Torosidis – Viticulturist 2025
Malagouzia
100% Malagouzia
Thrakien, Griechenland
Weißwein | trocken
12,5% | Bio
Auf dem Etikett dieses Weins steht nicht, was in der Flasche ist. Der Viticulturist von Torosidis ist reinsortiger Malagouzia, 100 Prozent, doch die Sorte darf auf der Flasche nicht genannt werden. Der Weinberg liegt in der Siedlung Peteinos in Thrakien, rund fünf Kilometer von der Stadt Xanthi entfernt im Nordosten Griechenlands. Verwaltungstechnisch gehört Peteinos zur Gemeinde Avdira, liegt aber außerhalb der PGI Avdira. Deren Zone umfasst nur die Gemeinden Avdira, Mandra, Myrodato und Mangana des früheren Gemeindegebiets, und das bis 300 Meter Höhe. Ohne geschützte Herkunft ist der Wein als Sortenwein zertifiziert. Für diese Kategorie verbietet ein gemeinsamer Ministerialerlass von 2015, die ΚΥΑ 5066/117288/2015, bei sortenreinen Weinen die Nennung bestimmter Sorten. Darunter sind Malagouzia und Vidiano, ebenso Xinomavro, Assyrtiko und Moschofilero. Bei Cuvées aus zwei oder drei Sorten ist die Nennung erlaubt. So entsteht ein Malagouzia, der nicht Malagouzia heißen darf. Vorn auf der Flasche steht schlicht „Organic White Dry Wine“, trockener biologischer Weißwein. Der Alkohol liegt bei 12,5 Prozent.
Hinter dem Wein steht Efstathios „Stathis“ Torosidis. Von 2003 bis 2013 ging es um Pilotanbau und Experimente. 2013 pflanzte er das erste Rebstück in Peteinos, von 2017 bis 2019 kamen Malagouzia, Limnio, Syrah und Vidiano dazu. 2020 wurde die erste Flasche gefüllt, eine Cuvée aus Malagouzia und Chardonnay. Seit 2021 wird professionell Wein gemacht. Die Lage wurde nach Angabe des Weinguts nicht wegen Höhe oder Meeresnähe gewählt, sondern wegen der familiären Herkunft. Das Weingut beschreibt das Terroir selbst als ein anderes als das des klassischen Avdira. An der Aristoteles-Universität Thessaloniki hat Torosidis 2010/11 eine Abschlussarbeit darüber geschrieben, wie sich die Stickstoffversorgung von Reben mit Chlorophyllmessgeräten bewerten lässt.
Einen eigenen Keller hat der nach eigener Aussage äußerst kleine Betrieb nicht. Vinifiziert wird bei einer Partnerkellerei in der Region, nach Angabe des Erzeugers bei der Anatolikos Winery. Vergoren und ausgebaut wird ausschließlich im Edelstahltank, ohne jedes Holz. Technische Datenblätter gibt es bewusst nicht, weil man sich, so Torosidis, noch in einer Phase des Experimentierens und ständigen Ausprobierens befindet. Die Biozertifizierung wurde 2023 abgeschlossen. Der 2022er, der früheste dokumentierte Jahrgang dieses Weins, stammte noch aus einem Weinberg in Umstellung. Der Name passt zu diesem Modell. „Viticulturist“ heißt Weinbauer, und der Erzeuger stellt den Satz „Hinter jedem Wein steht immer ein Weinbauer“ ins Zentrum. Im Mittelpunkt steht also der Weinbauer, nicht der Önologe. Das Etikett trägt als Motiv einen Fingerabdruck, ich lese ihn als Handschrift genau dieses Weinbauers.
Den Viticulturist habe ich am 16. August 2026 verkostet, rund ein Jahr nach der Lese, als Muster des Erzeugers. Er war der erste Wein dieses Weinguts, den ich überhaupt im Glas hatte. Danach folgten die Cuvée Malagouzia Vidiano Chardonnay 2024, der rote Syrah Vidiano 2023 und die beiden Rosés Limnio Malagouzia 2023 und Limnio Syrah 2024. Den reinsortigen Vidiano 2025 hatte ich erst im Oktober im Glas.
In der Nase ist er wirklich erstaunlich, nie hätte ich hier an einen Malagouzia gedacht. Nussig ist er, mit viel Quitte und einer Spur Lösungsmittel, die für mich aber durchaus noch lecker ist. Am Gaumen zeigt sich eine interessante Textur, die zwischen leicht ölig und einem durchaus recht groben Gerbstoff oszilliert. Im Strukturgerüst gibt es, finde ich, eine kleine Lücke, der Nachhall ist dann aber wieder sehr lang. Dazu kommt eine für Malagouzia gute Säure, die den Wein speichelziehend macht. Er hat unglaublichen Zug und ist so unglaublich rassig. Funky ist das, aber zugleich super kompatibel für Leute, die da sonst empfindlich sind. Leicht zu trinken ist er nicht, aber spannend und wirklich lecker. Blind hätte ich tatsächlich auf einen gereiften Wein aus dem Jura getippt, und das bei einem Wein, der kein Holzfass gesehen hat und gerade ein Jahr alt ist.
Als erster Wein des Guts wurde er für mich zum Maßstab der übrigen. Die Cuvée Malagouzia Vidiano Chardonnay war golden im Glas und deutlich farbiger als er, in der Nase weniger funky. Der Vidiano teilt mit ihm Lösungsmittel und Quitte, hält aber mit der Gefälligkeit der beiden anderen Weißen nicht mit. Dem Limnio Malagouzia Rosé fehlte wiederum, was die meisten Weine des Weinguts haben und was der Viticulturist in hohem Maß besitzt, nämlich ordentlicher Zug.
Das ist einer der interessantesten Malagouzia-Weine, die ich in den letzten Jahren hatte, ein faszinierendes Malagouzia-Experiment mit viel eigenem Charakter. Wie er altert, kann ich schlecht voraussagen. Unter den drei Weißen von Torosidis liegt er vorn, vor der Cuvée Malagouzia Vidiano Chardonnay mit 91 und dem Vidiano mit 90 Punkten. Die Rosés kamen auf 89 Punkte für den Limnio Syrah und 88 für den Limnio Malagouzia. Nur der Syrah Vidiano 2023 lag noch darüber. Die Malagouzia 2025 von Manolesakis, gleiche Sorte, gleicher Jahrgang, habe ich bei 92 Punkten notiert. Der Viticulturist kostet rund 9 Euro in Griechenland. Für mich sind das 93 Punkte.

Verkostet: August 2026