Griechenland
Rotwein | trocken
14,5%
Lacules Estate ist die Art von Weingut, die es eigentlich nicht geben dürfte. Ein österreichischer Architekt, Friedrich Gruber, spezialisiert auf Weinkellerbau von Napa Valley bis Monte Carlo, erwirbt Mitte der 1990er Jahre Land oberhalb der Lacules Bay bei Koroni an der Südwestküste der Peloponnes – und pflanzt Reben. Seine Tochter Barbara absolviert ein Praktikum in Napa Valley; ihr Partner Jörg Salchenegger, promovierter Chemiker, übernimmt die Weinbereitung. Das Ergebnis hat mit dem, was man von der südlichen Peloponnes erwartet, wenig zu tun.
Das Herzstück für den Merlot sind Reben, die 1981 in der Lage Chandrinos in Messinia gepflanzt wurden – auf etwa 340 Metern Höhe, auf intensiv roter, gut drainierter Terra Rossa. Besonders bemerkenswert: Die Reben sind laut Weingut wurzelecht, also nicht auf amerikanische Unterlagen gepfropft – die eigenen Wurzeln der Merlot-Rebe graben sich seit über 40 Jahren direkt in den messinischen Boden. Solche Reben sind in Europa selten, kommen aber in einzelnen begünstigten Lagen weiterhin vor. Der Lacules-Merlot ist damit kein prä-phylloxerisches Museumsstück – die Reben wurden ja 1981 gepflanzt –, wohl aber ein bemerkenswertes Beispiel für alten, wurzelechten Merlot in Messinien. Dazu kommt konsequenter Trockenanbau ohne Bewässerung und sehr niedrige Erträge – 2021 war sogar das erste Jahr, in dem das Gut auf eine Grünlese verzichtete, weil der Jahrgang die Erträge von Natur aus reduziert hatte.
Der Ausbau des Merlot birgt eine Besonderheit, die öffentlich nur schwer zu erschließen ist und die ich deshalb direkt bei der Winzerin Barbara Gruber erfragt habe: Die Trauben werden in Griechenland in kleinen Edelstahltanks vergoren, mit bis zu fünf manuellen Pigeagen pro Tag – ein intensives, aber schonendes Extraktionsverfahren. Der fertige Wein wurde dann für den Jahrgang 2021 nach Österreich überführt und dort 18 Monate in Barriques ausgebaut, davon 70 Prozent neu, überwiegend aus französischer und zu einem kleinen Teil aus amerikanischer Eiche. Auch die Abfüllung fand in Österreich statt. Damit liegen jetzt vier grundverschiedene Holzphilosophien auf dem Tisch: Château La Croix setzt auf minimalen Neuholzanteil und große Gebinde, Galatrona auf ein Drittel Neuholz in 18 bis 20 Monaten, Hatzimichalis auf 100 Prozent neue französische Barriques für 12 Monate, und Lacules auf 70 Prozent Neuholz aus gemischten Herkünften für 18 Monate. Alle drei ernsthaften Einzellagen-Merlots – Galatrona, Alargino, Lacules – teilen dabei unbewässerten Anbau auf ähnlicher Höhe zwischen 300 und 350 Metern; was sie im Glas unterscheidet, ist vor allem die Handschrift im Keller. Das eigene Weingut in Griechenland soll in Kürze fertiggestellt werden; ab dem Jahrgang 2027 plant Lacules Estate, den gesamten Ausbau vor Ort in Messinia durchzuführen. Dass der Wein derzeit zwischen zwei Ländern entsteht, ist ein pragmatischer Kompromiss – und er tut der Qualität offensichtlich keinen Abbruch.
Vom Lacules Estate hatte ich aus dem Jahrgang 2021 bereits das gesamte übrige Portfolio im Glas: den Syrah (96 Punkte, einer der besten Syrahs Griechenlands), den Grenache (93 Punkte, der erste Jahrgang dieser Sorte vom Gut) und den The Chord (92+ Punkte, die Cuvée als Zweitwein). René Gabriel bewertet den Lacules-Merlot seit Jahren auf Spitzenniveau – den 2017er mit 19/20, den 2018er und den 2021er jeweils mit 18/20. Vom Merlot kannte ich den 2018er (96 Punkte, exotisch-rauchig, mit kandierter Ananas in der Nase) und den 2019er (94+ Punkte, parfümiert-blumig, noch adstringierend, aber mit einer Konzentration, neben der ein Saint-Émilion Grand Cru Classé wie dünnes Wässerchen wirkte). Was jeden dieser Jahrgänge auszeichnet, ist ein völlig eigenständiges aromatisches Profil – kein Lacules-Merlot gleicht dem anderen.
Der 2021er macht da keine Ausnahme. Schon die Konzentration im Glas erinnert an den Galatrona – hier trennen sich zwei Weine nicht mehr nach Herkunftsland, sondern nur noch nach Stilistik. In der Nase könnte man den Wein blind für einen australischen Cabernet halten: ein regelrechter Eukalyptus-Schwall, der die Nebenhöhlen freiräumt. Am Gaumen dann unglaublich kraftvolle Frucht im Antrunk, gefolgt von einer Ladung Nelke. Man muss das mögen – es ist eigenwillig. Aber genau diese Eigenwilligkeit macht den Lacules-Merlot aus. Jeder Jahrgang hat sein eigenes, unverwechselbares aromatisches Profil, genauso einzigartig wie 2018 und 2019 es auf ihre Weise waren. Was auffällt: Der 2021er ist deutlich offener als der 2019er im gleichen Alter nach der Lese. Man kann ihn jetzt schon mit großem Vergnügen trinken – vorausgesetzt, man steht auf das „freaky“ Aromenprofil. Ich stehe darauf.
96 Punkte – gleichauf mit dem legendären 2018er und nur einen Punkt hinter dem Galatrona. Damit hat die Peloponnes, die laut offizieller Jahrgangseinschätzung 2021 eher als Kraftjahrgang mit niedrigerer Säure gilt, einen Merlot hervorgebracht, der sich vor der toskanischen Weltklasse nicht zu verstecken braucht. Der Unterschied: Der Galatrona überzeugt durch seine Vertikalität und Spannung, der Lacules durch seine schiere Konzentration und sein eigensinniges Aromenprofil. Zwei Philosophien, fast gleiche Höhe.
Verkostet: Februar 2025