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Château La Croix — Château La Croix 2021

AOC Pomerol
90% Merlot, 10% Cabernet Franc
Bordeaux, Frankreich
Rotwein | trocken
13,5%

Jede Verkostung braucht einen Referenzpunkt. Für einen Merlot-Vergleich liegt Pomerol nahe – jene kleine Appellation auf dem rechten Ufer der Dordogne, die einige der teuersten Merlot-basierten Weine der Welt hervorbringt. Pétrus, Le Pin, Lafleur – die Ikonen spielen freilich in einer Liga, die den Rahmen dieser Verkostung sprengen würde. Château La Croix aber bietet als solider Pomerol im mittleren Preissegment einen ehrlichen, realistischen Maßstab.

Das Gut liegt in Catusseau, direkt neben Château Beauregard, auf sandig-kiesigen Terrassen mit eisenhaltigem Boden. Das Terroir galt in Pomerol lange als zweitklassig – zu leicht, zu sandig. Erst der Klimawandel hat gezeigt, dass genau diese Böden Weine von ungewöhnlicher Finesse hervorbringen können. Die Familie Janoueix besitzt das zehn Hektar große Gut seit über 150 Jahren und bewirtschaftet weitere Lagen auf dem rechten Ufer. Zur Zusammensetzung des 2021ers: Die öffentlich verfügbaren Angaben sind erstaunlich widersprüchlich. Je nach Quelle findet man 90% Merlot mit 10% Cabernet Franc oder 95% Merlot mit 5% Malbec – und selbst beim Alkoholgehalt schwanken die Angaben zwischen 13,0 und 14,0 Prozent. Sogar die Lobenberg-Webseite führt für denselben Wein und Jahrgang auf zwei verschiedenen Produktseiten unterschiedliche Cuvée-Angaben. Für die griechischen Weine in dieser Verkostung lassen sich die Daten in der Regel beim Erzeuger direkt verifizieren; bei Bordeaux, wo Informationen über mehrere Negocianten-Stufen laufen, ist das bisweilen schwieriger. Ich gehe hier von 90% Merlot und 10% Cabernet Franc bei ca. 13,5% Alkohol aus.

Der La Croix 2021 ist in der Nase sehr dicht, und auch im Antrunk setzt sich diese Dichte fort. Viel dunkle Beeren, vor allem Schlehe, dazu ein feines Sandelholz, das sich wie ein Teppich unter die Frucht legt. Dann aber, mit etwas Luft und Zeit, öffnet sich der Wein und zeigt eine ganz andere Seite: saftig, fruchtig, erfrischend – ein schöner, klassischer Pomerol, der nicht mit Extraktion oder überzogenem Holz beeindrucken will, sondern mit der Traube und dem Terroir spricht. 92 Punkte.

Ungefähr zeitgleich hatte ich den La Croix 2015 im Glas – und der Vergleich macht den Jahrgangsunterschied greifbar. 2015 gilt am rechten Ufer als einer der klaren Gegenpole zu 2021: Decanter nennt den Jahrgang „seductive“ – Merlot war ein großer Erfolg, dazu viel Frucht und sehr feine Tannine. Mein Eindruck vom La Croix 2015 bestätigt das: Er liegt bei mindestens 94 Punkten und zeigt, was dieses Gut in einem großen Merlot-Jahr leisten kann. Die zwei Punkte Differenz zum 2021er klingen auf dem Papier gering, sind im Glas aber deutlich spürbar.

Lobenberg gibt diesem Wein 97–98+ Punkte, der Weinwisser 95–96. Das halte ich für deutlich zu großzügig. Der La Croix 2021 ist charmant und trinkig, keine Frage. Aber 2021 war ein schwieriger Jahrgang für Bordeaux-Merlot, und der Wein spiegelt das wider. Er ist leichter und zarter als La Croix in großen Jahren – ein solider Maßstab, aber keine Offenbarung. Genau das macht ihn allerdings zum richtigen Referenzwein für unsere Zwecke: Was kann ein ehrlicher Pomerol in einem schwierigen Merlot-Jahr leisten? Die Antwort lautet: 92 Punkte. Das ist die Messlatte.

Verkostet: Februar 2025

92 Punkte
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